Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Januar 2006
Abgefahren
von Eva Markert

Helen stakste die Straße entlang. Sie bewegte sich ungelenk, fast wie eine Marionette.

In einem Straßencafé in der Nähe von Dr. Julia MacGuires’ Praxis ließ sie sich nieder und bestellte ein Glas Rotwein. Selbst wenn sie saß, empfand sie die Gliedmaßen am unteren Teil ihres Körpers als störend. Wie Stöcke, die nicht dorthin gehörten. Das rechte Knie juckte. Sie kratzte und berührte dabei versehentlich ein warmes Stück Fleisch – die Wade.

Sie blickte auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde bis zu dem entscheidenden Termin.

Gedankenverloren betrachtete sie die braunen Halbschuhe unter dem Tisch. Von Kindheit an waren ihr die Füße fremd gewesen.





Zum Geburtstag bekam die kleine Helen eine Puppe. Sofort brach sie die Beine aus dem Rumpf heraus. Schlaff hingen die geblümten Hosenbeine herunter.

„Warum hast du die schöne, neue Puppe kaputtgemacht?“, schimpfte ihre Mutter.

„Hab ich gar nicht“, protestierte Helen. „Ich hab sie nur richtig gemacht.“

„Aber ohne Beine kann sie keine Schuhe und Strümpfe anziehen!“

„Sie will ihre Beine nicht“, erklärte Helen. „Deshalb braucht sie auch keine Schuhe und Strümpfe.“

„Aber so kann sie doch gar nicht laufen“, wandte die Mutter ein.

„Sie mag nicht laufen. Sie möchte viel lieber im Rollstuhl fahren.“

Helen setzte die Puppe in einen Holzwagen, der für Bauklötze bestimmt war. „Siehst du? Das gefällt ihr. Damit kann sie ohne Beine überall hinkommen.“





„Ich mach dich schön“, sagte Helen zu ihrer Freundin und schnippte mit der großen Schneiderschere in die Luft.

„Tu mir bloß nicht weh!“

„Nee, nee.“ Helen setzte die Schere ein gutes Stück oberhalb von Tinas Knie an und machte Anstalten ins Fleisch zu schneiden.

„Au! Das kneift!“, kreischte Tina.

„Sei still. Gleich bist du schön. Und die blöden Beine verstecken wir unter meinem Bett.“

„Spinnst du? Lass das!“

Ihre Mutter stürzte herein.

Die Ohrfeige brannte noch lange in Helens Gesicht.





Sie zupfte die Mutter am Ärmel. „Mama, ich will die Dinger nicht mehr.“ Sie deutete an sich herunter.

Ihre Mutter blickte von der Illustrierten auf. „Was redest du da für einen Unsinn!“

„Kann man die nicht irgendwie abmachen?“

„Versündige dich nicht! Überleg mal, wie froh der Frank wäre, wenn er zwei gesunde Beine hätte.“

„Warum freut er sich denn nicht, dass er keine Beine hat?“

„Hör sofort auf damit! Ich will nichts mehr hören!“ Mit einer heftigen Bewegung schlug ihre Mutter die Seite um.

„Aber ...“

„Schluss jetzt! Du weißt ja nicht, was du da sagst.“

Helen rannte heulend ins Kinderzimmer.





Die Gelegenheit war günstig. Ihre Mutter hielt ein Mittagsschläfchen. Helen schlich in die Küche, kletterte auf einen Stuhl und holte ein langes Messer aus der Schublade.

Sie setzte sich aufs Bett und ließ die Beine herunterbaumeln. In der Mitte der Oberschenkel hatte sie mit einem Filzstift einen dicken schwarzen Strich gezogen. Dort setzte sie das Messer an. Noch ein Stückchen höher. Ja, das war genau die richtige Stelle.

Helen schloss die Augen und presste die scharfe Klinge ins Fleisch. Sie stöhnte auf. Blut quoll aus dem tiefen Schnitt, rann an den Schenkeln herunter und tropfte auf den Bettbezug.

Sie fing an zu schreien und schleuderte das Messer von sich.

Die Tür flog auf und ihre Mutter stand im Rahmen. „Was machst du da?“

„Ich will keine Beine“, schluchzte Helen. „Aber es tut so weh!“

Ihre Mutter schimpfte und weinte, während sie die Wunden verband. Dann brachte sie Helen zum Kinderarzt.

Helen versuchte ihm zu erklären, warum sie sich mit dem großen Messer geschnitten hatte. Der Arzt schüttelte den Kopf und sah ihre Mutter an. „So etwas habe ich noch nie gehört. Passen Sie gut auf das Kind auf und hoffen wir, dass es sich bald auswächst.





