Wellensang
Wellensang
Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Marlene Geselle IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Februar 2006
Wasserschaden
von Marlene Geselle

Der Betrunkene schaffte es auch jetzt nicht, die Badezimmertür auf Anhieb zu öffnen. Hackelte zwei-, dreimal auf der Klinke herum, polterte in den hell gekachelten Raum.

"Hallo Knubbelchen", drehte er sich schwerfällig um, guckte nach links, dort wo WFR 140A seinen Platz hatte. "Jetzt sind wir beiden Hübschen ganz alleine, Knubbelchen. Klara hat es mit uns nicht länger ausgehalten. Ist abgehauen, einfach so, Knubbelchen."

Verpasste WFR 140A einen gezielten Tritt. Konnte er betrunken so gut wie nüchtern.

WFR 140A ließ warnend den Startknopf aufblitzen.

Der Mann kapierte nichts. Hätte auch nüchtern nichts kapiert.

"He Knubbelchen, wie gefällt dir das denn? Magst du Lila?"

Der angebrochene Farbeimer stand schon eine Woche offen im Bad und stank vor sich hin. WFR 140A sah das Wurfgeschoss kommen. Schloss das Bullauge.

Ließ als letzte Warnung alle Leuchtdioden der Anzeige blinken. Mehr als eine Minute lang.

Die Farbe lief an WFR 140A herunter. Eine Lache bildete sich auf dem Boden. Wie lila Blut.

"He, Knubbelchen, sprichst du etwa mit mir? Macht nichts, ich hör dir überhaupt nicht zu." Der Motor brummte, erst ganz leise, fast nur ein Vibrieren. Dann lauter, lauter, lauter.

Der Betrunkene verließ das Bad. Mit torkelnden Schritten ging er die Treppe hinunter ins ausgebaute Kellergeschoss. Im Hobbyraum versuchte er, sich auf das alte Sofa zu legen, stolperte dabei über eine leere Kornflasche, landete mit dem Gesicht auf dem Steinboden. Halb bewusstlos und viel zu betrunken zum Aufstehen.

In den Stromleitungen des Hauses wisperte und knisterte es.

, raunte die Stehlampe im Hobbyraum. Die Stromleitungen gaben die Nachricht an WFR 140A weiter.

Der Motor brummte nicht mehr, die roten Leuchtdioden schwiegen. WFR 140A öffnete das Bullauge.

Es konnte losgehen. Der Hahn öffnete sich wie von Geisterhand, das Wasser überlistete alle technischen Sicherheitsvorkehrungen. Schon nach wenigen Sekunden ergoss sich ein unnatürlicher starker Schwall auf den Fußboden, wusch die lila Farbe vom Boden, spülte allen Dreck hinunter, in den Keller.

Nach einer Viertelstunde war alles vorbei. Der Wasserhahn schloss sich, wie er sich geöffnet hatte.



Hauptwachtmeister Jansen schüttelte mit dem Kopf, raufte sich die viel zu früh ergrauten Haare. "Eigentlich sollte ich in zwanzig Jahren Polizeidienst ja schon alles gesehen haben, aber das da ..."

Dr. Müllerjahn, der Gerichtsmediziner, nickte zustimmend. "Da gehen die Leute hin, bauen ihre Keller aus, versiegeln und isolieren alles gegen alles. Dann ist die Hütte dicht wie eine Badewanne. Und kaum gibt's mal nen Wasserschaden, läuft prompt die Bude voll. Pech für den Mann, dass der Keller keinen eigenen Ausgang hat. Durch die Türritzen wäre alles nach draußen geflossen. Pech, dass er ausgerechnet an dem Tag sternhagelvoll auf den Steinboden knallen musste. Ertrunken wie ein australischer Ureinwohner. Es heißt ja, bei denen reicht ne Pfütze zum Ertränken."

Hauptwachtmeister Jansen hatte zwischenzeitlich in seinem Notizbuch geblättert, fand nun, wonach er gesucht hatte.

"Wen wollen Sie denn anrufen, Jansen?"

Der Polizist lächelte ein bisschen traurig. „Das Frauenhaus, damit die der armen Klara Bescheid geben; sie muss sich ja um all das kümmern hier."

„Sind die Beiden eigentlich noch verheiratet, Jansen? Sie sind doch Einheimischer, soviel ich weiß.“

„Wieso?“ Der Polizeibeamte konnte dem Gedankengang des Gerichtsmediziners nicht folgen. Überflog die Aussage des Briefträgers, der die offene Haustür und den Toten im Keller gefunden hatte. Warum hatte er, Jansen, eigentlich nicht notiert, dass der Postbote zuerst nach dem laufenden Wasser geschaut hatte, ehe er die Polizei anrief?

„Na, wegen der Erbschaft!“, rissen ihn die Spekulationen des Gerichtsmediziners aus seinen Gedanken. „Hier im Ländle sind wir doch in aller Regel gut versichert. Mit dem schönen Haus – und ohne den Kerl – hätte die Frau doch glatt wieder was vom Leben. Sind eigentlich Kinder da?“





Dr. Müllerjahn verließ das Haus als Erster. Jansen, der keinen Nachbarn ausfindig machten konnte, der den Haussitter spielte, bis die Frau des Toten kam, ging ins Bad, warf einen skeptischen Blick auf die ‚weiße Ware’.

"Komisch, die Dinger sind doch sonst so zuverlässig. Aqua-Stopp und alles Mögliche. Na, was soll’s! Kauft sich die Klara halt zuerst was Praktisches. Würde mich ohnehin wundern, wenn sie viel in Schwarz rumlaufen würde."

WFR 140A ließ belustigt den Startknopf blinken.


Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 10.18 Uhr
Dieser Text enthält 4651 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2020 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.