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Januar 2006
Herr Wirrnis und Psychiater Geistesblitz
von Gerhard Becker

Psychiater Geistesblitz begrüßte den Patienten Herrn Wirrnis, der nach einem Verkehrsunfall auf der Unfallstadion lag.

„Herr Wirrnis, Sie wissen warum ich hier bin?“
„Hören Sie bloß auf, bin aufgeregt genug. Nur weil ich sagte, an meinem Unfall ist das kleine grüne Männchen schuld, meinten die Ärzte, ich sei verrückt.“
„Nun ja – Herr Wirrnis, eine wirklich seltsame Erklärung, oder?“
„Nein, Herr Geistesblitz, das sehe ich nicht so, oder denken Sie, ich erfinde seltsame Erklärungen, damit Sie für Ihre Existenzsicherung einen Auftrag erhalten?“
„Bitte werden Sie nicht persönlich, erzählen Sie mir lieber von dem kleinen grünen Männchen.“
„Da gibt´s nichts zu erzählen? Das kleine grüne Männchen war am Unfall schuld, basta.“
„Haben Sie vielleicht zuviel utopische Romane gelesen oder sind Sie ein Fan von Marsgeschichten?“
„Nein, Sie?“
Geistesblitz ließ sich nicht herauslocken: „Wo haben Sie die Männchen gesehen?“
„Na wo wohl? Gewöhnlich auf der Straße!“
„Ach, gewöhnlich auf der Straße.“
„Ja genau. Nur diesmal nicht, als der Unfall passierte.“
„Bitte? Weil das kleine grüne Männchen nicht erschien, passierte der Unfall?“
„So ist es! Und das rote sah ich auch nicht.“
„Aha, ein rotes Männchen auch noch.“ Geistesblitz verdrehte die Augen.
Wirrnis nickte erregt.
„Und woher kam das rote Männchen? Etwa von der Venus? Oder fehlte nicht ebenfalls ein violettes Männchen vom Merkur oder ein kariertes vom Jupiter?“
„Machen Sie sich nur lustig! Jedenfalls fehlte das grüne und das rote Männchen.“
„Aha. Plötzlich so bescheiden? Weihnachten ist ja erst einige Tage her. Vielleicht noch einen nachträglichen Wunsch?“
„Also Herr Geistesblitz, Sie können auch den geduldigsten Patienten in den Wahnsinn treiben. Ich stand an der Straße, um Sie zu überqueren. Aber die Ampel war ausgefallen. Da ging ich Gedankenversunken über die Straße und auf einmal ...“

Die Zeit verging schnell, der Frühling ließ die Knospen platzen und Herrn Wirrnis endlich genesen. Zu Hause erfreute er sich – er war auch Vater eines Sohnes - über die großen Fortschritte seines Sprösslings. Er hielt ihn sogar für hochbegabt. Doch ausgerechnet sein „hochbegabter“ Sohn sollte Anteil haben, dass er wieder zum Patienten des Krankenhaus wurde.

