Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Februar 2006
Mina als Erbin
von Anna Maria Sauseng

Ihr eigentlicher Name war Hermine, jedoch nannten sie alle

Mina. Heimlich wurde die freundliche, beliebte Kellnerin von

den Gästen auch „Zwiebel“ genannt, wegen ihrer roten Gesichtsfarbe

und ihrer blonden Haare, welche am Hinterkopf zu einem vollen

Knoten gedreht waren.

Schon seit 15 Jahren arbeitete die Frau in diesem Lokal.

Wenn sie morgens in die Gaststube kam, lag diese noch in der

Dämmerung. Es roch nach kaltem Tabakrauch, Bier und Wein.

Mina öffnete die Fenster, stellte die Sessel auf die Tische,

reinigte den Schanktisch, wusch die Gläser und-, schrubbte den

Boden.

Anschließend bereitete sie das Frühstück, und aß mit den

Chefleuten.

Nur Dienstag war es anders. Es war Ruhetag, da wurde am

Vorabend früher zugesperrt, der Gastraum nachts gereinigt.

Die Kellnerin hatte frei, konnte daher länger schlafen.



An einem solchen Tag wurde sie durch lautes Rufen

im Stiegenhaus, aus ihrer Ruhe geweckt.

„Mina, Mina! Komm schnell herunter, der Briefträger hat

Post für Dich!“ Noch schlaftrunken murmelte sie, was der Bote

ihr wohl gebracht hatte. Rasch in den bunten

Flanellmantel geschlüpft eilte Mina in die Küche.

Ein amtlicher Brief, mit dem Absender eines Notars, lag am

Tisch, sie musste unterschreiben.

„Na ja, mein Name und die Adresse stimmen.“ Neugierig

standen die Chefleute da. Das junge Stubenmädchen war

inzwischen auch in die Küche gekommen und neigte sich

über den Tisch.

Minas Hände zitterten, als sie das geheimnisvolle Kuvert

öffnete. Ihr Zwiebelgesicht wurde blass und Tränen kullerten

über ihre Wangen.

„Was ist?“ fragte der Wirt mitleidig, während er sich mit seiner Schürze über die Stirne wischte.

„Johann ist gestorben.“

„Oh, deswegen war er einige Zeit nicht bei uns -“, meinte

die Wirtin und Mina ergänzte:

„Er ist öfters einige Tage nicht hergekommnen, deswegen

ist mir sein Wegbleiben gar nicht aufgefallen.“

„Wirst was geerbt haben -“, schwätzte das Stubenmädchen.

„Ach wo, ich was erben. Schön wär`s freilich, aber Johann

hat nie von Geld und dergleichen geredet.“ Verstohlen trocknete die Kellnerin ihre Tränen ab und trank mit großen Zügen den Kaffee.



Langsam stieg sie, mit dem Brief in der Hand, zu ihrem Zimmer

hinauf, schloss die Türe hinter sich ab und legte sich wieder in das Bett.

Ja, Johann war seit einigen Jahren regelmäßig in das Lokal

gekommen. Sein Platz war am Tisch neben den Kachelofen.

Dort rauchte er seine Pfeife, trank ein Glas Wein und bestellte

sich einen kleinen Imbiss. Zur späteren Stunde setzte sich

Mina oft zu ihm und hörte ihm zu, wenn er aus seinem Leben erzählte.

„Allein sein ist hart.“ sagte er fast jeden Abend. Sie verstand ihn gut.

In solchen vertrauten Minuten raunte er ihr zu: „Zwiebelchen“,

und sie murmelte „Herr Lauch“, denn er war eine hagere Gestalt.

„Wenn ich jünger wäre, Zwiebelchen, würde ich Dich gerne heiraten-“, wiederholte er immer wieder.

Davon wollte Mina wirklich nichts wissen, da eilte sie einer

vorgetäuschten Arbeit nach und kam erst später wieder zum Tisch.

Aber wenn er von seiner Vergangenheit sprach, vom Beruf, Krieg Gefangenschaft, Arbeitslosigkeit, immer wieder die selben Themen, blieb sie sitzen und hörte geduldig zu.

Und nun sollten diese vertrauten Gespräche zu Ende sein? Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass eine Stunde vergangen war.



Schnell richtete sie sich für die Fahrt in die Stadt zurecht.

„Also Sie sind Frau Hermine Hörfeld?“ Mina bejahte.

„Die Sicherheitsbeamten haben im Tischfach von Herrn

Cor ein Schreiben an Sie gefunden. In dem Sie zur Erbin

eingesetzt wurden. Er habe keine Verwandten, teilt der Herr mit

und weil Sie sich für ihn, in der Gaststube, so oft Zeit genommen hatten um ihn anzuhören, auch zu reden, vermacht er Ihnen zum Dank seine Hinterlassenschaft.“ beendet der Notar sein Gespräch.

„Das kann ich nicht fassen. Ich habe für Johann nichts anderes

getan, als bei ihm zu sitzen, damit er wenigstens eine Aussprachemöglichkeit hatte.“

„Nur geredet und zugehört? Das zu tun ist ein großer Liebesdienst an einsamen Menschen. Der endgültige Beschluss wird Ihnen in den nächsten Tagen zugestellt werden. Als Erbin müssen Sie sich um das Begräbnis kümmern.“ Damit verabschiedete sich der Beamte und klopfte ermutigend auf ihre Schulter.



Die Wohnung war klein, gerade passend für eine Person.

Mina zog dort nach kurzer Zeit ein. Wie viel sie diesem

einsamen Mann bedeutet hatte erfuhr sie erst, als sie ein

Foto von ihr, eingerahmt auf seinem Nachttisch vorfand.

Manchmal kam es ihr vor, als würde der Verstorbene in die

Wohnung zurückkehren, als würde er zu ihr wieder „Zwiebelchen“ sagen und wenn sie an das Kosewort „Lauch“ dachte, huschte ein Lächeln über ihr rotes Gesicht.


Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 10.24 Uhr
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