Ganz schön bissig ...
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Februar 2006
Das Leben geht weiter
von Christine Hettich

Monika war eine dieser biederen, grundsoliden und bodenständigen Frauen, wie

man sie in jener entlegenen Berggegend häufiger antreffen konnte. Sie kannte vom Leben auch dessen Schattenseiten und gehörte zu den Menschen, die sich nicht so leicht erschüttern lassen. Als ihr Mann starb, führte sie den Bauernhof alleine weiter. Von Paul, ihrem einzigen Sohn, erwartete sie keine Hilfe. Obwohl dieser auf dem alten Familienbesitz aufgewachsen war, schien er weder Talent noch Interesse für die Landwirtschaft zu besitzen. Bereits in jungen Jahren hatte es ihn in die Stadt gezogen und seine Besuche machten sich zunehmend rarer. Damit konnte Monika gut leben, sie war alles andere als sentimental. Sicher, sie liebte ihn, wie es sich für eine Mutter gehört, aber Gefühlsduselei lag ihr nicht. Ihre Sorgen waren anderer Natur. Da gab es zum Beispiel das marode Scheunendach, das bereits einzustürzen drohte, der finanzielle Verlust wegen des Hagels und nicht zuletzt die immer zahlreicheren EU-Anforderungen, denen sie kaum noch gerecht werden konnte. Nach dem Tod seines Vaters hatte Paul den Anteil des Erbes gefordert der ihm zustand, um sich in der Stadt eine kleine Wohnung zu kaufen. Monika hatte es geschluckt, was sollte sie tun, schließlich war es sein gutes Recht. Gewiss, sie ärgerte sich über den in ihren Augen fast verschwenderischen Lebensstil ihres Sohnes, war sie doch nichts als eine strenge, nahezu spartanische Existenz gewöhnt. Ihre Sparsamkeit hatte übertriebene Dimensionen angenommen. Im Dorf nannte man sie hinter vorgehaltener Hand „den Geizhals“. Doch Monika hatte sich nichts vorzuwerfen, außerdem war sie eine fromme Frau, ging jeden Sonntag in die Kirche. „Die Leute sollen nicht über uns reden“, hatte sie ihrem Sohn bereits im Kindesalter eingeschärft. Sehr schnell hatte der Junge die Spielregeln verstanden.

Dazu gehörte zum Beispiel, dass die Alkoholsucht seines Vaters in Ordnung war, solange sie nur zu Hause ausgelebt wurde. Paul lernte sich der Heuchelei der Welt zu beugen, um nicht an ihr zu Grunde zu gehen. Er besaß jene Zerbrechlichkeit der sensiblen Seelen. Sein melancholisches Wesen fand keinen Halt in dieser kalten, glanzlosen Umgebung. Ihm blieb gar nichts anderes übrig, als sich eine Phantasiewelt zu erschaffen. Es war eine Frage des Überlebens. Seine Tagträumereien trugen dazu bei, dass er sich fast gänzlich seiner Umgebung entfremdete. Er hatte sich ohnehin nie heimisch gefühlt, eher wie ein junger Vogel, der aus dem Nest gefallen wäre und den jemand in ein anderes gelegt hätte. Bei der Beerdigung seines Vaters konnte er folglich nicht weinen, schließlich hatten sie sich kaum gekannt. Er erinnerte sich an eine schwankende Gestalt. Ein Schatten, mehr nicht. Schatten rufen keine Tränen hervor. Aus Paul war ein stiller, in sich gekehrter Mann geworden. Einzig sein Job beim Theater bereitete ihm Freude. Er war für die Requisiten zuständig, eine bescheidene Arbeit, doch die Nähe zu dieser Traumwelt gab ihm Sicherheit. Die Frauen waren nie besonders hinter ihm her gewesen. Nicht dass er ihnen keinen schönen Anblick geboten hätte, ganz im Gegenteil. Seine zarten, feinen Gesichtszüge hatten etwas nahezu Vollkommenes. Seine Unsicherheit gegenüber der realen Welt ließ ihn aber stets abwesend wirken. Damit wussten andere wenig anzufangen und hielten es fälschlicherweise für Arroganz. So verhalten sich Menschen leider, sie verfügen über verschiedene Schubladen, in die sie andere hineinstecken, und ist ihr Urteil erst mal gefällt, sind sie kaum noch bereit, es zu revidieren.