Psychiater Geistesblitz begrüßte erstaunt Patienten Wirrnis, der erneut auf der Unfallstadion lag: „Na Herr Wirrnis, wieder hier? Und ein Veilchen haben Sie!“
„Herr Geistesblitz, tun Sie bloß nicht so. Sie wissen schon längst Bescheid.“
„Sicher, aber ich muss wissen, wie Sie es selbst sehen oder erlebt haben.“
„Das ist es ja. Es geht nicht um die Frage, wie ich es gesehen habe, sondern wie ich es nicht gesehen habe bzw. wie es mein Sohn nicht gesehen hat.“
„Aha, das klingt ja fast philosophisch. Also wer hat was nicht gesehen?“
„Mein Sohn hat es nicht gesehen, wie auch, es stand ja nicht da.“
„Und Sie sahen es?“
„Wie sollte ich, wenn es nicht da stand?“
„Hm – und hätte es dagestanden, dann müssten Sie es also gesehen haben.“
„Nicht unbedingt.“
„Nicht unbedingt, obwohl es dastand?“
„Darum geht es gar nicht.“
„Ich stelle nur fest, dass es eigentlich egal ist, ob es dastand oder nicht.“
„Nein, das ist nicht egal. Es stand aber nicht da, darum geht es.“
„Wenn es aber egal gewesen wäre Herr ...“
„... es war aber nicht egal, es ist passiert, weil es NICHT - NICHT - NICHT da stand, Herr Geistesblitz!“
„Ist ja gut, brüllen Sie nicht so! Es stand also wieder einmal etwas nicht da. Diesmal jedoch kein grünes und rotes Männchen oder?“
„Sehr scharfsinnig, wirklich. Aber ich will es Ihnen erklären: Mein vierjähriger Sohn beobachtete mich, wie ich die Spraydose des Rasierschaums vor Gebrauch schüttelte. Er sah auch, wie ich die Spraydose der Sprühsahne vor Gebrauch schüttelte. Als ich eine Flasche Fruchtsaft öffnen wollte, rief mein Sohn sogleich: ´Papa, vorher schütteln!´ Es stimmte, das stand tatsächlich auf dem Flaschenetikett. Als ich das Fläschchen eines Medikaments öffnen wollte, wies er mich erneut mit Recht darauf hin. Wirklich ein kluges Kerlchen mein Sohn.“
„Schon möglich, aber das ist keine Erklärung für ...“
„Ich bin noch nicht fertig. Eines Tages stand eine Flasche Sekt auf dem Tisch. Ich wollte Sie öffnen, doch der Korken ließ sich nicht lösen. Da wollte ich ihn mir ansehen und plötzlich sauste mir das Ding ...“
„...ins Auge, nicht wahr“
„Ja, aber mit einem Karacho, kann ich Ihnen sagen. Und warum?“
„Na, weil Sie so dämlich waren, den Korken auf sich zu richten.“
„Falsch! Absolut falsch Herr Geistesblitz. Mein Sohn kennt mittlerweile das Schriftbild des Hinweises ´Vor Gebrauch schütteln`.“
„Mensch Wirrnis, das steht ja nie auf einer Sektflasche drauf! Und Sie wollen mir die ganze Zeit erzählen, es sei passiert, weil es nicht drauf stand.“
„Herr Geistesblitz, mein Sohn hat aber geglaubt, dieser Hinweis sei nur vergessen worden und so hat er die Flasche in gut gemeinter Absicht vorher geschüttelt.“
„Na dann musste es ja so kommen Herr ...“
„Nein! Wieder falsch Herr Geistesblitz. Auf der Flasche hätte klipp und klar stehen müssen: ´Vor Gebrauch NICHT schütteln!´ Und genau das stand nicht drauf!“
„Wozu auch, kein normaler Mensch schüttelt eine Sektflasche vor ...“ Der Psychiater sieht nervös auf seine Armbanduhr.
„Herr Geistesblitz, hören Sie mir überhaupt zu?“
„Wirrnis, es ist ja schon 15.00 Uhr. Ich habe einen wichtigen Termin sausen lassen.“
„Und warum?“
„Weil Sie mich so lange aufgehalten haben mit Ihren NICHT-DRAUF-STEHEN Herr ...“
„Nein Geistesblitz, weil Ihnen niemand gesagt hat: ´Der Termin ist nicht zu versäumen “
„Sie sind doch ein Id...“
„Wieso ich, wer hat denn einen Termin verpasst – ich oder Sie?“
„Scheren Sie sich zum ...“
„Hurra ich bin entlassen ...“

