Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Februar 2006
Die dunkle Erbschaft
von Marcus Watolla

Mein Großonkel Edward starb mit 80 Jahren. Es gab nicht viele Menschen, die um ihn trauerten. War er doch ein zurückgezogener Sonderling, der sich lieber mit unzähligen Schriften und Folianten beschäftigt hatte, als mit anderen Menschen.
Ausgerechnet mir vererbte er seine Leidenschaft, die alten Bücher. Zudem vermachte mir Großonkel Edward sein Haus - ein altes, ehrwürdiges Gebäude vor den Toren Regensburgs.
Ich war kein großer Kenner von Literatur oder Sachbüchern. Beschäftigte mich niemals ausgiebig damit, jetzt besaß ich eine riesige Bibliothek.
Als ich die Erbschaft sichtete, bekam ich einen Schrecken. Sie umfasste geschätzt zweitausend Bücher, teils aus dem 16. Jahrhundert.
Die Neugier fand in mir ein geeignetes Opfer – ich begann zu lesen. Ich stieß beim Stöbern auf ein altes Buch, das von einem gewissen Safired verfasst wurde und aus dem Jahr 1766 stammte. In seinem Werk beschrieb der Autor eine Vielzahl von Möglichkeiten, mit denen man Kontakt zu anderen Welten aufnehmen konnte. Er verkündete auf den ersten Seiten: „Siehe, wer kennet den Weg hinein in das Pandämonium, um zu finden einen Geist und ihn willig zu machen, wird Erhabenheit und Reichtum erhalten.“
Auf den weiteren Seiten beschrieb er ein Ritual, welches so widersinnig und krank in seiner Art war, dass ich zuerst darüber lachen wollte. Doch dann fand ich in den persönlichen Aufzeichnungen meines Onkels einen Bericht. In diesem stand, datiert war dieser Bericht kurz vor seinem Tod: „Ich eröffne mir von Tag zu Tag eine neue Welt, wie der alte Safired es mich lehrte. Mein Wissen steigert sich immer mehr. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich all die Macht anzuwenden weiß, die ich ernte ...“
Ferner hieß es: „Man muss sehr vorsichtig sein, denn der Kontakt ... kann ebenso wie Glück und Einfluss gleichsam den Tod bedeuten ...“

Beim Durchstöbern des alten Anwesens entdeckte ich in einem zur Ostseite gelegenen Kellerraum eine Fülle von Schrift- und geheimnisvollen Malereien.
Zwei ineinander verschlungene Kreise auf dem Boden, an dessen Enden und Seiten weitere Symbole zu sehen waren – arabischer und ägyptischer Herkunft. In den Zentren der Kreise jeweils ein chinesischer Text, der die runden Flächen komplett ausfüllte.
Die Wände waren mit den gleichen Zeichen beschrieben und füllten diese vollständig aus.
Ferner entdeckte ich in einer Ecke dieses Gewölbes einige Schalen und Töpfe, in denen Flüssigkeiten, mehlähnliche Substanzen und Pasten waren.
Was sollte das?
Welchen abstrusen Hobbies mein Großonkel in diesem dunklen Keller gefrönt hatte? Versuchte er Zeit seines Lebens, mit dieser fremden Welt Kontakt aufzunehmen? Ich wollte mehr wissen, las in jeder freien Minuten im Buch des Safired und fand schließlich den folgenden Spruch: „Genieße was Du sehen wirst, doch fürchte, was zu Dir spricht. Es ist nicht von dieser Welt und wird sich in Dir und um Dich ausbreiten, wenn Du Schwäche zeigst. Mach´ es Dir dienlich, doch fürchte seine Freundschaft.“
Auf den letzten Seiten las ich die Erklärung für ein Ritual. Der Autor nannte es „Die Pfortenöffnung“. Mit einer Vielzahl von Sprüchen und Mitteln vermochte der Leser, ein dunkles Tor zu öffnen.
Mir fielen die Töpfe und Gefäße im Kellerraum wieder ein.
Sollte es möglich sein...?
Ich studierte das Ritual genau. Es bestand nur aus einem Vers, welcher im ersten Teil besagte:

„Neige Dich gen Osten tief
geb´ zu Boden gelben Ton
und rufe, was da ewig schlief
ruf´ mit rotem Sand den Sohn

welcher wartet schon da drüben
sprich die Formel – rufe sie
aus dem Reiche von den sieben
verlass´ den Kreis bloß nie.“


Der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Was bedeuteten diese Worten? Was war an ihnen dran? Alles Schwindel? Mein Großonkel hatte das alles wohl sehr ernst genommen. Anders konnte ich mir die rituellen Zeichen in dem Kellerraum nicht erklären. Ich kannte den alten Herrn kaum, doch wusste ich, dass er ein strenger Rationalist war. Schließlich besaß er eine eigene Firma, die er jahrelang erfolgreich führte.
In dem Buch fand ich noch einen Hinweis:

