Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Februar 2006
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
von Eva Markert

Marietta schlug mit der Faust auf den Tisch. „Das war unverantwortlich, das werde ich dir nie verzeihen!“
„Hör endlich auf mit diesem Unsinn! Was hätte ich denn tun sollen? Dich umbringen etwa?“

„Da gibt es doch nun wirklich andere Möglichkeiten! Warum hast du damals nicht verhütet? Oder wenigstens abgetrieben?“

„Das sagst du jetzt nur, weil deine Beziehung in die Brüche gegangen ist. Und weil du dir was zum Anziehen kaufen musst.“

„Das hat überhaupt nichts damit zu tun. Ich frage dich zum hundertsten Mal: Warum bist du das Risiko eingegangen und hast mich zur Welt gebracht? Bei diesen Voraussetzungen!“ Mit zornglühenden Augen sah sie ihre Mutter an.

„Du übertreibst maßlos.“

„Ich übertreibe? Solange ich denken kann, leide ich. Kaum ein Mann sieht mich mal an. Und wenn, dann ist es nach kurzer Zeit wieder vorbei. Keiner kann sich auf die Dauer damit abfinden.“

Die Mutter schüttelte den Kopf. „Es hat keinen Zweck zu streiten. Du musst einfach damit zu leben. Ich tue es ja auch.“

Marietta rannte hinaus, griff nach ihrer Handtasche und knallte die Wohnungstür hinter sich zu.

Je näher sie der Einkaufspassage kam, desto langsamer wurden ihre Schritte.

Vor einer Boutique blieb sie schließlich stehen und betrachtete die Auslagen. Wunderschöne Tops gab es da, in leuchtenden Farben, verziert mit Strass und Pailletten. Aber davon hatte sie mehr als genug. Was sie wirklich brauchte, war eine neue Hose. Unbedingt! Inzwischen war auch ihre Lieblingshose, die mit den weiten Beinen, so zerschlissen, dass sie sich schweren Herzens davon trennen musste. Marietta wusste: Es würde schwierig werden. Weit geschnittene Hosen waren schon lange aus der Mode. Überall gab es nur noch die engen.

Sie seufzte und betrat die Boutique.

„Ich suche eine Hose Größe 40 mit möglichst weiten Beinen.“

„Welche Farbe?“, erkundigte sich die Verkäuferin, die einen ultrakurzen Minirock trug. Flammend rot leuchteten eitrige Aknepickel in dem zerklüfteten Gesicht. Ihr Augen-Make-up wirkte fast pathetisch.

„Die Farbe ist egal. Hauptsache, weit geschnitten.“

„Das dürfte schwierig werden.“ Die Verkäuferin nahm zwei Jeans von einem Ständer. „Probieren Sie die mal.“

Marietta verschwand in der Umkleidekabine. Ihr war klar, was nun auf sie zukam.

In der ersten Jeanshose sah sie genauso aus, wie sie es erwartet hatte. Die konnte sie unmöglich tragen. Die zweite war ein bisschen besser. Vielleicht. Zögernd trat sie aus der Kabine.

Der Blick der Verkäuferin glitt an ihr herunter, folgte dem ovalen Verlauf ihrer Beine und blieb an dem satten O im Wadenbereich hängen.

„Ich brauche weit geschnittene Hosen!“, flehte Marietta.

Die Verkäuferin, die geradezu unverschämt wohlgeformte Beine hatte, nickte. Ihre goldenen Creolen wippten. „Ich verstehe.“ Sie suchte an einem anderen Ständer und kam mit einer wild gemusterten Hose zurück. „Wie wäre es mit diesem Modell?“

Marietta versuchte nicht hinzuschauen, als sie die Jeans auszog. Der Spiegel zeigte blaurote Beine, wie Säbel gebogen und mit Oberschenkeln, die kaum dicker waren als die Waden.

„Können wir dich als Fußballtor benutzen?“ So hatten Mitschüler schon in der Grundschule gelacht. „Durch deine O-Beine kann man ja locker mehrere Bälle gleichzeitig schießen.“

Schwimm- oder Sportunterricht war Agonie, der Weg aus den Umkleideräumen der reinste Spießrutenlauf.

Obwohl sie allein lebte, zog sie sich nur im Dunkeln aus. Niemandem erlaubte sie, ihre Beine zu sehen, nicht einmal sich selbst.

„Wie steht Ihnen die gemusterte Hose?“, rief die Picklige durch den Vorhang.

„Genauso wie die anderen“, antwortete Marietta resigniert.

„Warten Sie einen Augenblick.“ Kurz darauf reichte sie ihr einen schwarzen Rock durch den Vorhangspalt.

„Was soll ich mit einem Rock?“, brauste Marietta auf. „Röcke stehen mir überhaupt nicht.“ ‚Krummholz in Pumps’, schoss es ihr durch den Kopf. ‚Wie absurd!’

„Es ist ein langer Rock“, erklärte die Verkäuferin.

„Ich kann doch nicht ständig herumlaufen, als ob ich auf dem Weg in die Oper wäre!“ Die ganze Wut auf ihre Mutter entlud sich auf diese Frau mit den geraden Beinen.

Doch die ließ sich nicht beirren. „Schlüpfen Sie mal rein.“

„Was habe ich zu verlieren?“, dachte Marietta.

Verblüfft starrte sie auf ihr Spiegelbild. Man sah die auseinander strebenden Knöchel, aber der ganze Rest verschwand unter den weiten Stoffbahnen.

„Sie können heute jede Länge tragen“, informierte die Verkäuferin sie sachkundig.

Marietta standen Tränen in den Augen, als sie aus der Kabine trat. „Das ist ... fast perfekt“, stammelte sie.

Die Verkäuferin nickte und lächelte.

Mariettas Blick glitt über das vernarbte Gesicht. „Danke“, stieß sie hervor.

Sie nahm gleich fünf knöchellange Röcke in verschiedenen Farben. „Haben Sie auch einen in Größe 48?“, erkundigte sie sich, ehe sie zur Kasse ging.

Verwundert sah die Verkäuferin sie an.

„Für meine Mutter“, erklärte Marietta.



E-Mail: evamarkert@arcor.de

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 10.13 Uhr
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