Wellensang
Wellensang
Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Stefan Schweikert IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Januar 2006
Kaffeeklatsch
von Stefan Schweikert

”Sie wird wohl nicht mehr kommen”, sagte Großmutter zum Wolf.

”Hab noch etwas Geduld”, erwiderte dieser. ”Rotkäppchen war lange nicht mehr hier. Vielleicht hat sie sich im Wald verlaufen.” Er schüttelte den Kopf bis die grauen Spitzohren schlackerten.

Das brachte Großmutter sonst immer zum Lachen. Doch dieses Mal betrachtete sie traurig die festlich geschmückte Kaffeetafel. ”Sie will ihren Freund mitbringen. Bin gespannt, wer es ist. Aber sie ist ja ein hübsches und kluges Mädchen.”

”Oh ja! Ich habe sie auch zum Fressen gern. Aber dein Kuchen ist ebenfalls nicht zu verachten.” Er schleckte mit der Zunge über die Schnauze.

”Schwätz nicht so, das ist geschmacklos!”, schimpfte die Großmutter.

”Ach Oma! Ich bin der Wolf. Ich kann halt nicht anders. Komm, gib mir noch ein Stückchen. Mein Bauch ist zwar voll, als hätte ich Wackersteine drin, aber ein Kleines passt noch rein.”

Plötzlich klopfte es.

Großmutter ging zur Tür und öffnete sie. Draußen wartete eine junge Frau im schicken rotem Kostüm: ”Hallo Oma! Ich hab dir Kuchen und Wein mitgebracht.” Hinter dem Mädchen stand ein smarter junger Mann im Nadelstreifenanzug. ”Und das ist mein Freund”, ergänzte Rotkäppchen.

Großmutter trat beiseite und ließ die beiden ein. Sie setzten sich an den Tisch, unterhielten sich über die Neuigkeiten im Märchenland. Rotkäppchen lobte Omas Kuchen, ihr Freund bewunderte die spitzen Zähne vom Wolf.

Irgendwann fragte die Großmutter: ”Wie haben sie meine Enkelin kennen gelernt?”

”Bei der Arbeit.”

”Es hat sofort gefunkt”, ergänzte Rotkäppchen und errötete.

”Sie sind auch im Kuchen- und Getränkehandel tätig?”

”Nein. Nicht direkt”, erwiderte der junge Mann zaghaft. ”Eher universell ... psychologisch ... ich kümmere mich um die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen ... An- und Verkauf ... sozusagen.”

”Oh! Sie sind doch nicht etwa ...” Großmutter schluckte.

”Nein, nein, nicht was sie denken!”, sagte er eilig. ”Obwohl manche glauben, ich sei der Teufel, so habe ich mit Seelen nur bedingt zu tun. Mein Name ist Mammon.” Er senkte beschämt den Kopf.

”Mammon? Aber dann sind sie ein Gott! Was tun sie im Märchenreich?”

”Ich versteh es selber nicht richtig. Da sitz ich gemütlich auf dem Götterhügel, säe ein wenig Neid und Missgunst und schau den Menschen beim Tanz ums Goldene Kalb zu. Und dann ... eh ich mich versehe ... bin ich hier.”

”Wie konnte das geschehen?”

”Nun ... wie gesagt ... ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, es hat was mit dem Geld zu tun. Anfangs dachte ich, es sei eine wirklich gute Idee. Die Menschen konnten handeln und raffen, über Grenzen und Zeiten hinweg. Aber dann begannen sie, an das bedruckte Papier an sich zu glauben, an Markt und Gewinn und Zinseszins, ohne sich zu fragen, was dahinter steckt. Wie Sterndeuter und Kaffeesatzleser!” Mammon wurde zusehends lauter. ”Die Häuser der Menschen bestehen nicht mehr aus Holz und Stein und Arbeit, sondern aus Aktienkursen und Gewinnprognosen.”

”Warum ärgert dich das alles?”, mischte sich der Wolf ein. ”Du müsstest der glücklichste und größte Gott von allen sein!”

”Du verstehst es nicht! Sie glauben an das ewige Wachstum, obwohl sie wissen, dass ihre Welt eine Kugel - etwas endliches - ist! Sie glauben an Gewinn für alle, obwohl offensichtlich ist, dass wo gewonnen wird auch verloren werden muss. Der Goldesel ist wertlos, wenn jeder einen hat. Das unerschöpfliche Füllhorn ist ein Märchen. Ich bin der Gott eines Märchens geworden! Deshalb bin ich hier!” Mammon schluchzte. ”Und am aller schlimmsten: Früher waren die, die an mich glaubten, glücklich. Heute sind die meisten unglücklich und darben ... und trotzdem ... trotzdem glauben sie an mich!”

Rotkäppchen legte ihren Arm tröstend um den Freund.

”Ich könnte dich fressen, wenn du es nicht mehr aushältst”, bot der Wolf an.

”Ach was!”, rief Rotkäppchen. ”Wie oft hast du die Großmutter und mich gefuttert? Das bringt uns nicht weiter.”

”Was wollen sie dann machen? Der Job des Jägers wäre frei”, schlug Großmutter vor. “Seit Bambi und seit alle vom Tierschutz reden, ist er nicht mehr besonders beliebt.”

”Und wie sollte er das machen?”, spottete der Wolf. ”Er stellt sich vor mich hin und sagt: ‚Hör zu! Ich bin der Mammon, und wenn du die Beiden nicht gleich wieder ausspuckst beschmeiß ich dich mit Centmünzen!‘ Ha! Die Kinder werden sich kringeln vor Lachen.”

”Nein”, sagte Rotkäppchen. ”Wir haben einen besseren Plan. Mit Mammon als Experte in der Geschäftswelt, meiner Erfahrung im Getränkehandel und meinem Namen ... ich hab da eine Sektkellerei im Auge.”



***

”Kaffeeklatsch”

V 1.2 * 02.01.06 – 12.01.06

© Stefan Schweikert

www.stefanschweikert.de

***

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 23.14 Uhr
Dieser Text enthält 4578 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.