Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Februar 2006
Sie haben geerbt
von Anita Handlbaur

„Roserl, ich vermiss dich so sehr. Die Gespräche mit dir, Geheimnisse gab es nie.“ Carmen strich über das Foto der verstorbenen Freundin, die ihr fröhlich entgegen lächelte.“ Sie kraulte Pinki und Putzi, die aneinandergekuschelt auf der Couch lagen. Gedankenverloren fuhren ihre Hände über das flauschige Fell der neuen Familienmitglieder – Rosis Katzen. „Keine Sorge meine Süßen, ihr werdet es gut haben bei mir, dass hab ich eurem Frauerl versprochen.“ Mit einem Satz sprang Pinki auf den Schoss seiner neuen Futterspenderin und schnurrte wohlig.

Das Telefon riss Carmen aus ihrer Melancholie.



„Hallo.“

„Grüß Gott, Notarisches - Büro Alfred Müller, Schiller am Apparat. Spreche ich mit Frau Carmen Meinhard?“

„Ja.“

„Frau Meinhard, meinen Glückwunsch! Sie haben geerbt!“ Carmen sah verdutzt auf den Hörer.

„Worum geht es denn?“

„Das darf ich am Telefon nicht sagen. Ist es recht, wenn ich in den nächsten Tagen meinen Mitarbeiter vorbeischicke?“

„Könnte ich …“

„Passt es morgen um vierzehn Uhr? Oder ist Ihnen sechzehn Uhr lieber?

„Sechzehn Uhr a…“

„Gut, morgen Nachmittag kommt Herr Mittergruber zu Ihnen.“ Carmen wollte noch nachfragen, doch Frau Schiller hatte bereits aufgelegt. Sie fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, verdattert starrte sie vor sich hin und überlegte: „Sonderbar, seit wann macht ein Notar Hausbesuche? Na ja, morgen werde ich mehr wissen!“





****



„Grüß Gott, Frau Meinhard?“, fragte ein Herr mittleren Alters. In der einen Hand hielt einen großen Koffer, mit der anderen zeigte er seinen Ausweis. Mittergruber Alfonso, las sie.

„Kommen Sie herein.“

„Danke.“

„Möchten Sie etwas trinken?“

„Ein Glas Wasser wäre nett.“

Carmen führte den Mann in ihr Wohnzimmer und ging in die Küche. Als sie zurückkam traute sie ihren Augen nicht. Herr Mittergruber räumte etliches Zubehör für einen Staubsauger aus, der schon auf dem Teppich stand.

„Was soll das?“

„Das ist Gandalv, ein Wunder der neuen Technik.“, geriet der Mann ins Schwärmen.

„Rosi hat mir einen Staubsauger vererbt? Warum bauen Sie das Ding hier auf?“ Ungläubig sah Carmen den Mann an. „Ich kann mir das später selbst ansehen. Gehen wir erst das Formelle durch.“

„Sie wollen ihn sofort kaufen? Ohne ihn ausprobiert zu haben?“

„Ich will keinen Staubsauger kaufen! Kommen Sie nicht vom Notariat Müller wegen meiner Erbschaft?“

Der Herr lachte laut. „Alfred Müller ist mein Chef, aber kein Notar.“

„Aber Frau Schiller … Egal. Packen sie das Ding zusammen! Es ist eine Frechheit, einen Todesfall vorzuschieben und eine Erbschaft in Aussicht zu stellen, um einen Termin für eine Staubsaugerpräsentation zu bekommen.“

„Wir sind ein seriöses Unternehmen. Das muss ein Missverständnis sein.“

„Sagen Sie das ihrer Telefonistin! Ich habe kein Interesse an ihrem Gandalv. Gehen Sie wo anders mit ihm Gassi!“

„Frau Meinhard, es tut mir leid …“

„Sparen sie sich ihre Worte. Auf Wiedersehen.“

„Wiedersehen …“

Carmen ließ ihn nicht ausreden und warf die Tür hinter ihm ins Schloss.





****



„Meinhard!“

„Grüß Gott Frau Meinhard! Hier spricht Georg Müllner. Ich bin Notar …“

„Danke ich brauche keinen Staubsauger!“, schrie Carmen in den Hörer und knallte ihn auf die Gabel. Erneut begann es zu klingeln.

„Ja?“

„Frau Meinhard, bitte legen sie nicht auf. Ich bin Notar und verkaufe nichts.“

„Das hat die Frau vor zwei Tagen auch gesagt.“

„Wer?“

„Notarisches Büro Müller.“

„Hier spricht Müllner, nicht Müller. Frau Meinhard, es handelt sich um das Testament von Rosemarie Lorenz.“

„Wenn es kein Gandalv ist.“

„Ich weiß nicht, wer Gandalv ist.“, lachte Herr Müllner. „Vielleicht erzählen Sie mir die Geschichte morgen hier im Büro. Dann können Sie sich überzeugen, dass ich Notar bin und in das Testament Einsicht nehmen.“

„Wann?“

„Ist ihnen fünfzehn Uhr recht?“

„Ja.“





Herr Müllner war tatsächlich Notar. Obendrein auch noch sehr attraktiv. Freundlich schüttelte er Carmens Hand zur Begrüßung. Nachdem sie ihm die Geschichte mit Gandalv erzählt hatte, standen dem Notar Lachtränen in den Augen.

„Selten habe ich mich so köstlich amüsiert. Bitte entschuldigen Sie, Frau Meinhard.“

„Jetzt im Nachhinein finde ich es selbst zu komisch“, stimmte sie ihm zu.

„Ziemlich dreiste Ideen entwerfen die Telefonistinnen, um an Termine zu kommen. Gebeutelt sind die Außendienstmitarbeiter, die den Frust später zu spüren bekommen.“

„Ich frage mich nur, woher sie meine Telefonnummer haben, wieso wussten sie von Rosis Tod?“

„Zufall oder genaue Recherche der Todesanzeigen. Vielleicht stand ihr Name in Verbindung …“

„Egal, ich hab ihm meine Meinung gesagt. Der traut sich so schnell nicht mehr über meine Türschwelle“ unterbrach ihn Carmen lachend.

Kopfschüttelnd übergab ihr Herr Müllner ein Kuvert. „Nun aber zu dem Testament.“

Roserl hatte ihr eine hübsche Summe und etliche persönlichen Dinge vererbt. Ebenso bat sie die Freundin ihre geliebten Katzen bei sich aufzunehmen.

„Ach Pinki und Putzi, die hab ich schon zu mir genommen. Die zwei sind aber auch zuckersüß, die sollten sie einmal kennen lernen.“ Carmen zwinkerte ihm zu.

„Normalerweise machen Notare keine Hausbesuche, aber auf einen Kaffee könnte ich schon …“

Ihre Knie zitterten vor Aufregung. Ein Date mit einem Notar ist allemal besser, als ein Gandalv auf dem Teppich.





By Anita Handlbaur Februar 2006

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 10.15 Uhr
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