Der Tod aus der Teekiste
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"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
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Januar 2006
Gwendolina
von Sandy Green

In der Nähe sang ein Vogel. Ansonsten war alles ruhig. Gwendolina schlug die Augen auf. Im Westen stand die Sonne zinnoberrot am Horizont. Gwendolina starrte von unten herauf die langsam versinkende Sonne an, während ihr die eine Frage unablässig durch den Kopf ging: Wie war es möglich, dass es schon Abend war? Sie fand nicht gleich eine Antwort und schon drängte sich ihr die nächste Frage auf, nämlich: Wo war sie? und: Wie war sie hierher gekommen? Die Fragen drehten sich in ihrem Kopf, kreisten, schwirrten in ihrem Gehirn hin und her, prallten an den Schädelknochen ab wie an Gummi und schnellten erneut durch ihre Gehirnwindungen. Das letzte Eckchen des leuchtenden Feuerballs verschwand hinter dem Horizont und die berauschende Farbkomposition, die am Himmel zurückblieb, drang nicht in Gwendolinas Bewusstsein vor, so wie es an normalen Tagen der Fall gewesen wäre. Gwendolina fühlte sich hilflos ihren drängenden Fragen ausgeliefert, unfähig, eine Antwort zu finden. Sie beschloss, sich umzusehen. Langsam hob sie den Kopf. Ein jäher Schmerz durchschnitt ihr Gehirn wie eine Klinge die Butter und zwang sie zurück in die Waagerechte. Als sie wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, versuchte sie es erneut, langsamer als zuvor. Zögernd sah sie sich um. Sie lag im Staub zwischen zwei niederen Büschen, die, wie all die anderen vereinzelten Sträucher, einen großen staubigen Platz von weitreichenden saftig grünen Wiesen trennten. Gwendolina überblickte den Platz, der auf der gegenüberliegenden Seite von einer Straße begrenzt wurde. Reifenspuren hatten sich überall in den trockenen Sand gegraben. Gwendolina drehte vorsichtig den Kopf. Sie konnte in der zunehmenden Dunkelheit nicht erkennen, wo sie war. Ihr Kopf begann leicht zu brummen. Gwendolina schloss für einen Moment die Augen, doch das Brummen ließ nicht nach. Im Gegenteil, es schien stärker zu werden, wuchs an zu einem gewaltigen Dröhnen. Eine gleißende Helligkeit blendete Gwendolina. Entsetzt schloss sie die Augen, zu keiner Bewegung fähig, und wartete mit klopfendem Herzen was geschehen würde. Die Erde schien zu vibrieren, das Dröhnen schwoll an, schien sie vollkommen zu umgeben, doch dann wurde es leiser und leiser, bis es in weiter Ferne zu verklingen schien. Vollkommene Stille legte sich wieder über den Platz. Gwendolina verharrte noch immer mit fest zusammengekniffenen Augen und rasendem Herzen. Erst nach einer ganzen Weile wagte sie es, die Augen zu öffnen. Vor ihr lag der verlassene Platz im Dämmerlicht. Sie war allein. Was war denn das gewesen? An was erinnerte sie das laute Brummen? Und woher kannte sie diesen unverwechselbar beißenden Geruch? Gwendolina versuchte, sich aufzurichten. Sofort hatte sie das Gefühl, ihr kompletter Körper wäre in Brand geraten. Gwendolina sah an sich hinab, aber da war kein Feuer. Was ist, wenn ich nicht laufen kann? durchfuhr es sie und nur mit Mühe kämpfte sie die aufsteigende Panik nieder. Unendlich vorsichtig bewegte sie ihr linkes Bein. Dann versuchte sie das selbe mit dem rechten. Erleichtert stellte sie fest, dass ihre Gliedmaßen wohl schmerzten, aber alle Knochen heil waren. Gerade, als sie sich aufsetzen wollte, hörte sie wieder dieses Brummen. Es wurde lauter und lauter, dröhnte in ihrem Schädel. Doch diesmal schloss Gwendolina die Augen nicht. Zitternd vor Aufregung starrte sie in die Dunkelheit, hörte das anschwellende Dröhnen, beobachtete das heller werdende Licht. Dieses Mal vibrierte der Boden nicht und auch das Dröhnen schien nicht ganz so gewaltig zu sein. Gwendolina starrte auf den Pickup, der an dem Platz vorbeifuhr, die Straße vor sich in blendende Helligkeit getaucht. Ein Pickup! durchfuhr es ihr verwirrtes Hirn. Ja, natürlich. Plötzlich sah sie Bilder vor sich. Wirre Bilder, bunte Bilder. Die Erinnerung schien sie in ihr Bewusstsein zu schleudern, zusammenhanglos, durcheinander: Eine Frau lud Paletten voller Eier auf einen Pickup. Am blauen Himmel zogen kleine Schäfchenwolken ihre Kreise. Dann sah sie den Mann. Er kam auf sie zu. Wie blau der Himmel doch war. Die Frau stieg in den Pickup. In der Nähe brüllte eine Kuh. Sie sah die Männerhand mit der Axt. Gwendolina fühlte die entsetzliche Angst. Wieder sah sie die Axt vor sich. Das Gesicht des Mannes verzog sich zu einem grausamen Lächeln. Eine kalte Mauer im Rücken. Die Schäfchenwolken eilten davon. Der Pickup. Das laute Dröhnen. Die Auspuffgase nahmen ihr den Atem. Die Axt kam näher. Ein gewaltiger Sprung. Der zornig schreiende Mann blieb zurück. Wütend schwang die Axt durch die Luft. Der Fahrtwind ließ ihre Augen tränen. Dann die Kurve. Gwendolina stieß sich vom kalten Blech ab. Sie versuchte den Fall zu bremsen, schleuderte, stürzte zu Boden, Staub wirbelte auf, bevor es dunkel wurde und still, unendlich still.

Der Mond tauchte die Welt in ein bleiches Licht, bedrohlich und doch verheißungsvoll. Gwendolina atmete tief durch. Ihr Herzschlag beruhigte sich. Mühevoll stemmte sie sich hoch, bis sie schließlich unsicher auf ihren Beinen stand. Dann wandte sie dem staubigen Platz den Rücken zu, schüttelte den Staub aus ihrem rotbraunen Gefieder und spazierte mit einem vergnügten Gackern auf die duftende Verlockung der vor ihr liegenden Wiesen zu.

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 23.21 Uhr
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