Honigfalter
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Januar 2006
Einer von Tausend
von Thom Delißen

Es war nichts Besonderes.
Immer dasselbe. Sie rannten, bis an die Grenzen ihrer körperlichen Kapazität.
Wenn sie sich gehetzt umsahen, dabei diesen Blick in den Augen, das seltsame Glitzern, Leuchten, dann wusste er, sie waren nahe daran aufzugeben.
Nicht äußerlich, nein, sie spurteten weiter wie zuvor. Doch der Faden des Mutes, der Hoffnung in ihrem Inneren zerbrach, hatten sie dieses Glimmen in den Gesichtzügen. Er meinte jedes Mal, es tatsächlich zu hören. Ein diffuses Knacken, als ob man sehend horchen könnte, wie ein trockener Knochen bricht. Es kam selbstverständlich immer auf den Zustand, die Kondition des Einzelnen an.
Er erkannte die Verfassung der Fliehenden auf Anhieb. Jede Schwäche, jede Stärke wurden seinem lang geschulten Auge sichtbar.
Dieser Flüchtige hier erschien außergewöhnlich. Ohne Zweifel.
Seit Fünf Kilometern waren sie hinter ihm her.
Der Leutnant grinste. Abwechslung. Etwas abgefahrenes.
Seine Erregung übertrug sich auf seine Untergebenen, einen Trupp herunter-gekommener Landarbeiter, die für eine Schüssel Hirse pro Tag verpflichtet waren, bei der Jagd auf potentielle Regierungsfeinde behilflich zu sein.
Lautstark schlossen die Männer Wetten ab, welche Zeitspanne ihr Opfer noch durchzuhalten in der Lage sei.

Nngo lief, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war.
Das mochte etwas heißen.
Zwei Tage nach seinem neunten Geburtstag hatte Nngos ganz persönliche Tragödie begonnen. Ein wunderbarer, nicht allzu heißer Nachmittag, fröhliches Lachen schallte über das Rund aus Stühlen, das Klassenzimmer, unter einem uralten Mangobaum in der Mitte des kleinen Dorfes im Süden Ugandas.
Wie aus dem Nichts standen die abgerissenen, verschwitzten Männer mit den schwarzglänzenden Waffen zwischen ihnen. Der Alkohol glänzte in ihren Augen, einige waren sturzbetrunken. Der Anführer der Gruppe, ein schwarzhaariger Hüne, postierte sich mit einem Sprung neben der Lehrerin, die erst vor 3 Monaten aus der Hauptsstadt Kampala in dem Dorf eingetroffen war. Es war die „Lords Resistance Army“, kurz LRA genannt. Rebellen, die seit Jahrzehnten gegen Ugandas Präsidenten Musenevi kämpfte.

