Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Februar 2006
Väter und Söhne
von Silvia Both

“Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen ...”, summte Waldo vor sich hin, als er die Allee des Villenvorortes entlang schlenderte. Er kickte einen Stein aus dem Weg, der auf der Motorhaube eines grünen Jaguars einen kaum sichtbaren Kratzer hinterließ. Unter der nächsten Straßenlaterne sah Waldo auf die Uhr, fünf vor zwei. In der kalten Morgenluft produzierte sein Atem kleine Nebelwolken. Er zog die schwarze Wollmütze noch tiefer über seine Ohren. Die Lederriemen des vollgestopften Bundeswehrrucksacks drückten schmerzhaft auf seine mageren Schultern. Wo blieb Eddi?

“Hände hoch!”

Waldo machte einen Satz nach vorn.

“Musst du mich so erschrecken! Fehlt nur noch, dass jemand was merkt.”

“Reg´ dich ab, hab´ nur Spaß gemacht.”

“Schöner Spaß”, murrte Waldo.

“Wo ist denn jetzt die Villa deines Vaters?” lenkte Eddi schnell ab.

“Du stehst genau davor.”

Der andere beäugte das schwere Metalltor und die hohen Mauern mit den Stacheldrahtrollen.

“Prost Mahlzeit!”

“Doch nicht hier! Komm!” Waldo zog ihn um die Ecke in eine Seitenstraße. Eddi richtete eine Gummischleuder auf die Straßenlaterne, es klirrte leise und sie standen im Dunkeln.

Waldo ließ den Rucksack auf den Boden fallen und entnahm ihm eine Strickleiter, an deren Ende ein Haken befestigt war. Lässig warf er ihn auf die Mauer. Sofort kam der Metallhaken zurückgesegelt, weil er die Entfernung falsch eingeschätzt hatte. Beinahe hätte er seinen Kumpel damit ausgeschaltet.

“He, lass mich mal!” Eddi griff ärgerlich danach. Weniger elegant aber erfolgreicher warf er den Haken über die Mauer. Mit einem kratzenden Geräusch hakte er sich oben fest. Gelenkig kletterte Eddi hinauf. Waldo folgte ihm. Auf der anderen Seite befestigte er die zweite Strickleiter und stieg hinab.

Kläffend lief ein Schäferhund auf sie zu.

“Schnell, das Fleisch!” drängte Eddi.

“Jupiter! Guter Hund, braver Hund”, lockte Waldo. Wenige Meter vor ihnen stoppte der Hund und schnupperte erst an seiner Hand und dann an einem Steak, das er gierig hinunterschlang. Plötzlich begann er zu torkeln, seine Beine knickten unter ihm ein und er kippte zur Seite. Während ihn Waldo streichelte begann er schon zu schnarchen. Erleichtert wandten sich die beiden Einbrecher nun ihrem Ziel zu, einer dezent von außen beleuchteten cremeweißen Gründerzeitvilla.

“Nobel”, flüsterte Eddi.

Waldo zuckte mit den Schultern. Er hatte den Anblick in früheren Jahren ausgiebig genossen.

“Wir steigen in den Keller ein. Mein Schlüssel müsste noch passen.”

Wenig später schwang die Kellertür einladend auf.

Die beiden kletterten über verschiedene Gartengarnituren vorbei an den Palmen, die hier überwinterten und bahnten sich durch die feuchte Wäsche im Waschkeller ihren Weg nach oben.

“Schön, dass du dich hier so gut auskennst”, nickte Eddi anerkennend. “Warum hat dich dein Alter eigentlich enterbt?”

“Halt´s Maul, sonst weckst du noch den Wachmann auf”, murrte Waldo.

“Ich dachte, der schläft um die Zeit.”

“Nicht mehr lange, wenn du weiter so quasselst.”

Eddi schwieg beleidigt.

Sie schlichen die Treppe hoch. `Da ist er wieder, der altvertraute Mief: Teure Teppichen, Zigarren und ein Hauch Parfüm`, dachte Waldo. Daddy schenkte allen seinen Frauen das gleiche Parfüm, sie kamen und gingen, aber der Duft im Haus blieb. `Es hat sich nichts geändert.`Er verscheuchte die aufsteigenden Erinnerungen wie lästige Fliegen. Im Salon eilte er zielstrebig auf das überlebensgroße Portrait des Hausbesitzers zu, hängte es ab und zeigte seinem Kumpan den Safe, der dahinter verborgen war.

Mit zitternden Fingern drehte er am Rädchen in der Mitte. Dreimal nach rechts, fünfmal nach links, einrasten lassen, dreimal nach rechts, zweimal links, einmal rechts. Wenn er sich nicht irrte ... Wenn Daddy nicht die Kombination geändert hatte ... Er hielt den Atem an und zog an der Safetür. Sie schwang auf.

“Wahnsinn”, stöhnte Eddi.

Waldo griff hinein. Da lag es weit hinten, wo es immer gelegen hatte. Einmal im Jahr, zu Weihnachten, wurde der Safe besonders feierlich geöffnet, das Paket herausgeholt und von seiner dicken Schicht Packpapier befreit. Die Familie bestaunte die Farben, die einmalige Pinselführung, unverkennbar und viele Millionen wert.

Er drückte seinem Freund die Beute in die Hand.

“Dieses Bild wurde bei einer Auktion von einem anonymen Sammler aus den USA ersteigert, hat es damals geheißen, um die Öffentlichkeit zu täuschen.”

Eddi nickte. “Also weiß niemand außer der Familie davon!”

Waldo lief auf dem kostbaren Perserteppich hin und her und stach mit dem Zeigefinger Löcher in die Luft.