Das Auge von Herrn Wirrnis heilte ohne Folgen ab. Der Sommer schwang sich zu seiner Höchstform auf und Wirrnis hatte alle Voraussetzungen, um einen der schönsten Sommer des Jahrhunderts als normaler Bürger in einem normalen Zustand zu erleben. Aber bei diesem Herrn hielt die Normalität nie lange an. Und so landete Herr Wirrnis alsbald wieder wegen einer Verletzung im Krankenhaus.
Psychiater Geistesblitz begrüßte den Patienten wie üblich: „Na Herr Wirrnis - Sie wieder hier?“
„Das sehen Sie doch, oder brauchen Sie eine Brille?“
„Na na Herr Wirrnis, nicht gleich so grantig.“
„Nicht gleich so grantig. Ich möchte Sie mal sehen, wenn Ihnen ein Hund in den A... beißt.“
„Und ich wundere mich, warum Sie auf den Bauch liegen und das bei Ihrer Leibesfülle, tut da die Leber nicht weh? Ich meine so eine Leberquetschung ist ja auch nicht ...“
„Jetzt werden Sie nicht unverschämt, meine Leber geht Sie gar nichts an. Und außerdem tut mir mein A... weh und nicht die Leber.“
„Warum biss Sie der Hund gerade dorthin? Irgendetwas müssen Sie falsch gemacht haben. Laut einer internationalen Statistik für Hundebisse ...“
„Herr Geistesblitz, Ihre Statistik ist mir so was von egal, verstehen Sie? Warum mich der Hund gerade dorthin biss, weiß ich nicht, ich habe ihn jedenfalls nicht darum gebeten. Und was soll ich falsch gemacht haben? Was hätte ich anders machen sollen, damit mich der Hund nicht dorthin biss, sondern woanders hin? Und außerdem: Meinen Sie, ich wäre jetzt glücklicher, wenn er mich in den Arm gebissen hätte? Gibt es in Ihrer Statistik auch eine Untersuchung über den Glücksfaktor nach einem Hundebiss, also welches gebissene Körperteil, macht den Gebissenen am glücklichsten? Mich interessiert nicht Ihre kranke Statistik, sondern warum der Hund mich überhaupt biss.“
„Das möchte ich ja gerade herausfinden.“
„Ach, dass möchten Sie herausfinden? Horch, horch – heute ist mein Glückstag. Natürlich darf ich wieder erzählen, wie es dazu kam, nicht wahr?“
„Das wäre am einfachsten. Es gäbe auch die Möglichkeit einer Befragung unter Hypnose oder unter Einfluss von Psychopharmaka ... “
„Oder unter Elektroschocks ...“
„Na Wirrnis, wollen Sie mich zum Gebrauch unlauterer Methoden ermuntern?“
„So eine Ermunterung haben Sie gar nicht nötig.“
„Nun reicht´s Wirrnis, wir wollen nicht übertreiben! Erzählen Sie endlich, wie es zu diesem Hundebiss kam!“
„Na wie wohl? Weil an der Tür nicht stand, dass ...“
„... natürlich Wirrnis, das hätte ich mir ja gleich denken können, es hat mal wieder etwas nicht dagestanden.“
„Wenn es nun mal so war Geistesblitz. Wollen Sie es nun wissen oder nicht?“
Psychiater Geistesblitz, verdrehte die Augen: „Na erzählen Sie schon!“
„Also ich half meinen großen Sohn bei der Austragung von Werbematerial und musste dazu ein Grundstück betreten, das von einem Hund bewacht wurde. Nur wusste ich das nicht. Kein Schild am Tor machte darauf aufmerksam. Gewöhnlich steht ja immer drauf: ´Vorsicht bissiger Hund!´ oder ähnlich.“
„Na und? Es müssen doch nicht alle Hunde bissig sein, Wirrnis.“
„Ach nee. Und woher soll ich das wissen, dass der Hund nicht bissig ist? Jedenfalls kam ein riesiger Neunfundländer angerannt. Das war ein Apparat kann ich Ihnen sagen, war mindestens ein Neunzigkiloländer aber nicht nur ein Neunfundländer.“
„Na übertreiben Sie nicht gleich.“
„Vielen Dank für Ihr Verständnis Geistesblitz. Also wirklich - na ja - was soll ich auch von Ihnen erwarten?“
Geistesblitz seufzte schwer: „Fahren Sie bitte fort! War der Hund aggressiv und so weiter.“
„Was heißt aggressiv? Der kam – wie schon gesagt - angerannt und legte mir seine Pfoten auf die Schulter und fing an, mich abzulecken, sicher um zu testen, wo er mich am besten beißen kann. Ich hatte eine Mordsangst, schrie wie am Spieß, rammte ihm mein Knie in den Bauch stieß ihn von mir und wollte mit einem Satz über den Zaun ...“
„... fliehen, wobei der Hund aber schneller war und Sie in den A... biss.“
„Genauso war es.“
„Ich glaub´s nicht. Wirrnis - ist es ein Wunder, dass der Hund Sie biss, wenn Sie so brutal auf ihm eintreten und ihn Schmerzen zufügen?“
„Ach so - ich bin selbst schuld?“
„Selbstverständlich sind Sie schuld. Sie hätten nur ruhig bleiben müssen.“
„Sie verdrehen die Tatsachen. Es fehlte ein Schild am Tor, auf dem etwa stand: ´Keine Angst, der Hund beißt nicht! Verhalten Sie sich ruhig!´“
„Also Wirrnis, seit wann muss so ein Schild angebracht werden? Lächerlich.“
„Ist es eben nicht. Der Hund unseres Nachbarn beißt ebenfalls nicht. Wenn mein kleiner Sohn den am Schwanz zieht, auf ihn reitet oder über´s Maul streicht, passiert nie etwas. Nein, das Ganze ist passiert, weil mich kein Schild informierte, dass der Hund nichtbissig ist, dadurch geriet ich in Panik, wodurch sich reflektorisch mein Knie anzog und gegen den Bauch des Hundes prallte und ...“
„ ... aha, so eine Art Pawlowscher Reflex also, für den Sie gar nichts können. Verstehe: Sie wurden das Opfer einer Kette von sich zufällig treffenden unglücklichen Ereignissen ...“

