Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Januar 2006
One With the Freak
von Robert Strauß

„Du bist ein Freak.“
„Nein, bin ich nicht.“
„Wieso?“
„Weil Freak männlich ist und ich nicht.'"Na und. Dann bist du eben ein Mann. Willst du noch ein Bier?“
„Nein. Ich nehm die Rhabarberschorle. - Wieso bist du eigentlich der Meinung, ich sei ein Freak?“
„Weil du die einzige Frau bist, die sich nicht die Achseln rassiert. Weil deine Handschrift so groß ist, wie die Brille von Janis Joplin - obwohl du so kleine Hände hast. Weil du Zigaretten mit einer Hand drehst, während du mir erklärst, weshalb es scheiße ist, sich die Haare zu färben. Und weil du deine Schlafzimmerwand mit Kopien aus "serious plesure" und Feuilletons der FAZ tapezierst."
"Na und. Ich lese nun mal gerne während ich einschlafe. Du hast den durchsichtigen Duschvorhang vergessen, den du so kuhl findest - mit den Fotos meiner Großeltern in den Taschen an der Außenseite. Sie waren die einzigen, denen es scheißegal war, ob ich nackt durch den Garten renne oder nicht. Weißt du was?"
"Ja. ich bin schwul."
"Das wollte ich jetzt gar nicht wissen."
"Was dann?"
"Ich glaube, wir sollten von hier verschwinden und uns irgendwo hinsetzen, wo wir nicht hingehören - und einen fliegenden Teppich knüpfen."
"Wieso?"
"Weil ich kein Freak sein will."
"Dann lass uns Musik machen."
"Wieso?"
"Das macht transparenter - und du brauchst kein Freak mehr zu sein, weil du dann Künstler bist."
"Das ist Schwachsinn! Jeder weiß, dass man von meinem Musikgeschmack kotzen muss. Genauso gut könnte ich einen Film über den Inhalt meiner Gedanken drehen. Den würde zwar keiner verstehen, aber bestimmt wäre jeder bedient damit. Kennst du die Geschichte von dem Penner und der Frau?“
"Nee."
"Ich habe sie mir mal irgendwann ausgedacht, als ich im Zoo war – da war gerade Paarungszeit bei den Tieren. Die Geschichte heißt "two with the freak". Frage mich bitte nicht, wer der Dritte ist, weil es gibt nur zwei Leute. Es ist eigentlich mehr Dialog als Geschichte und geht so:

'Willst du mitkommen?'
'Sieh mich mal an! Ich bin ein Penner.'
'Na und. Ich weiß, dass du ein guter Mensch bist.'
'Und du?'
'Ich bin ein Freak.'
'Du bist ne Frau. Freak ist aber männlich. Aber, wohin gehen wir?'
'Es ist Paarungszeit im Zoo.'
'Ich war lange nicht mehr dort. Das letzte mal als Kind.'
'Und ich will nicht allein sein. Ich bin schon lange allein - seit ich Kind war.'
'Aber, ich stinke! Sieh mich an.'
'Du bist frei. Die leute, die 10 Minuten am Pumakäfig stehen, stinken noch schlimmer.'
'Du hast recht. Was hast du da?'
'Ne Teekanne und Rum.'
'Ich hab schon lange keinen Tee mehr getrunken. Als Kind das letzte mal.'
'Ich war schon lange nicht mehr mit mehreren als mit mir besoffen. Seit ich klein war.'
'Was glaubst du, wieso ich auf der Straße wohne?'
'Was meinst du, wieso ich dir helfen möchte?'
'Weil du allein bist.'

Die nächsten Stunden saßen sie schweigend vor dem Wellensittichkäfig und staunten über das geile Treiben der zwitschernden Vögel. Der Tee war kalt, die Flasche Rum ungeöffnet.

'Danke, dass du mich in den Zoo mitgenommen hast.'
'Das war der schönste Tag in meinem Leben.'
'Soll ich dich nach Hause bringen?"'
'a...Nein. Du kommst zu mir mit. Ich habe zwar nicht viel, aber für uns zwei wird es reichen. Wenn du Glück hast, regnet es. Dann können wir mit dem Fotoapparat Gewitter spielen. Ich mag Regen im Sommer.'
'Das können wir dann immer spielen.'
'Nein. Ich habe Angst, die Einsamkeit zu vermissen.'
'Ich habe Hunger.'
'Ich mache uns Nudeln. Zuhause habe ich auch Musik. Die fetzt. wir können eine Party machen und tanzen. Nachbarn habe ich nicht. Wir können so laut sein, wie wir wollen.'

Die nächsten Stunden saßen sie schweigend vor dem Plattenspieler und staunten über die geile Musik von Pink Floyd. Die Nudeln waren kalt, die Flasche Rum unberührt.

'Danke, dass du mich mit zu dir genommen hast.'
'Das war der schönste Abend in meinem Leben.'
'Kannst du mich nach Hause bringen?'
'Ja...Nein. Du schläfst heute Abend bei mir. Mein Bett ist zwar schmal. Aber es reicht für uns beide.'

Die nächsten Stunden lagen sie schweigen nebeneinander und beobachteten die Punkte, die vor dem Einschlafen vor ihren Augen flimmerten und staunten über den geilen Tag und freuten sich über das Glück des Lebens. Die Pink Floyd-Platte lief unberührt und die Kanne Tee hielt der Penner ins seinen Händen.

Sie sahen sich nie wieder. Der Penner ging sehr früh am Morgen nach New England und die Frau zurück in den Zoo.

Das war's. Das ist die Geschichte. Weißt du, was mich daran fasziniert?"
"Nee."
"Dass du der erste bist, der mir die ganze Zeit zugehört hat, während ich erzählt habe. Meine Eltern konnten das nie."

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 23.15 Uhr
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