Der himmelblaue Schmengeling
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Januar 2006
Aquarius
von Melanie Conzelmann

Christian drehte Runde um Runde durch die grüne Hölle. Er zählte seine Bahnen längst nicht mehr. Ziffern hatten aufgehört zu existieren, und die Frage nach dem „Warum?“ fand in dem begrenzten Horizont seines geschrumpften Gehirns keinen Platz.

Sein Leben wurde dominiert vom An- und Ausgehen der grellen Lampe über ihm, aber mehr noch von dem quälenden Hunger, den er stets verspürte.

Mit zuckenden Bewegungen löste sich Christian aus dem Schwarm rot-blau glänzender Leiber, um zur Grenze seines neuen Heims zu schwimmen.

Der Dschungel aus großen und kleinen Wasserpflanzen leuchtete in allen Grüntönen. Ihre Blätter, mal feinfiederig zart, mal rund und fest oder lanzettförmig dem Licht entgegen gestreckt, umrankten ihn. Den Mittelpunkt bildete eine Wurzel, die von den Fischen als Versteck genutzt wurde.

Einst fühlten sich die Fische sehr wohl in der Unterwasserwelt.

Jetzt wucherten die Gewächse und ein bräunlicher Algenpelz spross auf ihnen. Kleine, spitzhäusige Schnecken ernährten sich von Grünalgen, die die Scheiben überzogen.

Vom Hunger getrieben schoss Christian vor und schnappte nach einem Exemplar der schleimigen Gattung.

Irgendwo, weit hinten in seinem winzigen Gehirn verborgen, erwachte ein Gefühl: Ekel.

Sein Maul wölbte sich vor, als er den Happen ausspuckte.

Verzweifelt zupfte Christian an den Algen.

Ein paar seiner Artgenossen hingen bäuchlings an der Wasseroberfläche, die Körper aufgetrieben und blass.

Obwohl sich die menschlichen Instinkte fast nie gegen diejenigen des Fisches durchsetzten, wollte er nicht wie diese armen Kreaturen enden. Die Algen stillten wenigstens seinen Hunger.

Unerwartet wurde seine Aufmerksamkeit auf eine Bewegung außerhalb des Aquariums gelenkt. Er benötigte seinen ganzen verbliebenen Verstand, um durch die Scheibe zu erkennen was vor sich ging.

Eine Gestalt kam langsam näher, sein menschliches Ich.

Langsam bewegte sie sich auf den Schrank mit der Fischnahrung zu und öffnete ihn. Zappelnd fieberten Christians Fischbrüder dem Kommenden entgegen. Er bewegte nicht eine Flosse, sondern schaute entgeistert nach draußen, das Spiegelbild einer Erinnerung in seinem Kopf.

Der Mann, der er einmal gewesen war, griff mit schnappenden Bewegungen seines Mundes nach der Dose mit Flockenfutter, öffnete sie ungeschickt und steckte sich einen Löffel voll in den Mund.



Christian fuhr entsetzt hoch. Sein Herz hämmerte heftig gegen die Brust. Er strich sich durch die schweißnassen Haare. „Nur ein Traum. Alles nur ein furchtbarer Albtraum! Die Fische! Ich habe vergessen die Fische zu füttern!“

Verschlafen erhob sich Christian von der Couch und schlurfte zum Schrank, aus dem er das Fischfutter herausholte. „Höchste Zeit“, dachte er, als er den Deckel des Aquariums öffnete, „Müssen am Verhungern sein, so wie die herumwuseln.“ Er streute Futter auf die Wasseroberfläche und beobachtete, wie die bunten Tierchen gierig zu fressen begannen. Geistesabwesend griff er nochmals in die Dose, ließ die Flocken in seinen Mund rieseln und kaute. „Schmeckt gar nicht so übel …“

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 23.17 Uhr
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