Zwei Tage später: Geistesblitz kommt wütend ins Krankenzimmer von Wirrnis gerannt.
„Wirrnis, Sie müssen verrückt sein! Sie sind schuld, dass der Hund von meinem Nachbar meinen Sohn gebissen hat!“
„Wieso?“
„Ich habe mit meinem Sohn über den Hund ihres Nachbarn gesprochen. Da ging er gestern zum Hund unseres Nachbarn, der auch nicht bissig ist. Er zog ihn an den Schwanz, setzte sich auf ihn, um ihn zu reiten und strich ihn über das Maul. Da war´s passiert: Er hatte zugebissen...“
„ ... und wieso bin ich schuld?“
„Na Sie haben mir doch selbst erzählt, was Ihr Sohn mit dem Hund ihres Nebenhausbewohners alles anstellen kann, ohne gebissen zu werden.“
„Ja Geistesblitz, mein Sohn wurde halt das Nichtopfer von einer Kette sich zufällig nicht treffender unglücklicher Ereignisse.“
Der Psychiater kochte: „Warum haben Sie mir dieses Märchen mit dem Hund Ihres Nebendingsda aufgetischt?“
„Das ist kein Märchen. Der Hund meines Nachbarn ist extrem friedlich. Was aber den Hund Ihres Nebendingsda betrifft, da fehlte leider das Schild!“
„Was für ein Schild?“
„Das Schild, auf dem darauf hingewiesen wird, dass man diesen Hund nicht am Schwanz ziehen darf, nicht auf ihn reiten oder ihn über das Maul streichen soll ...“
„Wiiiiiirnisssss !!!!“


Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 23.25 Uhr
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