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Februar 2006
Christhase und Osterkind
von Anne Zeisig

Anna Maria hält die Griffe ihres Gewägelchens fest in den Händen und schiebt es langsam vor sich her. `Meine Hände sind noch flink´, denkt die Fünfundachtzigjährige, ´aber die Beine wollen halt nicht mehr so recht.´ Endlich ist sie in dem kleinen Kaufhaus angekommen und trägt in der Dekorationsabteilung ihren Wunsch vor: „Letztens hatten Sie wunderschön bemalte Ostereier zum Aufhängen. Davon möchte ich gerne ein Dutzend kaufen.“
„Letztens?“, fragt die Verkäuferin und runzelt ihre Stirn über der Nasenwurzel.
„Ja, letztens.“ Anna Maria öffnet die oberen zwei Knöpfe ihres Wintermantels, weil es im Laden sehr warm ist.
„Aber in einer Woche ist Weihnachten und nicht Ostern.“ Die Dame hinter der Verkaufstheke nimmt den Kalender vom Haken und hält ihn Anna Maria vors Gesicht.
Die Alte öffnet auch noch den dritten Mantelknopf und kneift ihre Augen zu einem Schlitz zusammen. Dann sagt sie mit fester Stimme: „Richtig. Und weil bald Weihnachten ist, benötige ich unbedingt die Eier.“
Die Verkäuferin hängt den Kalender wieder auf: „Weihnachtsartikel finden Sie auf der Sonderfläche in der dritten Etage.“ Sie zeigt nach oben,. „Kugeln, Engel, Trompeten, Lametta, alles was das Herz begehrt. In Rot, in Silber, in ... “
„Ich will aber die buntbemalte Eier!“, wird sie laut von Anna Maria unterbrochen, „schließlich hatten sie letztens sehr viele davon im Sortiment!“
Die Verkäuferin dreht ihre Augäpfel nach oben: „Letztens! Das kann nicht sein. Ostern war Mitte März. Nun haben wir Dezember.“
„Ich möchte die Eier an den Tannenbaum hängen.“ Die Alte rollt ungeduldig hin und her.
„Niemand hängt Ostereier an einen Weihnachtsbaum.“
„Doch! Ich tue das! Ein Dutzend habe ich ja. Aber das reicht nicht, weil der Baum recht groß ist.“ Sie schließt fahrig ihre Mantelknöpfe. „Meine Enkeltochter Steffi soll einen schönen, bunten Baum haben. Sie verstehen?“
Die Verkäuferin beugt sich über die Theke und schaut der Alten tief in die Augen: „Ihre Enkelin hat sich Eier am Baum gewünscht?“
Anna Maria schüttelt energisch den Kopf: „Quatsch! Ich.“
„Der Kunde ist König“, raunt der Abteilungsleiter seiner Mitarbeiterin zu. Er hatte das Gespräch aus geringer Entfernung verfolgt.
Eilig holt die Verkäuferin für Anna Maria ein Dutzend Ostereier aus dem Lager. Farbig bedruckte Eier aus Plastik.
. . .

„Schön bunt! Schön bunt! Und wann kommt der Osterhasi?“ Die kleine Steffi wuselt um den Baum herum und lacht.
Anna Maria sitzt mit ihrer Tochter Angelika am Kaffeetisch.
Die legt ihrer Mutter und sich ein Stück Stollen auf die Kuchenteller und flüstert: „Warum hängen diese grellen Ostereier am Baum?“ Solch eine absurde Idee, das passte so ganz und gar nicht zu ihrer Mutter. „Du hättest doch den alten Baumschmuck aufhängen können. Da sind schöne Teile dabei, die du von deinen Eltern geerbt hast. Und was kaputt gegangen ist, haben Vater und du mit Mundgeblasenem ergänzt.“
Anna Maria stochert im Stollen herum und wischt sich Tränen aus den Augen: „Das ist die erste Weihnacht ohne deinen Vater.“
Die Tochter zieht die Augenbrauen hoch. „Schmerzt dich die Erinnerung?“ Sie tätschelt kurz die Wange ihrer Mutter.
Die Alte schüttelt den Kopf und wischt sich mit dem Handrücken die Augen trocken.
Steffi kriecht zu ihrer Oma auf den Schoß: „Bunter Baum, Omi! Schön!“
Angelika schmunzelt und hebt die Kleine hinunter. „Omi und ich wollen Kaffee trinken.“
Anna Maria schiebt den Kuchenteller von sich: „Wenn ich mal nicht mehr bin, dann soll die Kleine diese Ostereier erben. Siehst doch, wie sie ihr gefallen.“
„Aber Mutter“, die Tochter gießt sich den Rest Kaffee aus der Kanne in die Tasse, „wer in deinem Alter einen so großen Baum schmücken kann, der wird hundert. Trotzdem. Diese Eier.“
„Habe Eier dran gehängt, weil ich Ostern nicht mehr mit euch feiern kann. Ich spüre, dass dein Vater mich bald holen wird.“
Steffi tänzelt wieder um den Baum herum. „Mami! Kommt am Abend der Osterhasi oder das Christkind?“
„Beide kommen“, flüstert die Alte und hält ihre Tochter am Ärmel fest, als diese das Geschirr in die Küche bringen will. „Du musst mir versprechen, dass die Kleine die bunten Eier bekommen wird.“
„Mutter, ist ja gut.“ Angelika geht in die Küche. Wie seltsam alte Leute doch werden können. Der wertvolle Baumschmuck ist der Mutter nicht der Rede wert, aber diese billigen Eier aus Plastik.
„Den Baumschmuck habe ich gestern deinem Bruder geschenkt“, hört sie ihre Mutter aus dem Wohnzimmer sagen. „Vielleicht besinnt er sich auf seine Pflichten als Onkel und wird zum nächsten Fest einen Baum für Steffi herrichten.“
„Was?“ Der Tochter fällt ein Kuchenteller aus der Hand und zerschellt auf den Bodenkacheln.
„Angelika? Ist was passiert?“
„Nein! Nichts ist passiert!“ Sie bückt sich und hebt die Scherben auf. So eine Enttäuschung.
`Bruderherz ist beruflich viel unterwegs und hatte noch nie Sinn für Familienfeierlichkeiten. Ausgerechnet ihm gibt sie den Schmuck.´
. . .