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Paul wusste nicht, was er davon halten sollte, als der Arzt ihm eröffnete, dass er an Leukämie erkrankt sei. Die in dieser Situation berechtigten Fragen stellten sich ihm nicht. Kein „Warum gerade ich?“ oder „Lieber Gott, ich bin doch noch so jung“. Nichts. Diese Nachricht rief in ihm keine bedeutsamere Regung hervor als wenn es sich um eine harmlose Erkältung gehandelt hätte. Vielleicht sehnte er sich insgeheim nach dem Tod. Sterben kam ihm möglicherweise vor wie nach Hause zu gehen, endlich eine Heimat zu finden. Den Termin in der Spezialklinik ließ er verstreichen und lebte weiter, als wäre nichts geschehen.

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Er bemerkte die neue Praktikantin zuerst gar nicht. Sie gehörte nicht zu den schrillen Schönheiten, die einem sofort ins Auge fallen. Genau genommen war sie auch nicht wirklich hübsch, sie besaß aber jenen unbeschreiblichen Charme, den nur ganz wenige Menschen ausstrahlen. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte sich Paul unwiderstehlich zu einer Frau hingezogen. Anna war ein sensibles, zauberhaftes Wesen. Sie blickte in sein Herz und erkannte dessen Zerbrechlichkeit. Geduldig wartete sie darauf, dass er ihr die Tiefen seiner Seele öffnete, damit sie ihre beginnende, zarte Liebe hineinlegen konnte. Für sie wagte er erste, zaghafte Schritte in die Realität und entdeckte die Welt, in all ihrem Grauen, doch auch in all ihrer Schönheit. „Das also ist Leben“, dachte er. „Ich will es nicht verlieren, nicht jetzt.“

Im Krankenhaus schüttelte der Arzt ungläubig den Kopf. Warum, um Himmels willen, er nicht früher gekommen sei, jetzt könne ihn nur noch eine Knochenmark-Transplantation retten. Man brauche einen Spender. Ob er denn Geschwister habe. Paul war ein Einzelkind. Seine Mutter, die er inzwischen benachrichtigt hatte, kam aufgrund ihres hohen Alters nicht in Frage, und die Chancen auf einen kompatiblen Fremdspender standen schlecht. Das Glück kann wie eine Blume welken. Der Trost, den Anna ihm spendete, verstärkte seine Qualen. Wenn er in ihre Augen blickte, sah er nur noch Trauer und Hilflosigkeit. Das schmerzte ihn zutiefst und wurde ihm schließlich unerträglich. So war es nicht verwunderlich, dass er beschloss, ohne sie davon in Kenntnis zu setzen, in das Haus seiner Kindheit zurückzukehren. Er dachte, es hätte etwas Großes und Edles, seine Pein allein zu tragen und mit ins Grab zu nehmen. Er hatte nicht gelernt, dass man Leid auch teilen kann. Sterben würde ihm dort, wo er niemals glücklich war, leichter fallen, und dass der Tod sich unaufhaltsam näherte, stand nun fest. Der Krebs hatte begonnen, seinen Körper aufzufressen.

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Monika war eine solide Frau. Gewiss, die Nachricht des bevorstehenden Todes ihres Sohnes stimmte sie traurig, aber für sie würde das Leben weitergehen. Sie konnte sich keine Schwäche leisten, daher änderte sie nach seiner Ankunft nichts an ihrem Tagesablauf. Für die medizinische Versorgung gab es die zuständigen Leute vom Pflegedienst.

Paul fühlte sich etwas kräftiger als sonst diesen Morgen und beschloss aufzustehen. Er warf einen Blick aus dem Fenster. Es war Winter, der Schnee umhüllte die Landschaft wie ein Leichentuch. Warum es ihn auf den Speicher zog, wusste er nicht. Sein altes Schaukelpferd stand in der Ecke. Früher konnte es mit ihm sprechen, doch diese Zeiten waren vorbei. Die „Schatztruhe“, wie er sie als Kind nannte, befand sich auch noch an ihrem gewohnten Platz. Damals war sie stets abgeschlossen. Als er bemerkte, dass das Schloss defekt war, hob er den Deckel. Ihr Inhalt enttäuschte ihn, nichts als Rechnungen und Papierkram. Ein Detail jedoch weckte seine Aufmerksamkeit. Einer der Briefe unterschied sich von den übrigen. Die Schrift auf dem hellblauen Umschlag war rund und verspielt. Wenn man ohnehin bald stirbt, darf man auch indiskret sein, dachte er, als er ihn öffnete. Während er las, begannen seine Hände zu zittern, seine Kehle schnürte sich zu, er rang vergeblich nach Luft. Ein heftiger Krampf durchschüttelte ihn, bevor er das Bewusstsein verlor.