Locker, aus dem Handgelenk heraus, es sah einer beiläufigen Handbewegung gleich, schwang er das blitzende Metall seiner Machete, der Kopf der jungen Frau fiel zu Boden, ehe auch der Rest ihres Körpers in einer Blutfontäne folgte. Diesen Bewegungsablauf registrierte Nngo damals als Neunjähriger wie in Zeitlupe, es schien ihm, jemand werfe ihm fortlaufend einzelne Bildbälle zu, er nicht in der Lage, sie aufzufangen. Die Soldaten grölten.
Aufgestachelt durch den Jubel der Kameraden, kickte der uniformierte Machetenträger den Kopf in Richtung der am Baumstamm zusammengetriebenen Kinder.
Mit blutunterlaufenen Augen brüllte er das Grüppchen an:
“Hiermit könnt ihr Fußball spielen! Nehmt den Kopf dieser Regierungshandlangerin. Gewöhnt Euch an den Anblick toter Feinde!“
Dann trennten die Soldaten unter Fluch und Streit die Mädchen von den Buben.
Monate später erst realisierte Nngo durch verschiedentliche Erzählungen, nicht zuletzt eigener Erfahrung, was die Untergebenen des Rebellenführers mit den Frauen, Mädchen in der Gemeinschaftshütte, in die sie sie schleppten, wirklich anstellten.
Die Buben mussten sich in militärischer Ordnung auf dem Dorfplatz aufstellen.
Sie waren jetzt rekrutiert. Ihre Zukunft war es, den Tod in allen erdenklichen Versionen zu erleben, zu vollziehen, zu realisieren. Kadogo. (Swahili für die "Kleinen") Die Kindersoldaten Ugandas.
Heute wusste Nngo, der jetzt mit letzten Energien durch den Urwald lief, dass er nur eines unter vielen Zehntausenden Kindern war, die die „Lord Resistance Army“ des Religionsfanatikers Josef Konys aus Schulen, Krankenhäusern, Kindergärten, von zu Hause wegholte.
Die Mädchen dienten den Männern der rivalisierenden Kampfverbände Ugandas als Sexsklavinnen oder als billige Arbeitskräfte, nicht viel anders die Buben, die man jedoch überwiegend für tatsächlich kriegerische Zwecke einsetzte. Als menschliche Minendedektoren oder lebendige Schutzschilder, als beliebig austauschbare Werkzeuge, im Überfluss vorhanden.
Kinder kannten keine Angst. Das macht sie zu hervorragenden Opferfiguren im Krieg.
“Ich richtete meine Waffe auf die Menschen und sie fielen um. Es war ein Spiel.“
Auch Nngo verspürte nun keine Angst mehr.
Nur den Schmerz fürchtete er noch.
Nngo war klar, wenn er jetzt aufgab, sich umdrehte oder langsamer wurde, würden sie ihm einen schrecklichen Tod bereiten. Das war für die Männer der Regierungstruppen genauso ein Vergnügen wie für die Soldaten der Rebellen.
Oft genug war er gezwungen worden, zuzusehen oder sogar daran teilzunehmen, einen Kameraden zu erschlagen, der fliehen wollte, beim Diebstahl aus Hunger erwischt wurde, oder auf einem der langen Märsche auch nur Müdigkeit gezeigt hatte, sonst irgendwie in Ungnade gefallen war.
Anklagend, traurig, verständnislos blickten ihn die Toten an, in seinen Träumen, in langen Reihen aneinandergekettet.
Das kleine Dorf niedergebrannt, die Mütter missbraucht, ermordet. In einem erbarmungslosen Gewaltmarsch trieb man die weinenden Halbwüchsigen in den Urwald. Die am Ende ihrer Kräfte anlangten, erschoss man vor den entsetzten Augen der anderen. Schließlich gelangten sie in ein heruntergekommenes, vollkommen verdrecktes Lager.
„Er drohte, alle zu töten, die versuchen würden, wegzurennen. Nachdem er das gesagt hatte, versuchten es vier Leute. Zuerst hat er ihnen die Augen ausgestochen, und danach wurden sie zum Hinrichtungsplatz gebracht und er befahl, sie zu töten. Er befahl, die Köpfe abzuschlagen, und jeder neue Rekrut musste auf den Körpern sitzen, das Blut auf seine Kleidung schmieren. Das sollte dich abschrecken, damit du nicht mehr daran denkst, nach Hause zu laufen.“
Nngo erinnerte sich an den Tag, einige Wochen nach der Entführung, als sie zum Dorf seiner Eltern zurückkehrten. Einige seiner Kameraden aus der Siedlung war geflohen, hatten eine Waffe mitgenommen. Er und etwa zwanzig andere Kinder, zum Teil ebenfalls aus dem Dorf, ausgerüstet mit zwei Gewehren, eines gerade einmal zwei Hühner wert, marschierten mit etlichen der erwachsenen Kämpfer zwischen die Hütten der kleinen Urwaldsiedlung.
Er sah seine Mutter neben dem Feuer Sie erkannte ihn, hob flehend die Arme, ein Schrei löste sich von ihren Lippen. Entsetzt wollte Nngo ihr deuten ruhig zu bleiben, doch sie sprang auf die Füße, lief laut weinend auf ihn zu, ihn zu umarmen.
Der Befehlshaber des Grüppchens drehte sich um, hob seine Waffe.
Der Schuss traf die junge Frau in die Brust, riss sie zur Seite, ließ sie langsam in die Knie sinken.
Nngo fühlte den Drang zu ihr zu stürzen, wollte sich an ihre Brust schmiegen, doch er fühlte sich wie versteinert. Der Schütze sah mit grimmigem Lächeln in die Gruppe der Kindersoldaten. Nngo meinte sein Blick durchbohre ihn. In diesem Moment tauchte Nngos Vater aus der Hütte auf, er hielt den Speer seines Großvaters, ein Erbstück, vor sich, lief auf die Soldaten zu. Kurz blieb er neben der Leiche seiner Frau stehen, hob den Kopf zu einem schrillen Kreischen.
Der Kommandierende, der seine Mutter erschossen hatte, war neben Nngo getreten.
“Du!“
Er fasste ihn harsch an der Schulter.
“Beweise dass Du ein Krieger bist! Töte ihn.“
Sein Vater war mit diesem unvergesslichen Ausdruck von Leid in seinen Zügen, den Speer wild schwenkend, auf die Rebellen und Kindersoldaten zugestolpert.
“Schieß!“ zischte der Anführer. Seine Hand presste sich in Nngos Nackenmuskeln, der seine Körperfunktionen nicht mehr unter Kontrolle hatte.
Mit einem säuglingshaften Greinen, gleichzeitig Urin und Exkremente unter sich lassend, bewegte er seine rechte Hand in Richtung Abzugsbügel, den Lauf hielt ihm der Soldat in Richtung des taumelnden Angreifers. Die ungläubigen Augen der übrigen Kinder waren auf ihn geheftet.
Dann existiert da in seinem Gedächtnis lediglich der hohle Klang des Schusses, er sah seinen Vater nicht mehr fallen. Er hatte keine Erinnerung an die roten Flammen, in die das Dorf aufgegangen war, nicht an die Schreie der massakrierten Einwohner.
Dieser Tag bereitete ihm die Grenze, zu allmächtiger Pein, zu übergroßem Leid, hatte sein Herz zu einem Granitblocken gefrieren lassen.
„Ich bekomme zwar Alpträume davon, aber Töten ist für mich normal geworden, wie Händeschütteln bei einer Begrüßung.“
Mit der Ermordung seines Vaters gab es für ihn keinen Weg zurück in die Familien- und Dorfgemeinschaft. Eine Praktik, die Josef Konys „Widerstandsarmee des Herrn“ gewohnheitsmäßig anwendete. Oft waren es auch Tanten, Onkel, Schwester, die zu liquidieren die Kinder gezwungen wurden.
Nngo fühlte nun, wie ihm der Atem knapp wurde. Er hatte das Ende des Urwaldstreifens erreicht. Vor ihm lagen Äcker und gerodete Felder, offenes Gelände. Hinter ihm die gut bewaffneten Soldaten der UPDF, der Nationalarmee, die um keinen Deut besser waren als die Rebellen.