Karfreitag sitzt Angelika mit Steffi in der Küche. Sie haben Eier gekocht, welche nun angemalt werden sollen.
„Ist die Omi im Himmel bei Opi?“
Angelika nickt und streichelt ihrer Kleinen zärtlich durchs Haar.
„Und die bunten Eier vom Tannenbaum? Sind die auch im Himmel?“
„Die sind im Keller.“ Angelika legt die Farbtöpfchen und die Pinsel auf den Tisch. Die Kleine drängelt, dass die Mutter die Eier hoch holen soll. Angelika schluckt schwer am wenigen Speichel ihrer trockenen Kehle, als sie den Karton mit vierundzwanzig bunten Plastikeiern auf den Küchentisch stellt.
Steffi nimmt eines heraus und dreht es vor ihren Augen hin und her: „Oh! Wie bunt!“ Das Mädchen hat den Mund weit geöffnet. Sie lässt das Ei abwechselnd von einer Hand in die andere gleiten. Angelika nimmt ihr das Ei weg und wirft es in den Karton zurück: „Wir beide bemalen nun Eier, die viel bunter und schöner sind.“
„Steffi will nicht mehr!“ Die Kleine nimmt geschwind ein Ei vom Tisch und verkriecht sich damit in ihrem Zimmer unter dem Bett.
`Ich hätte ihr nicht so schroff das Ei wegnehmen dürfen´, denkt Angelika, und stellt den Karton ihrer Tochter ins Zimmer.

. . .

„An Weihnachten hatte ich noch nie einen Baum, Schwesterlein, aber an Ostern!“
Staunend stehen Angelika und Steffi Ostersonntag vor der Tanne, die in Gold und Silber glitzert. Sogar richtige Wachskerzen hatte der Bruder angebracht.
Angelika wischt sich Tränen aus den Augen: „Wie früher.“
Ihr Bruder nimmt die Kleine auf den Arm: „Und? Gefällt dir der Baum?“ Steffi schüttelt den Kopf und drängt, er möge sie runter lassen. Sie läuft aus dem Zimmer.
Angelika schnäuzt in ihr Taschentuch. Ihr Bruder umarmt sie: „Kannst das Baumgehänge nach Ostern mitnehmen. Ich wollte Mutter nicht vor den Kopf stoßen, deshalb habe ich das Geschenk angenommen. Dachte mir, eine Weihnachtstanne an Ostern wäre ein toller Gag.“
Seine Schwester kichert: „Wie die Mutter, so der Sohn. Sie hängte an Weihnachten Eier an den Baum, und du an Ostern Weihnachtsschmuck.“
Steffi kommt in den Raum, schleift eine Tüte hinter sich her und weint. „Habe die Eier mitgenommen. Sollen aufgehängt werden.“ Sie lässt die Tüte fallen. „Aber alle sind kaputt.“ Das Mädchen setzt sich auf den Boden, greift in die Tüte und hält den Erwachsenen zwei Eierhälften entgegen.
Angelika setzt sich zu ihrer Tochter und nimmt die beiden Hälften an sich: „Hm. Da ist mittig eine Klebenaht, die sich gelöst hat.“
„Keine Sorge! Die Eier klebt dir dein Onkel wieder zusammen!“
Angelikas Bruder nimmt die Tüte, schaut hinein und reißt seine Augen auf. „Wo kommt das Geld her?“ Er schüttelt den Inhalt auf den Boden. Es fallen nicht nur Eierhälften heraus sondern einige Geldscheine.
„Die Euros sind aus den kaputten Eiern gefallen!“ Die Kleine weint immer noch, „aber da müssen doch Küken raus schlüpfen!“
`Du musst mir versprechen, dass die Kleine die bunten Eier erhalten wird.´
Angelika schaut ihren Bruder an: „Steffis Erbschaft“, flüstert sie und schaut hinüber zu den Baumkugeln. „Ob die auch Klebenähte haben?“
Ihr Bruder lacht: „Unsere Mutter!“
„Ich will flauschige Küken vom Christkind!“, schluchzt die Kleine.
„Aber heute Abend kommt doch das Osterkind, äh, der Christhase“, antwortet Angelika.

Anne Zeisig, Februar 2006

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 10.24 Uhr
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