Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Januar 2006
Im Glashaus
von Wolfgang Hofer

Gänzlich vergessen saß er da und wartete auf den Aufruf durch die Gegensprechanlage.

Wie lange mochte er schon da sitzen? Er trug keine Uhr, schätzte die Zeit aber auf mehrere Stunden.

Verwunderlich war es ja schon, daß seit geraumer Zeit kein weiterer Patient mehr ins Wartezimmer gekommen war, aber er dachte sich nichts weiter dabei.

Zeit verging...

Eine klackende Tür weckte ihn aus seinem Nickerchen.

Es war jetzt dunkel im Wartezimmer und eine unberuhigende Stille füllte die ganze Arztpraxis aus.

Der Mond schien durch das Fenster und ließ die Schatten der Stühle gespenstisch erscheinen.

In ihm kam der Verdacht auf, übersehen worden zu sein. Ja, wenn er es genau bedachte: Immer mehr deutete darauf hin und die Fakten wurden immer klarer.

„Bin ich nicht mehr ganz bei Trost?“, sprach er für sich, rieb sich die Augen, weil er es einfach nicht glauben konnte. Doch alles blieb beim Alten. Alleine saß er im Wartezimmer der Arztpraxis.

So nahm er seine Jacke, die über dem Stuhl hing, zog sie sich über und wandte sich zur Tür des Wartezimmers.

Dann drückte er die Klinke.

Da geschah es.

Die Tür war verschlossen.

Er versuchte es immer wieder und wieder, doch sie ließ sich einfach nicht öffnen.

Die gruseligen Schatten der Stühle hinter ihm wurden größer und füllten schließlich den ganzen Raum aus.

Sie umschlungen ihn und rissen und zerrten ihn hinein in ihr Innerstes...

Danach war alles dunkel.

Rabenschwarz.

Die Seele öffnete ihre Augen und erblickte ein strahlendes, durchsichtiges Glashaus.

Es war von unendlicher Größe und atemberaubender Schönheit.

Nach oben und unten hin war es offen und auch zu den Seiten war es frei...

Traumreisen führen zu solchen Orten... Es ist die Stätte der Wiedergeburt, die Heimat des Neuanfangs; der Anfang vom Beginn...



Jetzt war er frei.



Als die Arzthelferin am nächsten Morgen das Wartezimmer öffnete, entdeckte sie einen alten Mann, etwa achtzig Jahre alt. Er war einfach eingeschlafen. Friedlich saß er auf seinem Stuhl, seine Jacke hing darüber.

Er war tot.

Und doch lebte er.

Seine Seele war nun frei.



Helligkeit und Wärme umfluteten das Wartezimmer und dreißig Minuten später füllte es sich wieder mit neuen unermüdlich Kranken, wartend auf den nächsten Aufruf...

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 23.13 Uhr
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