Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Januar 2006
Kurt
von Brigitte Regitz

Kurt grinste, als er auf dem Plakat las Fliegen zum Schnäppchenpreis. Sein Freund Max maulte: „Ich bin noch nie geflogen.“

„Aber ich und noch dazu kostenlos“, entfuhr es Kurt. Er erschrak, doch nun war es heraus und sein Freund ließ nicht locker, bis er Bescheid wusste, jedoch kein Wort glaubte.

Als kleines Kind hatte Kurt oft zu Hause am Fenster seines Zimmers gesessen und davon geträumt, auf einem dieser weißen Gebilde davon zu fliegen.

Als er vierzehn Jahre alt war, stieg er an einem Herbsttag auf den Hügel vor seinem Dorf. Oben angekommen, blies er ein mitgebrachtes gelbes Plastikkissen auf. Darauf setzte er sich und streckte ab und zu eine Hand nach einer vorbeischwebenden Wolke aus. Gegen Abend näherte sich ihm zum ersten Mal eine so weit, dass er es wagen konnte, hinein zu springen.



Er stand auf, klemmte sein gelbes Kissen unter die rechte Achsel, trat drei Schritte zurück, lief auf den dichten weißen Nebel zu und sprang. Er hielt die Luft an. Insgeheim fürchtete er sich davor, hindurch zu fallen und hart auf dem Boden aufzuschlagen. Stattdessen fühlte er ein weiches Abfedern. Er empfand Leichtigkeit. Wenn er versuchte, zuzugreifen, hatte er nichts in der Hand. Sie flogen über das Dorf und er konnte von oben auf das Haus schauen, in dem er wohnte. Dann ließ ihn die Wolke auf dem Hügel herausgleiten, das gelbe Kissen hinter ihm her purzeln und entfernte sich langsam. Kurt winkte ihr zaghaft nach und ihm kam es vor, als hätte sie sich für einen Moment zusammengezogen.

Am nächsten Tag war er wieder auf die Anhöhe gestiegen. Das wie ein Wattebausch aussehende Gebilde kam, er nahm Anlauf, sprang hinein und dieses Mal glitten sie über das nächste Dorf. Der Nebel hüllte ihn so ein, dass er keinen Windzug abbekam. Er spürte sogar Wärme. Kurt juchzte vor Freude über dieses unbeschreibliche Schweben.

In den darauf folgenden Sommerferien unternahm er mit seiner Wolke immer weitere Reisen. Zuerst ging es ans Meer, dann in die Berge. Einmal flogen sie sogar bis nach Spanien und zurück.

An einem dieser Tage begegnete Kurt auf dem Nachhauseweg Silvia aus dem Nachbardorf. Er sah sie und es war um ihn geschehen. Von nun an flog Kurt nur noch einmal die Woche, denn die anderen Tage verbrachten er und dieses Mädchen gemeinsam. Bald beschlossen sie, nach seinem Schulabschluss und der sich anschließenden Ausbildung zu heiraten. Die Sache mit den Wolkenflügen behielt Kurt für sich. Max hatte ihm eindringlich davon abgeraten, sie zu erwähnen.

Die Bäume bekamen bunte Blätter. Der Herbst kündigte sich an, als Kurt wieder auf den Hügel stieg. Er hatte ein Foto von Silvia dabei. Das wollte er der Wolke zeigen, um ihr zu erklären, dass er von jetzt an nicht mehr mit ihr fliegen würde. Noch bevor er oben ankam, sah er sie und nun geschah etwas Seltsames. Sie bewegte sich heftig, bis sie wie ein Herz aussah. Kurt lächelte und rief: „Du weißt es also schon? Hier, sieh, das ist Silvia“, und mit diesen Worten zog er das Foto aus seiner Jackentasche und hielt es ihr hin.

Daraufhin fiel die Herzform mit einem Jaulen in sich zusammen. In dem Moment begriff Kurt. Die Wolke war in ihn verliebt.

