Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Januar 2006
Auf dem Balkon
von Patrick Schmitt

„Das darf nicht wahr sein, wie sieht es denn hier aus?“ geht es mir durch den Kopf, als ich mich in der Wohnung umsehe. In dem ganzen Chaos überseh ich in fast, draußen auf dem Balkon. Er dreht sich in seinem Stuhl nach mir um und winkt mich zu sich.
„Ich kann jetzt nicht weg, setz dich“, sagt er und deutet auf das Geländer.
Dann greift nach dem Fernglas, das ihm um den Hals hängt und schaut hinunter.
„Was beobachtest du?“
Ohne das Fernglas herunterzunehmen zeigt er in den Garten vor dem Haus.
„Was ist im Garten?“
Er schüttelt energisch den Kopf. „Nicht der Garten“, sagt er, „die Mauern“.
Ich schaue ihn fragend an.
„Auf dieser Seite steht das Haus, da ist es dicht. Aber siehst du die drei Mauern, die den Garten umgeben? Auf zweien hab ich senkrecht eine Glasplatte angebracht, nicht auf dieser da.“ Er deutet mit dem Kopf nach unten.
Ich warte, aber das war es schon. „Du beobachtest die Mauer, weil sie keine Glasplatte hat.“
Er sieht mich kurz an. „Du verstehst nicht. Schau runter.“
Ich hänge mich übers Geländer. „Im Garten baut jemand Gemüse an“, sage ich.
„Erdbeeren“, antwortet er sofort, „ich pflanze Erdbeeren.“
Ich nicke. Ich überlege. „Und die Mauer?“ frage ich schließlich.
„Auf zwei Mauern habe ich eine Glasplatte angebracht, da können sie nicht rüber, ich habe es ausprobiert, spätestens nach der Hälfte rutschen sie wieder runter.“
„Wer denn? Schnecken?“
Er nickt heftig. „Aber diese Mauer gehört dem Nachbarn, er hat mir nicht erlaubt eine Schneckenabwehr-Vorrichtung anzubringen.“
„Das ist doch nicht dein Ernst, du wartest bis irgendwelche Schnecken über die Mauer klet...“
„AAAAAAAA!“ sein Schrei unterbricht mich. Er lässt sein Fernglas baumeln, greift sich eine Ledertasche, die neben dem Stuhl liegt und zaubert ein Luftgewehr hervor. Er legt an und schießt fünf- oder sechsmal Richtung Mauer. Ich sehe erst was von der Schnecke, als die Fetzen fliegen. Er sinkt in sich zusammen, verschnauft. „Das war knapp“, sagt er. „Ich sollte nicht soviel mit dir reden.“
Ich betrachte nachdenklich die Mauer. „Und was machst du nachts?“
Er schaut mich gleichgültig an. „Ich hab eine Flutlichtanlage installiert.“
„Ich meine, wann schläfst du?“
„Ich schlafe vier Stunden, davor streue ich ein Pulver auf die Mauer. Morgens kontrolliere ich sie dann auf Schleimspuren. Ist eine da, suche ich die Schnecke. Manchmal brauche ich zwei oder drei Stunden – aber ich finde sie immer.“
So langsam wird mir das Ausmaß klar. „Und das alles, wegen der Erdbeeren?“
Er schaut mich verständnislos an: „Ja, wegen der Erdbeeren.“
„Warum versuchst du es nicht mit Gift?“
„Gift!“ Er schnaubt verächtlich. „Ich will die Erdbeeren doch essen!“
„Und warum kaufst du dir nicht einfach welche? Genau, was isst du eigentlich?“
„In der Küche stehen Dosenravioli.“ Er schaut mich streng an: „Weißt du, was man kaufen kann? Meine Erdbeeren sind groß, rot und süß! Du kannst keine Erdbeeren kaufen. Was du kaufen kannst, sind in Nährlösung hochgepäppelte, quallige, Genexperimente.“
„Und wenn du die Schnecken sich einfach satt fressen lässt?“
Ein Entsetzensschrei entfährt seiner Kehle. „Eine Schnecke kann in der Woche bis zu zehn Erdbeeren fressen!“
„Ja, aber ...“
„In der Woche!“ und dabei hebt er den Finger und sieht mich rechthaberisch an. Dann lässt er sein Fernglas sinken und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. „Soll ich vielleicht hier sitzen und Kaffee trinken ...“, dabei faltet er die Hände und dreht demonstrativ nervös Däumchen, „ und Pfirsichmarmelade (er verzieht angewidert das Gesicht) essen, während sich die Schnecken über die Früchte meiner Arbeit hermachen? Über mein Lebenswerk? Zusehen, wie diese kleinen Biester alles zerstören, was mir lieb und teuer ist?“
Ich betrachte wieder die Mauer. „Du hast Recht“, sage ich „das kann niemand von dir verlangen.“
Was würde geschehen, wenn ich fragte, ob er mir eine seiner Erdbeeren überlässt? Wahrscheinlich würde er nach seinem Gewehr greifen und er hat eigentlich Recht: Das Leben ist kein Spaß.

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