Honigfalter
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Februar 2006
Generationserbe
von Monique Lhoir

“Geschafft!” Alexandra stellte die Handtasche auf die Kommode, streifte die Pumps von den Füßen, schleuderte sie in eine Ecke und lief ins Schlafzimmer.
“Wo kommst du so spät her?” Bernd stand im Türrahmen und gähnte.
“Wir haben in der Firma auf meinen neuen Job angestoßen.” Sie wuchtete einen Rollkoffer vom Kleiderschrank.
“Du hast ...?”, fragte er und riss die Augen auf.
“Klar. Ab sofort bin ich kaufmännische Geschäftsführerin des Pharmakonzerns Willert & Willert. Der Seniorchef fliegt mit mir morgen in die USA, um mich seinem Kompagnon vorzustellen.” Alexandra legte sorgfältig einige weiße Blusen in den Trolley.
“Aber ... Wie lange?”
“Bis nächste Woche Montag.”
“Sechs Tage? Wer passt auf die Kinder auf?”
“Du.”
“Ich?”
“Wer sonst. Wir haben uns darauf geeinigt, dass du den Erziehungsurlaub in Anspruch nimmst.”
“Tagsüber. Nicht abends und nicht nachts. Das ist deine Aufgabe.” Er holte tief Luft. “Ich hatte nichts dagegen, dass du als Buchhalterin deinen Teil zum Lebensunterhalt beiträgst, aber Geschäftsführer zu spielen erfordert mehr, als du leisten kannst.”
“Ach.” Alexandra stemmte die Fäuste in die Taille. “Es ist also anstrengender am Schreibtisch zu sitzen, als zu kochen, zu putzen, zu waschen, gleichzeitig Kinder zu versorgen, nach Feierabend einkaufen zu gehen und anschließend den Rasen zu mähen? Woher hast du die Weisheit?”
“Wieso? Es ist ein genetisches Erbe: Die Frau kümmert sich um die Aufzucht der Kinder ...”
“Reichst du mir bitte den schwarzen Spitzen-BH?” Alexandra wies auf die Schublade.
„Etwa den?“ Er hielt ihn demonstrativ in die Höhe. “... Seit es Menschen gibt waren die Männer fürs Jagen zuständig, haben sich um Nahrung gekümmert, während die Frau ...”
“Wunderbar!” Alexandra nahm ihm den BH aus der Hand, legte ihn oben auf und schloss den Koffer. “Ab sofort jagst du im Supermarkt die Nahrung, während ich mir über die Haushaltsplanung Gedanken mache. Vergiss nicht deine Waffen.”
“Alexandra!” Bernd starrte seine Frau an.
“Liebling”, sagte sie, küsste ihn auf die Wange und drängte sich an ihm vorbei, “ich habe wenig Zeit. Morgen früh um sechs geht der Flieger. – Ach übrigens, nächste Woche Dienstag findet in der Hauptverwaltung ein Empfang statt. Da will der alte Willert mich einführen. Du bist herzlich eingeladen. Mach dich zurecht.”
“Wie bitte?” Bernd schluckte. “Soll ich womöglich dort im kleinen Schwarzen aufkreuzen?”
Alexandra kicherte. “Es reicht, wenn du die bezaubernde Kombination anziehst.” Sie ging in die Küche und goss sich ein Glas Milch ein.
Bernd beobachtete sie. “Sag mal”, begann er vorsichtig, “wie bist du überhaupt an diesen Job gekommen? Hast du dich prostituiert?”
Alexandra prustete, sodass ihr die Milch übers Kinn lief. “Wie bitte?”, brachte sie hustend hervor. “Ich habe mir diesen Job mit Fleiß und Ausdauer erkämpft – und am Ende mit noch mehr Geschick. Immerhin musste ich diesen Schnösel Schneider austricksen.”
“Eben.”
“Was eben?”
“Der alte Willert hat dich bestimmt diesem Schnösel Schneider vorgezogen, weil du erotisch bist.”
“Und du meinst, das reicht? Dieser Job erfordert Intelligenz und Ausdauer. Sprichst du mir diese Eigenschaften ab, weil ich deine Frau bin?”
“Natürlich nicht. Ich liebe deine Intelligenz. Aber was soll ich den Kumpels im Kegelclub sagen, wenn ich eventuell absagen muss, weil ich Windeln wechseln muss oder unsere Älteste zum Flötenunterricht fahre?”
“Um sieben ist der Flötenunterricht beendet. Das Kegeln fängt um acht an. Du kannst einen Babysitter anrufen. – Bernd!“ Alexandra stand auf und legte die Arme um seinen Hals. “Ich glaube, das einzige Problem, das dich beschäftigt ist, dass ich einen Superjob ergattert habe.”
“Du willst meine Rolle übernehmen!”
“Die des Ernährers, nicht die des Erzeugers.” Sie schmiegte sich enger an ihn.
“Wäre ja noch besser.”
“So abwegig ist das gar nicht. Sperma aus dem Reagenzglas.” Alexandra biss ihm leicht ins Ohrläppchen und löste sich von ihm. “Es ist alles eine Sache der Evolution, eine Denkweise, ein Erbe, das uns von Generation zu Generation übertragen wurde, die in Westeuropa vorherrscht. Beispielsweise arbeiten in Russland alle Frauen, außer Ehefrauen von einigen hochgestellten Funktionären. Die Russinnen sind stolz auf ihre soziale Verantwortung und verachten die nichtsnutzigen Funktionärsgattinnen.”
“Bist du zum Kommunismus übergewechselt?”
“Quatsch. Ich wollte dir erklären, dass es ganz und gar nicht absonderlich ist, dass ich zur Abwechslung mal für die Familie sorge. Deshalb solltest du froh sein, dass ich mir eine Position ergattert habe, die gut bezahlt wird.”
“Wie stellst du dir unsere Zukunft vor?” Alexandra hatte das Gefühl, dass Bernd zu schrumpfen schien.
“Wie wir abgesprochen haben“, sie stellte den Becher in die Spülmaschine, „nämlich dass ich das Geld verdiene, während du für Haushalt und Kinder verantwortlich bist. Nebenbei kannst du deinen Doktor machen. Eine ganz legitime Arbeitsteilung und zukünftig wird es uns so finanziell besser gehen.”
“Das ist absurd. Was soll Mutter dazu sagen.” Bernd tippte sich an die Stirn.
“Absurd ist, dass Männer von ihren Eltern lernen, die Überlegenen sein zu müssen und die Frauen sich nach wie vor in ihrer Opferrolle wohl fühlen. Ich für meinen Teil habe dazu keine Lust. Genau das hat der Schnösel Schneider zu spüren bekommen.” Alexandra setzte sich an den Küchentisch und griff nach einem Kugelschreiber.
“Du meinst, ich soll ab sofort die komplette Hausarbeit machen?” Bernd kam näher. “Das ist reine Frauensache.”
“Wer sagt das?” Sie blickte kurz auf. Bernd gab keine Antwort.
“Ich habe dir eine Einkaufsliste für die nächsten Tage geschrieben.” Alexandra reichte ihm den Zettel. “Die Rezepte findest du im Kochbuch.” Sie wies auf das Küchenregal.
“Erbsensuppe? Ich kann nicht einmal Spiegeleier braten.” Ihm blieb der Mund offen stehen.
“Aber lesen.” Alexandra ging zum Herd. “Ganz einfach: einschalten, Pfanne darauf, Öl hinein, warten, bis es heiß ist, Eier in die Pfanne und schauen, wann sie fertig sind.”
“Du meinst das wirklich ernst?” Bernd zog die Stirn in Falten und verzog sein Gesicht, als ob er in eine Zitrone gebissen hätte.
“Wir können nicht warten, bis du einen adäquaten Job bekommst. Wir brauchen das Geld. Die Arbeitsmarktlage lässt es im Moment nicht anders zu.”
“Trotzdem ist es Frauenarbeit”, maulte er. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das schaffe.“
“Was genau ist Männerarbeit?” Alexandra legte den Kopf schräg und sah ihn an. “Ich wette, du schaffst es. Alles wird nie so heißt gegessen wie es gekocht wird. Weiß du, man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird von der Gesellschaft dazu gemacht. Reine Bequemlichkeit, uns die Verantwortung für Kinder und Haushalt aufzuladen – und das alles unter dem Deckmantel der Liebe. Wir haben die Chance, genau das jetzt zu ändern.”
“Liebst du mich denn nicht mehr?”
„Komm, wir gehen schlafen.“