Es dauerte einige Zeit, bis Monika den nun leblosen Körper ihres Sohnes entdeckte. Sie kniete sich hin und sprach ein kurzes Gebet, wie es sich gehört. Sie dachte daran, dass sie den Arzt anrufen musste, damit er den Totenschein unterschrieb. Auch die Beerdigung sollte wohl überlegt werden. Vom Besitzer des Bestattungsinstituts erwartete sie, dass er ihr mit dem Preis entgegen käme. Ansonsten würde sie sich in der Stadt umschauen. Den zerknüllten Brief nahm sie aus Pauls Hand. Sie überflog ihn.



Liebe Monika,

Dies ist mein letzter Brief an Dich. Ich halte es für besser, wenn wir den ohnehin seltenen Kontakt gänzlich abbrechen. Ich denke, damit komme ich Dir entgegen, mir ist nicht entfallen, dass Du mich nur aus Pflichtgefühl besuchst. Zwei Mal im Jahr ist sowieso zu selten, um sich kennen zu lernen. Mein Geburtstags- und Weihnachtsgeschenk kannst Du dir somit sparen. Du hast aus mir ein schwer zu tragendes Geheimnis gemacht. Ein ganzes Geflecht aus Lügen war nötig, um Deine Fassade aufrechtzuerhalten. Ich möchte dieses Versteckspiel nicht mehr mitmachen. Dass meine eigene Mutter sich für meine bloße Existenz und somit für mich schämt, empfinde ich als tiefste Demütigung. Oh ja, ich weiß, Du warst erst sechzehn, die Leute hätten geredet. Ich hatte eine glückliche Kindheit, meine Pflegeeltern waren gute Menschen. Dennoch trage ich diese Narbe in mir, wie alle Kinder, die von ihren Müttern weggegeben wurden. Als ich kleiner war, fragte ich mich, ob ich denn zu hässlich wäre, oder nicht liebenswert genug. Auch heute noch fürchte ich mich davor verlassen zu werden, kann keine dauerhafte Beziehung eingehen aus Angst, eine Enttäuschung zu erleben. Davon weißt Du nichts, natürlich nicht. Weißt Du denn überhaupt etwas über mich? Nein. Daher nenne ich Dich auch nicht mehr „Mutter“. Lebe wohl.

Marie.




Ein wenig ärgerte es Monika schon, dass ihr Sohn knapp vor seinem Tod hinter ihr Geheimnis gekommen war. Sie dachte kurz darüber nach, ob Pauls Halbschwester, von der niemand etwas wissen durfte, vielleicht doch eine geeignete Spenderin abgegeben hätte. Wie sie es bereits getan hatte, als sie von der Krankheit erfuhr, wischte sie diesen Gedanken schnell beiseite. Sie hatte jede Menge andere Sorgen. Sie fragte sich, wie viel der Verkauf von Pauls Wohnung ihr einbringen würde. Sie war die alleinige Erbin. So war es gesetzlich vorgeschrieben, solange kein Testament etwas anderes behauptete, und dessen konnte sie sich sicher sein. Ihr Sohn war Zeit seines Lebens ein hoffnungsloser Träumer gewesen, unfähig, sich mit solchen Realitäten zu befassen. Auch seinen Haushalt würde sie verkaufen, sowie das Auto. Da wird schon einiges zusammen kommen, dachte sie und träumte bereits vom neuen Scheunendach.

In einem Punkt behielt Monika recht, ihr Sohn hatte kein Testament hinterlassen. Kurz vor seinem Tod begnügte er sich damit, all seinen Besitz zu verkaufen. Den Erlös überwies er der Liebe seines Lebens, und das war ganz bestimmt nicht seine Mutter...

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 10.26 Uhr
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