Der Leutnant der UPDF kniff die Augen zu Schlitzen.
Der flüchtende, wohl zwölfjährige Junge war jetzt aus dem Waldgebiet auf das Ackerland gewechselt. Ein nicht zu verfehlendes Ziel, sogar für ungeübte Schützen. Doch er hatte mit diesem erstaunlich leistungsfähigen Knaben noch anderes vor. Es war tatsächlich langweilig, der bewaffnete Kampf mit allen seinen Grausamkeiten war zur Routine geworden. Es erwies sich als notwendig, die Spielregeln erweitern, so dass keine Langeweile aufkommen konnte. Der Leutnant war ein Mensch mit Phantasie, - deswegen hatte er mit diesem Kind auch ausgefallene Pläne für die Nacht.
Er wollte ihn lebendig. In kehligen Vokalen instruierte er die übrigen Männer.
Der Junge hastete jetzt, mit ungebrochener Energie, wie der Leutnant lächelnd, mit wohlwollendem Blick anerkannte, in Zickzacklinien über das Feld, warf sich hin, sprang auf, hastete weiter.

Nngo trat aus dem Wald heraus. Keine Deckung, kein Schutz vor Kugeln, unter Umständen vergrabene Minen. Er hörte die lachenden Flüche seiner Verfolger, die raue, befehlsgewohnte Stimmer des Anführers. Nngo konnte seine Anweisungen nicht verstehen. Schwer atmend rannte er vorwärts, ließ sich fallen, schlug Haken.
Niemand schoss auf ihn.
“Es sterben schon zu viele. Jeden Tag Tausend, haben sie gesagt. In Lagern, Gefängnissen, gefoltert von der UPDF, hingerichtet durch die LRA. Aber dich wollen sie lebendig. Für den Krieg gegen die SPLA im Sudan, als Tauschmittel gegen Waffen an der Grenze, als Lustknaben, als Arbeitssklaven.“
Während er keuchend einen Moment lang sein Gesicht in das Gras entlang eines Bewässerungsgrabens drückte, tastete er nach der Seitentasche seiner Leinenhose.
Da war sie, seine letzte Sicherheit, erwärmt von seinem schwitzenden Körper.
Erschrocken, dermaßen lange an einem Fleck ausgeharrt zu haben, sprang er erneut auf die Beine, lief weiter. Jedoch, diese letzte Rast hatte ihn geschwächt.
Er drehte den Kopf, hielt nach den Verfolgern Ausschau. Sie waren ausgeschwärmt, schienen ihn einzukreisen. Keuchend rannte er weiter, doch dann gab er auf. Er hielt ein, in seinem rasenden Lauf, setzte sich im Schneidersitz auf den Boden, kramte zitternd die Handgranate aus der Hosentasche, zog den Zapfen aus der Sicherung.
Er sah dem braunhäutigen Mann, dem Anführer wohl, der unbefangen, amüsiert auf ihn zuschritt, stumm und schwer atmend entgegen. Als noch drei Schritte sie trennten, ließ Nngo den Bügel los.
Sekunden darauf explodierte die Welt tosend in Orangenschalenfetzen.
Das helle Licht tat sich auf und vor seinem inneren Auge sah er eine unendliche Menge von Kindergestalten, die ihn glücklich anblickten, ihn zu sich, in ihre Mitte nahmen.


©TD Dezember 2005

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 23.22 Uhr
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