Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Januar 2006
Metamorphose
von Elsa Rieger

Bin ich wirklich soweit entfernt von Rudis Idealvorstellungen? Ich befühle meine Brüste. So klein wie Mäusefäuste. Bis vor kurzem gefiel mir die androgyne Figur, mit der ich durchs Leben gehe. Auch allen anderen. Die Mädels beneiden mich nicht nur darum, alles essen zu können. Bewundernd seufzen sie: „Du könntest jede Mode mitmachen, dünn wie du bist!“ Nur tiefe Dekolletes kann ich nicht tragen; wer braucht die schon.

Seine Vorgänger in Sachen Liebe mochten mich, genauso wie ich bin. Rudi ist mein erster Künstler. Bildhauer. Vielleicht ist es bei ihm anders. Berufsbedingt. Auch ich habe überdurchschnittliche Ansprüche, aber die betreffen meinen Beruf als Innenarchitektin. Einrichtung und Aufbau von Räumen. Berufsbedingt.
Der überlebensgroße Offsetdruck an Rudis Schlafzimmerwand deprimiert mich. Gestern Abend, als er mich in seine Wohnung einlud, traf mich fast der Schlag bei dem Anblick. Es dauerte eine Weile, bis ich durch Rudis unermüdliche Bemühungen in Fahrt kam und wir doch noch eine leidenschaftliche Nacht verbrachten.
Ich räkle mich im Bett, während Rudi in der Küche das Frühstück zubereitet. Nachdem wir uns auf der Party ineinander verknallten, trafen wir uns dreimal zum Kaffeetrinken. Ich beiße mir auf die Lippen, die ich durchaus für gut gelungen halte.
Angelina Jolies knospender Erdbeermund schmollt auf mich herab. Der pure Hohn in ihren glänzenden Seehundaugen über den hohen Backenknochen krallt sich in mein Gemüt.
„Frühstück, meine Königin der Nacht“, sagt Rudi. Strahlt und stellt das Tablett aufs Bett, legt sich zu mir. Er buttert einen Toast und füttert mich zärtlich.
Zwischen zwei Bissen frage ich nebenbei: „Du schwärmst für Angelina Jolie?“
„Oh ja, ein großartiger Körper.“ Er spuckt Krümel vor Begeisterung. „Sie hat die ideale Figur; Rodin hätte seine Freude gehabt.“
Ich verschränke meine Arme über den Mäusefäusten. Wer ist schon Rodin? Der Nabel des guten Geschmacks?
Rudi zeigt mit einem Butterfinger auf Angelinas Becken. „Siehst du die perfekte Rundung der Hüften? Unglaublich, nicht wahr?“ Er leckt die Butter ab, während ich die Guthaben auf meinen Sparbüchern im Kopf zusammenzähle.

Im Laufe der nächsten Wochen kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Rudis Interesse an mir nachlässt. Oft ertappe ich ihn dabei, wie er in Angelinas Anblick versinkt, minutenlang unansprechbar ist. Er fertigt schwungvolle Bleistiftzeichnungen an, die sie in verschiedenen Posen zeigen. Bald darauf sperrt er sich Tage und halbe Nächte im Atelier ein. „Ich brauche absolute Konzentration, wenn ich einen Stein behaue“, sagt er. Sein Blick ist wild, die Haare stehen ihm zu Berge, er riecht nach Schweiß und Wahnsinn.

Kurzum, es muss etwas geschehen! Ich liebe ihn und denke nicht daran, ihn an Angelina abzutreten!
Beim Mittagessen, das er zwischen den Bergen von Skizzen hinunterschlingt, sage ich: „Liebling, ich werde den ganzen nächsten Monat geschäftlich unterwegs sein, du weißt schon, unser Architekturbüro. Ich habe die Aufsicht für den Innenausbau eines Hotels übernommen. In Telfs.“ Ich verstecke mein Gesicht, das rot anläuft, immer wenn ich lüge, hinter einer von Rudis Zeichnungen. Überflüssig, er starrt unverwandt auf Angelinas Hintern. Immerhin hat er mich gehört, denn er murmelt: „Ist gut. Ich liebe dich, vergiss das nicht.“

Es tut fürchterlich weh und ich bin mittellos. Sparbücher abgeräumt, der Jahresurlaub aufgebraucht. Vorsichtig taste ich über die Verbände auf meinem Gesicht, höre die salbungsvollen Worte des Chirurgen: „Alles wird gut!“
Drei Wochen später sind die Blutergüsse abgeklungen. Seehundblick und schwellender Erdbeermund inklusive Mittelscheitel auf der Unterlippe, ganz nach Vorbild, strahlen mich aus dem Spiegel an, den der Doktor mir entgegen hält. Ich trete die Kompressionshose von den Füßen, tätschle meinen wohl gerundeten Silikonpopo. Rufe sofort Rudi an, dass ich morgen zurückkomme.
„Wunderbar, Königin meiner Nächte; ich werde dich mit Haut und Haar auffressen“, verkündet er, „ich habe endlich die neue Skulptur vollendet!“

Ich sperre auf; kein Rudi da. Öffne die Tür zum Atelier. In der Mitte steht die zwei Meter große Angelina. In Marmor gehauen.
„Ha! Du jagst mir keinen Schrecken ein“, triumphiere ich, „mein Hüftschlenker ist vom Feinsten.“
Auf dem Küchentisch klebt ein Post-it: Bin beim Auftraggeber der Skulptur, Knete kassieren. Kuss, bis dann.
Ich gehe ins Schlafzimmer, um meine Sachen auszupacken. Mein eingeschnitztes Jolie-Lächeln verzerrt sich zum lautlosen Schrei. Von der Wand grinst mich überlebensgroß Cameron Diaz mit ihrem Katzengesicht an.
Mir schwinden die Sinne.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 09.46 Uhr
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