Nach fünf Tagen kam Alexandra von ihrer Amerika-Reise zurück. “Hallo! Ich bin wieder da!”, rief sie und stellte den Trolley in den Flur.
“Mami! Mami!” Nadine lief ihr entgegen und schlang die Ärmchen um den Hals der Mutter.
“Hat alles geklappt?” Alexandra löste sich aus der Umklammerung und blickte Bernd entgegen.
“Papi hat die Erbensuppe verhauen”, erklärte Nadine knapp.
“Wieso?” Alexandra zwinkerte Bernd zu. “War sie so böse?”
“Ich war ganz brav”, erklärte Nadine und verzog den Mund.
“Ich meine die Erbsensuppe. Du hast gerade gesagt, Papi hätte die Erbensuppe verhauen.”
“Du scheinst bester Laune zu sein, wenn du jetzt noch scherzen kannst.” Bernd gab Alexandra einen Kuss.
“Wie lief es?”, fragte sie.
“Stress pur.” Bernd stöhnte. “Morgens Benjamin wickeln und füttern, anschließend Nadine in die Schule bringen, nach Hause hetzen, Wäsche waschen, Wohnung aufräumen, Nadine aus der Schule holen, Kinder füttern, Hausaufgaben, Supermarkt, Bäcker, Metzger, Hausflur putzen, nachts an meiner Doktorarbeit geschrieben. Die alte Meier von oben besitzt die Unverschämtheit, abends einzukaufen und hält Land und Leute an der Fleischtheke auf ...”
“Du Armer.” Alexandra küsste ihn auf die Nasenspitze.
“Ich gebe es zu.” Bernd hakte Alexandra unter und ging mit ihr ins Wohnzimmer. “Heutzutage zur Frau gemacht zu werden, ist ein hartes Erbe. - Ich bin froh, dass du wieder da bist.”
“Und als Dankeschön bekommen wir das Jahr der Frau, gleich hinter dem Jahr des Hundes, dem Jahr des Pferdes, dem Jahr des Goldhamsters ...”
“Im Moment plädiere ich für das Jahr das Mannes ...”, raunte er an ihrer Wange.
„Ich habe dir aus Amerika was mitgebracht.“ Sie knuffte ihm zärtlich in die Seite
„Was?“
„Reagenzgläser mit Volumenskala.“

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 10.07 Uhr
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