„Das geht doch nicht“, dachte er. Dann sah er auf und rief: „Es tut mir leid. Es tut mir wirklich unendlich leid, aber ich werde dieses Mädchen heiraten.“ Da verfärbte sich der weiße Nebel, wurde rosa und begann zu säuseln. Kurt war, als höre er: „Bitte komm’ mit mir.“

„Nein, nein, nein“, rief er energisch. „Sieh das ein.“ So ging das eine ganze Weile weiter. Schließlich rief Kurt mit Ärger in der Stimme: „Lass mich in Ruhe! Ich kann mich doch nicht an eine Wolke binden. Herrje, das musst du begreifen. Also lass mich zufrieden!“ Mit diesen Worten drehte er sich abrupt um und kehrte nach Hause zurück, ohne noch einmal einen Blick hinter sich zu werfen.

Nachts wurde er wach. Als er die Augen öffnete, sah er rosa. Er erschrak, sprang aus dem Bett, lief barfuss zum Fenster, riss es weit auf und hörte wieder dieses Säuseln: „Bitte komm’ mit mir.“

„Nein“, knurrte er. „Verschwinde. Lass mich endlich in Ruhe, du rosa Luftgebilde, du Nichts!“ Er schloss schnell das Fenster und zog den Vorhang zu. Seitdem sah er die Wolke nicht wieder.

Die Zeit verging wie im Flug. Kurt hatte einen ausgezeichneten Schulabschluss hingelegt, eine Ausbildung absolviert und einen gut bezahlten Arbeitsplatz gefunden. Nun war der Tag gekommen, an dem er und Silvia wie geplant heiraten wollten. Um zehn Uhr sollte die standesamtliche und danach die kirchliche Trauung stattfinden. Im Anschluss daran war eine große Feier im Garten des Dorfgasthauses geplant.

Um viertel vor zehn warteten Kurt und die Hochzeitsgäste vor dem Standesamt auf das Eintreffen der Braut. Seine Mutter trug ein pfirsichfarbenes Kostüm und einen breitkrempigen lila Hut. Elfriede, ihre Freundin, hatte zur Feier des Tages ein knöchellanges giftgrünes Kleid mit langen engen Ärmeln an. Ihre üppigen roten Locken waren unter eine dunkelgrüne Kappe gepresst.

Kurts Vater und sein zukünftiger Schwiegervater trugen die gleichen Nadelstreifen-Anzüge und hatten schwarze Lackschuhe an. Sie standen mit einem erwartungsvollen Lächeln um die Lippen stumm neben einander.

Plötzlich verdunkelte sich der Himmel. Eine dichte Nebelwand schwebte auf die Gesellschaft hinunter und dann ging ein Prasselregel auf sie herab. Kurt klebte der Anzug am Körper. Der Hut seiner Mutter tropfte lila Flecken auf ihr pfirsichfarbenes Kostüm. Die Locken ihrer Freundin hingen schlaff an ihrem Kopf herunter. Die dunkelgrüne Kappe war verrutscht und drohte, ihr vom Kopf zu fallen. Beide Frauen schluchzten. Die Väter standen wie Statuen da.

Es hörte auf zu regnen, der Nebel wurde immer heller und verfärbte sich schließlich rosa. Dann nahm er eine Herzform an. Kurt erstarrte. Die Farbe wich ihm aus dem Gesicht. In dem Moment fuhr der mit Sommerblumen geschmückte Wagen der Braut vor. Da sagte Kurt zu Max, der neben ihm stand: „Ich habe keine andere Wahl. Bitte erkläre es Silvia“, nahm Anlauf, sprang in das rosa Herz und sie flogen davon. Zurück blieb die Hochzeitsgesellschaft, pitschnass und starr vor Staunen.

Später berichteten Flugreisende von einer rosa Wolke, auf der eine schwarze Gestalt lag, die wie ein junger Mann aussah.


Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 23.26 Uhr
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