„Streu´ im Kreis´ den roten Sand
er soll Dich schützen und bewahren
gib´ Dich niemals aus des Kreises Hand
er schützt Dich vor groß´ Gefahren

Hör´ nicht auf deren Versprechen
welch´ süßlich versprechen allerlei
darfst niemals aus dem Kreis Du brechen
verwisch den Kreis, so sei´s vorbei


Eines Abends begab ich mich in den düsteren Keller. Den Folianten des Safired in der Hand, holte ich die Gefäße mit den Flüssigkeiten und Pasten aus dem Regal. Ich trat in den Doppelkreis, befolgte die Anweisungen des Safired. Am Ende der Verse las ich einen Namen: To Korr al Korrach. Dieses war also der dunkle Sohn. Ich streute zerstoßenen Tonstaub auf die Erde, sprach:
„To Korr al Korrach.“
Sodann verteilte ich roten Sand um mich, vollführte einen Kreis, entlang des äußersten Randes des auf dem Boden gemalten Zirkels und sprach abermals:
„To Korr al Korrach.“
Wie in der Schrift beschrieben, entzündete ich zwei rote Kerzen, träufelte den Wachs in sieben verschiedene Richtungen, stellte die Kerzen am Fuß- und Kopfende des Kreises nieder und sprach, so wie das Buch mich gelehrt hatte den unheimlichen Spruch:
„Ab gell mach himm.“
Ich folgte den anderen Hinweisen. Obgleich sie absurd, fremdartig und erschreckend waren.
Plötzlich war da ein Rumoren um mich. Die Wände vibrierten. Der Boden bebte.
Ein stechender Gestank nach Ammoniak verpestete die Luft. Ich hustete.
Mich überfiel lähmende Angst. Nie rechnete ich mit einem Resultat.
Die Wand vor mir wurde von einem roten Licht überflutet, das sich im ganzen Kellergewölbe ausbreitete. Ich spürte eine sengende Hitze; die Luft schien zum Schneiden dick mit Ammoniak gefüllt zu sein.
Die Mauer vor mir löste sich auf, die Steine zerfielen, schrumpften wie Eis in der Sonne.
Ein Tor.
„Wer rief meinen Namen?“ tönte es ohrenbetäubend laut durch das Gewölbe.
Ich zitterte am ganzen Körper.
„Trete hervor und stelle dich mir!“
Vor Schreck erstarrt, glotzte ich auf diesen Berg aus glühendem Rot, welcher dort stand, wo zuvor die Wand gewesen war.
Ein Berg aus glühendem Rot. Seine Gestalt zerfloss, besaß keine fest zu definierende Form. Die Luft in seiner Umgebung flimmerte aufgeladen und knisterte.
„... geb´ Dich niemals aus der Kreise Hand - er schützt Dich vor groß´ Gefahren“, hallte es in meinem Kopf. Das rote Glimmen trat in das Kellergewölbe. Füllte es aus. Von der Decke bis zum Boden. Überall flackerte und schimmerte es rot.
Die Zeichen an den Wänden begannen zu brennen.
Was sollte ich tun?
Ich saß in der Falle.
Da fiel es mir siedendheiß ein.
Kroch durch die Angst in meinem Kopf.
Nahm Gewissheit an. „verwisch den Kreis, so sei´s vorbei“
Um den Kreis herum erschienen Fratzen, welche mich gehässig angrinsten. Sie wollten nach mir greifen, doch mussten zurückweichen, kamen nicht durch den Kreis, der mich umgab.
„Komme zu uns“, zischelten sie, „wir machen Dich zu einem gefürchteten Mann.“
„ Hör´ nicht auf ihres Wort Versprechen - welch´ süßlich versprechen allerlei“, schoss es mir durch den Kopf.
„verwisch den Kreis, so sei´s vorbei“
Schlotternd brach ich in die Knie. Meine Hände huschten vor. Erreichten den roten Sand; verwischten ihn. Wie ein Irrsinniger fuhr ich über die roten Markierungen, bis nichts mehr da war.
Dann wurde ich ohnmächtig.
Als ich wieder erwachte, lag ich inmitten des Kreises im Kellergewölbe. Mich umgaben normale Wände, normale Decken. Kein rotes Licht mehr. Kein pestilenter Ammoniakgestank.
Argwöhnisch schaute ich mich um.
Zögerlich verließ ich den Schutzkreis und rannte hinauf in die oberen Stockwerke. Erst Tage später traute ich mich wieder zurück in den Keller. Mit großer Sorgfalt entfernte ich alle Zeichen, ließ auch nicht den kleinsten Rest eines Schriftzuges oder Symbols zurück. Die Flüssigkeiten, Mehle und Pasten vernichtete ich, inklusive dem Buch des Safired.
Auch die Sammlung meines Onkels sollte schon bald versteigert werden.
Ich wollte niemals wieder solcherlei Experimente durchführen.
Gibt es doch mehr zwischen Himmel und Erde, als wir es uns je erahnen können ...


Watolla 2005

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 10.42 Uhr
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