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Januar 2006
Der Tausch oder der „Rote Po“
von Susy Clemens

Es begann mit den „Toren zur Ewigkeit“.
Tim D. Listen, ein befreundeter Schriftsteller, schickte mir zur Ansicht via Mail ein Roman-Manuskript und hoffte, dass ich Korrektur lese. Ich kannte ihn nicht persönlich, nur aus dem Internet. Die ersten Seiten klangen für mich vielversprechend, ließen auf eine illustre Schriftsteller- Persönlichkeit schließen, die ich mir so vorstellte: ein schmuckbehängter Langhaariger, der in einem alten Eisenbahnwaggon wohnte, gerne Dosenbier trank und sich der Erleuchtung näherte. Ganz mein Metier.
„Süß“, zwitscherte ich beim Lesen der ersten Seiten vor dem PC und trank dabei ein Glas Wein.
„Habe ich dir immer gesagt“, bemerkte meine Tochter, die gerade „Sex and the City“ sah.
„Wieso süß?“ murrte mein Mann, während er im Gulascheintopf rührte.
„Ich dachte, es müsse mehr Pfeffer und Paprika rein.“
Ich nahm seine Bemerkung nur am Rande wahr, denn – oh Schreck – das Manuskript hatte zweihundertfünfundsechzig Seiten! Das würde mit meinem Tintenstrahldrucker Stunden, wenn nicht Tage dauern, falls er es überlebte!
Ein Laserdrucker musste her. Blitzartig fiel mir mein alter Freund Fisch ein. Ich erinnerte mich daran, dass in seinem Büro ein solches Gerät stand.

Fisch hatte eine Liebste, eine mehrfache Oma, die in Polen lebte. Der jüngste Enkel war ein Fan der Teletubbies, Laa-laa, Tinky-Winky, Dipsy und Po.
Fisch berichtete mir, dass er seine Wahlfamilie bald wieder in Landsberg besuchen wollte. Der kleine Mihai wünschte sich die Teletubbies als Mitbringsel. Wenn ich also Fisch alle vier besorgen könnte, würde mich der Ausdruck von zweihundertsechsundfünfzig Seiten der „Tore“ nichts kosten. ’Nichts leichter als das’, dachte ich und war stolz, ein so günstiges Geschäft abgeschlossen zu haben. Der Zufall wollte es, dass eine Freundin, mit der ich vor zehn Jahren eine Krabbelgruppe gegründet hatte, noch drei der Püppchen in einer alten Spielzeugkiste fand. Es fehlte nur „Po“, das rote Geschöpf.
Wir trafen uns im „Schmerzhäuser Kopf“. Sie freute sich, etwas ohne großen Aufwand wie Flohmarktstand oder Ähnliches loszuwerden. Die drei Teletubbies steckten in einem Stoffbeutel, den ich später dem hocherfreuten Fisch überreichte.
Als ich am Abend – heute hatte ich Kochdienst – Kartoffelpuffer in der Pfanne wendete, klingelte es: Mareike. Sie hatte den roten Po doch noch gefunden! So eine Freude! Fisch würde jubeln.
Mein Mann bekam von der Operation „roter Po“ nichts mit, denn er versuchte gerade, bei Ebay eine neue Flex zu erstehen – das konnte dauern. Ich servierte die Puffer mit Apfelmus. Später überbrachte ich Tim D. die Botschaft, dass ich seine Story lesen könne, sobald ich Fisch den roten Po übergeben hätte. Die „Tore zur Ewigkeit“ gegen ein Püppchen mit Mini-Fernseher auf dem Bauch – wenn das nicht ein guter Tausch war! Ha!
Ob Tim D. lächeln würde?
„I like you“, dachte ich und gab als „Betreff“ “Buenos Tardes, Amigo“ an – ein Song aus einem schrägen Film, den Tim D. gewiß auch kannte. „Buenos Tardes, Amigo, you look like my Brother“ heißt es da – aber Tim D. sah ganz und gar nicht wie mein Bruder aus. Zum Glück, denn mein echter Bruder trägt einen Vollbart, was ich nicht besonders mag. Tim D. Listen ist mir eher ein Bruder im Geiste, ein Seelenverwandter sozusagen, und schaute nicht gut, sondern interessant aus. Bald würde ich sein Manuskript in Händen halten und mir genüsslich reinziehen – bei „Alles-wird-gut“-Tee, Kerzenschein und vielen Gauloises.
Mein Mann, der, wie er sagt, nie meine Post liest, stieß zufällig auf die Mail: < Juhu! Habe endlich den Roten Po bekommen und kann nun bald Deine Ergüsse konsumieren! Freudensmile! >
Jason lächelte nicht. Er verprügelte mich auch nicht – das ist nicht seine Art – sondern packte schweigend seine zwei Überseekoffer und verkündete: “Ich bin ab morgen weg, es reicht!“
„Lass mich erklären ...es ist nicht, was du denkst“, jammerte ich, während die Verlegenheit meine Wangen purpurn färbte. „Dieser Tim ist bloß ein Schreiber, eine verwandte Seele, gewissermaßen, und der Rote Po – das ist ...“ – „Fuck“, konterte Jason und fuhr sich mit fünf Fingern durch seine schlohweiße Mähne. „Interessiert mich net mehr – ich bin weg. Seelenverwandter – so hast du MICH auch schon genannt! Roter Po!“

Jetzt sitze ich hier mit zweihundertsechsundfünfzig Seiten „Tore zur Ewigkeit“, kann sie aber nicht lesen, weil meine Augen zu sehr tränen.
Der Rote Po und seine Freunde befinden sich bereits auf dem Weg nach Polen. Ob der kleine Mihai sich freut?

©Susy Clemens, 12/05


















Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 09.48 Uhr
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