Aber der Wunsch, die Beine loszuwerden, verschwand nicht. Im Gegenteil, er wurde immer drängender. Als Erwachsene konnte Helen nur selten an etwas anderes denken. Jedes Mal empfand sie Abscheu, wenn sie auf diese Gebilde aus Haut, Fleisch und Knochen blickte, die die Ausgewogenheit ihres Körpers so nachhaltig zerstörten. Endlich entschloss sie sich etwas zu unternehmen.





„Was führt Sie zu mir?“ Der Chirurg blickte sie mit höflichem Interesse an.

„Nehmen Sie mir die Beine ab.“

Dr. Sinclair runzelte die Stirn. „Was sind Ihre Beschwerden?“

„Diese Extremitäten entstellen mich. Bitte! Sie müssen mich davon befreien.“

„Wer hat Sie zu mir geschickt?“

„Niemand. Aber ich weiß mir keinen anderen Rat. Bitte! Nur ein Chirurg kann mir helfen. Ich werde erst glücklich sein ohne Beine.“

Dr. Sinclair legte seinen Stift nieder. „Verstehe ich Sie richtig? Sie wollen, dass ich zwei völlig gesunde Gliemaßen abtrenne?“

„Sie funktionieren einwandfrei, das stimmt. Aber meine Seele machen sie krank. Ich kann so nicht weiterleben.“

„Tut mir Leid.“ Dr. Sinclair klappte die Krankenakte zu. „Das würde allen Regeln der ärztlichen Kunst widersprechen. Unsere Aufgabe besteht nicht darin zu verstümmeln, sondern zu heilen.“

„Dann heilen Sie mich! Erlösen Sie mich von diesen Beinen!“

Der Chirurg stand auf. „Was Sie brauchen, ist eine Psychotherapie.“





So kam sie zu Dr. Bolton. Geduldig beantwortete sie alle seine Fragen.

„Haben Sie irgendwann Kontakt zu Amputierten gehabt?“ Helen dachte sofort an Frank. „In unserem Haus, eine Etage über uns, wohnte ein Mann, dem beide Beine amputiert wurden. Nach einem Unfall, glaube ich. Ich bin jeden Tag zu ihm hinaufgegangen. Er hat mit mir gespielt, Karten und Monopoly, weil meine Mutter so wenig Zeit hatte. Später habe ich ihm geholfen, bin für ihn einkaufen gegangen oder habe seinen Rollstuhl durch den Park geschoben.“

„Stehen Sie noch mit ihm in Verbindung?“

„Er ist vor ein paar Jahren gestorben.“

Der Therapeut sah sie nachdenklich an. „Wie sieht es überhaupt mit Ihren sozialen Kontakten aus? Haben Sie Freunde? Gute Bekannte? Gibt es einen Mann in Ihrem Leben?“

„Ich habe viele Bekannte, aber keinen Lebenspartner, falls Sie das meinen.“

Dr. Bolton schrieb etwas auf eine Karte. „Sie brauchen einfach ein bisschen Abwechslung“, sagte er. „Unternehmen Sie was! Gehen Sie aus, verreisen Sie, suchen Sie sich ein Hobby oder schließen Sie sich einem Verein an. Es gibt so viele Möglichkeiten!“

„Deswegen bin ich nicht zu Ihnen gekommen“, stieß Helen mit tränenerstickter Stimme hervor.

„Ich gebe Ihnen ein Medikament gegen Antriebsschwäche.“

Mechanisch griff sie nach dem Rezept.

Der Arzt geleitete sie zur Tür. „Sie werden sehen: Damit fühlen Sie sich bald besser und dann sehnen Sie sich nicht mehr nach jemandem, der Ihren Rollstuhl schiebt.“

Wortlos knallte Helen die Tür hinter sich zu.





Im Fernsehen sah sie zufällig einen Bericht über „body dysmorphic disorders“. Wie elektrisiert verfolgte sie die Sendung. Welch eine Erlösung zu erfahren, dass sie nicht die Einzige war!

Im Internet fand sie Dr. Johnson, einen der beiden anerkannten Spezialisten für das, was andere als psychische Störung abtaten.

Lange wartete sie auf einen Termin. Dann, endlich, saß sie dem Arzt gegenüber.

„Warum“, fragte sie voll Bitterkeit, „findet es fast jeder akzeptabel, wenn sich eine Frau ihre Brüste verkleinern lässt? Oder die Nase? Dabei wird ebenfalls gesundes Gewebe entfernt, nur aus ästhetischen Gründen. Nichts anderes wünsche ich mir. Die Beine verunstalten mich.“

Dr. Johnsohn kniff ein wenig die Augen zusammen.