“Als er noch lebte, hat der Maler gehungert und seine Bilder beim Bäcker für Brötchen eingetauscht. Das Bild verdient es nicht, in einem finsteren Verließ zu versauern!” schrie er fast.

Sein Freund zuckte zusammen. “Bist du verrückt! Wenn dein Vater dich hört.”

“Der ist doch in Davos. Und Herr Schäfer pennt um diese Uhrzeit immer.”

Er verschloss den Safe sorgfältig und hängte das Portrait wieder auf. Bis Weihnachten dauerte es noch elf Monate. So lange würde keiner danach sehen.

Er nahm das Bild wieder entgegen und hielt es vorsichtig im Arm. Sein Vater hatte ihm niemals erlaubt es anzufassen. Das hatte er nun davon.

Plötzlich hörten sie Schritte. Jemand kam die Treppe hoch. Schnell versteckte sich Eddi hinter dem Sofa, Waldo hinter den bodenlangen Vorhängen.

“Hier muss es sein. Hinter dem Portrait hat er gesagt.”

“Dem hast du ordentlich Angst eingejagt.”

“Ein Wachmann, der pennt, hat nichts anderes verdient.”

“Er ist doch nicht tot?”

“Ich bin doch kein Mörder, der kommt wieder auf die Beine. Aber den Job dürfte er los sein.”

Verdammt, Einbrecher!

Einer hing das Portrait ab und machte sich am Safe zu schaffen. Er fluchte. “Blödes Zahlenschloss, nichts zu machen. Gib mal den Flammenwerfer.”

Waldo hörte das Fauchen eines Schneidbrenners. Er drückte das verschnürte Paket fest an sich und überprüfte seine Fluchtmöglichkeiten. Hinter sich spürte er die kühle Glasscheibe der Balkontür. Langsam, sehr langsam, drehte er an der Klinke. Kalte Luft strömte ihm entgegen. Er schob sich durch die Tür nach draußen auf den Balkon. Der Boden war spiegelglatt und er fiel hin. Das Paket glitt aus seinen Händen, rutschte über die eiskalten Fliesen unter dem Geländer durch und kippte in den Garten.

Die Balkontür wurde aufgerissen. Der Einbrecher zerrte Waldo in den Salon. Vor dem Sofa stand Eddi mit erhobenen Händen. Der zweite Mann bedrohte ihn mit einer Pistole.

“Stell dich dazu”, sagte er barsch.

Waldo schlich zu seinem Freund.

“Na, ihr habt wohl den Tresor nicht gefunden”, höhnte die Konkurrenz und setzte den Schneidbrenner wieder in Gang.

“Jetzt stört die Profis nicht bei der Arbeit.”

Wenige Minuten später war der Tresor geknackt. Der Profi riss alles heraus, was er fand. Papiere ließ er achtlos zu Boden fallen. Die Schmuckkassetten wurden in eine Tasche geworfen, das Bargeld auch.

In der Ferne erklang eine Polizeisirene.

“Mist, weg hier!” Der Bewaffnete zog Eddi mit dem Knauf der Pistole eins über. Dann war Waldo an der Reihe. Mit dem Mut der Verzweiflung rammte er dem Konkurrenten das Knie in die Weichteile. Der Mann knickte stöhnend ein und ließ die Pistole fallen. Dabei löste sich ein Schuss. Sein Komplize schrie auf und griff nach seinem Arm, der glatt durchschossen war.

Waldo zerrte an seinem Freund. “Wach auf, Eddi. Wir müssen abhauen. Die haben die Alarmanlage im Tresor in Gang gesetzt.”

Eddi schlug die Augen auf. Als er begriff, worum es ging, sprang er auf. “Los, über den Balkon”, rief Waldo.

Die beiden kletterten über die Brüstung und ließen sich in die dichten Büsche darunter fallen. Waldo landete direkt neben dem wohlverschnürten Paket, das er an sich riss. Sie hetzten auf die Mauer zu, vorbei an dem tief schlafenden Jupiter.

Eilig kletterten sie die Strickleiter hoch und sprangen auf der anderen Seite hinunter, gerade als die ersten Polizeiwagen mit quietschenden Bremsen vor dem Villeneingang hielten.

“Wir treffen uns in New York”, flüsterte Waldo Eddi zu. “Wie abgemacht, halbe-halbe. Bis dann.”

Lautlos verschwanden die beiden in der Nacht.

Die Polizei stand vor einem Rätsel. Verletzte Einbrecher in einer Villa, die eisern schwiegen, ein aufgebrochener Safe, aber anscheinend war nichts geraubt worden. Ein Bandenkrieg?

Der Besitzer der Villa hütete sich, das Bild zu erwähnen. Mit dem Finanzamt wollte er es sich nicht verderben.

Einige Wochen später, beim Frühstück, stachen ihm die Schlagzeilen in die Augen. “Verschollenes Werk des weltberühmten Malers nach vielen Jahren wieder aufgetaucht. Museum of Modern Art (MoMA), New York überglücklich. Sprecher des Museums bestätigt Echtheit. Über den anonymen Verkäufer werden keine Angaben gemacht. Anstelle eines Namens möchte er ein Goethe-Zitat unter dem Bild angebracht wissen: Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen. Warum, weiß niemand. Vielleicht möchte der Verkäufer, dass wir uns besonders mit diesem Bild beschäftigen, um den Maler noch besser zu verstehen.”

Waldos Vater ließ die Zeitung sinken und starrte auf sein Portrait an der Wand gegenüber.



© Silvia Both

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 10.01 Uhr
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