„Mein Körper hat eine andere Struktur als die, die man sieht“, fuhr Helen eindringlich fort. „Ich fühle es. Ich weiß es. Mein Traum ist ein Leben ohne Beine. Nachts liege ich wach, voll Verzweiflung, weil niemand mir helfen will.“

Lange sprach sie über ihre Qualen und er hörte aufmerksam zu. Es tat gut, sich den ganzen Ekel von der Seele zu reden. „Können Sie mich verstehen?“, fragte sie schließlich.

Dr. Johnson zögerte. Dann unterschrieb er etwas und überreichte ihr ein Papier. Darauf bescheinigte er, dass sie an der psychischen Störung litt, für die es nur eine Therapie gibt: Amputation. „Sie brauchen aber noch eine zweite Meinung“, erklärte er. „Wenden Sie sich an Dr. Julia Macguire. Erst wenn sie meine Diagnose bestätigt, steht der Operation nichts mehr im Wege.“

Dies war einer der glücklichsten Augenblicke in Helens Leben.





Sie nahm den letzten Schluck Wein und blickte auf die Uhr. Es war so weit. Mit zittrigen Händen zahlte sie.

Ihre Gehwerkzeuge trugen sie vorwärts, dann eine Treppe hinauf und in ein leeres Wartezimmer.

Kurze Zeit später blickte Dr. Julia MacGuire sie ernst über den Rand ihrer Brille hinweg an. „Hören Sie manchmal Stimmen? Befiehlt Ihnen jemand, sich Ihrer Beine zu entledigen?“

„Nein!“, erwiderte Helen entrüstet. „Ich bin doch nicht verrückt! Ich spüre einfach, dass mein Körper oberhalb der Knie, etwa in der Mitte der Oberschenkel endet. Alles andere gehört nicht zu mir. Wahrscheinlich würde es sich für Sie ähnlich anfühlen, wenn Sie vier Beine hätten.“

„Sind Sie sich darüber im Klaren, was es heißt, ohne Beine zu leben?“

Helen nickte. „Freitags nach der Arbeit gehe ich oft in ein Sanitätshaus und leihe mir einen Rollstuhl. Zweieinhalb Tage bin ich meinem Traum ein Stückchen näher.“

Dr. MacGuire schrieb alles mit. Dann legte sie ihren Stift beiseite. „Sie hören bald von mir.“





Der Brief kam eine Woche später. In einem einfachen, weißen Umschlag steckte das Blatt, das ihr Leben zum Guten wenden konnte. Die Buchstaben verschwammen vor Helens Augen.

„Sehr geehrte Frau Coral, die Diagnose ‚Body Dysmorphia’ konnte nicht eindeutig bestätigt werden, d. h. es bestehen begründete Zweifel, dass bei Ihnen ein echter Körperbilddefekt vorliegt. Eine Amputation kommt daher nicht in Frage. Ich empfehle Ihnen eine medikamentöse Therapie mit Antidepressiva ...“

Helen weinte, bis sie fast ohnmächtig wurde. Dr. MacGuire hatte ihre letzte Hoffnung zerstört. Nun blieb nur noch eins.





In der heißen Stille stolperte sie den unebenen Pfad entlang. Insekten summten in Büschen und dornigen Sträuchern. Trotz der Hitze waren die Füße taub und eiskalt.

Sie kletterte den Damm hinauf. Wegen des Schotters kam sie nur mühsam voran.

Sie kämpfte sich noch ein Stück weiter vorwärts, dann legte sie sich auf den Boden, die Beine quer über die Schienen.

Irgendwann spürte sie, wie die Gleise anfingen zu vibrieren. In der Ferne hörte sie ein Geräusch, erst nur ein dumpfes Dröhnen, dann ein Donnern, das schnell lauter wurde. Helen schloss die Augen.





„Wie sind Sie überhaupt auf die Schienen geraten?“, erkundigte sich der Assistenzarzt.

Helen war bereits angezogen. „Ich kann mich an nichts erinnern“, antwortete sie. „Der Schock wahrscheinlich.“

„Das hätte tödlich enden können, wenn nicht so schnell Hilfe gekommen wäre“, sagte der Arzt, der ihre Entlassungspapiere unterschrieb. „Sie hatten riesiges Glück.“

Helen lächelte. „Ich weiß.“ Sie reichte ihm die Hand und wandte sich zur Tür.

„Warten Sie, eine Schwester kann Ihnen helfen“, rief er ihr nach.

„Nicht nötig“, erwiderte Helen. „Ich komme sehr gut allein zurecht.“

Geschickt lenkte sie den Rollstuhl aus dem Zimmer, und immer noch vor sich hinlächelnd fuhr sie den Krankenhausflur entlang zum Aufzug.



E-Mail: evamarkert.@arcor.de


Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 09.42 Uhr
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