Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Februar 2006
Was Recht ist ...
von Patrick Schmitt

Der Alte sitzt auf seinem Geld. Immer schon. Aber jetzt ist Schluss. Ich bin auch ein Mensch. Ich hab auch Rechte. Jahrelang musste ich mir anhören, wie unbegabt ich bin. Keinen Sinn für Musik, hat er immer gesagt, was haben wir uns da nur ins Haus geholt. Er hat keine Gelegenheit ausgelassen. Immer und immer wieder. Du bist nur adoptiert. Besonders nachdem Eva-Maria da war. Danach gab es praktisch kein normales Gespräch mehr. Er, der große Dirigent, wollte einen Sohn, auf den er stolz sein konnte. Stattdessen bekam er mich. Ruth, seine dritte Frau, konnte keine Kinder bekommen, aber sie wollten natürlich welche. Bei denen gehört das dazu. Die Adoption war kein Problem, mein Alter war damals schon etliche Millionen schwer, da war das nur reine Formsache, mit ein paar Anrufen erledigt. Aber er hatte kein Kind gewollt, das sich frei entfaltet, oh nein, er wollte einen Stammhalter. Einen Sohn, der in seine Fußstapfen tritt, in die Fußstapfen des berühmten Dirigenten Linus Falkenström. Meine ganze Kindheit hindurch diese entsetzlichen Musikstunden, Klavier, Geige, der ganze Scheiß. Wie ich es hasste. Und es war so offensichtlich, dass ich unbegabt war, später auch für den Alten. Die Adoption, ein fehl geschlagenes Experiment. Von da an ignorierte er mich so gut es ging. Seine vierte Frau, Malin, heiratete er nur, um Eva-Maria zu bekommen.



Mir geht so viel durch den Kopf, als ich die Auffahrt zum Anwesen hochfahre, vorsichtshalber von hinten durch den Wald, damit mich niemand zufällig sieht. Linus hat sich hier, abgelegen von allem einen Palast gebaut. Das passt zu ihm. Für die Familie, hat er gesagt, als ob ihm daran irgendetwas liegen würde, als ob er nicht davon überzeugt wäre, selbst der Mittelpunkt des Universums zu sein. Ich parke hinter dem Haus und steige aus. Mir bleibt nicht viel Zeit, es ist 16.23 Uhr, das Kindermädchen ist um vier gegangen, wie jeden Donnerstag, um ihre Schwester zu besuchen; um Viertel nach Fünf kommt die Nanny für die Nacht. Eva-Maria ist allein im Haus.



Als mir der Alte verkündete, dass er mir nichts vererben will, traf mich fast der Schlag. Es hätte mich nicht überraschen sollen, natürlich nicht, schließlich kannte ich ihn. Und Eva-Maria, seine leibliche Tochter, die Klavier spielen konnte wie eine junge Göttin, ja, so sagte er das immer, selbstverständlich sollte sie alles erben. Du bekommst fünfzigtausend Euro im Jahr, hatte er gesagt, es einfach so festgelegt. Mach damit, was du willst! Und das war das Ende des Gesprächs. Aber so nicht, damit lass ich mich nicht abspeisen. Diesmal nicht.



Ich gehe durch den Lieferanteneingang, dafür hab ich den Schlüssel, seit Jahren schon. Ich muss durch die Küche, das Speisezimmer, die Lounge, dann steh ich endlich in der großen Galerie mit der Eingangstür, zwei riesige Treppenaufgänge führen nach oben. Ich laufe die Stufen hoch. Ich muss mich beeilen. Oben hat der Alte mehrere Zimmer für Eva-Maria hergerichtet. Ich finde sie gleich. Sie sitzt in einem der Spielzimmer zwischen unzähligen Barbiepuppen. Als sie mich sieht, lacht sie erfreut auf.



„Hallo Tom! Kommst du mich besuchen?“

Ich nicke und versuche ein Lächeln.

„Ja, ich war grade in der Nähe und wir sehen uns ja so selten.“

Sie springt auf und stürzt mir entgegen, wir umarmen uns fest, wie wir das immer tun.

„Willst du mit mir Einkaufen spielen?“, fragt sie gleich, sie kennt mich, ich sage nie nein.

Ich schüttele den Kopf. „Aber ich kenne ein anderes Spiel“, sage ich, „komm mit, ich zeig es dir.“ Ich nehme sie an der Hand und führe sie in Richtung Galerie. Jetzt nur nicht feige sein, denke ich. Ich atme tief durch. „Was für ein Spiel?“, fragt Eva-Maria. „Ich zeig es dir“, und mit diesen Worten greife ich ihr unter die Achseln und hebe sie mit einem Ruck auf das Geländer, so dass sie Beine baumelnd über die Galerie schaut. Ich blicke auf den Kronleuchter, von hier oben sind es gut acht Meter bis nach unten.

„Halt mich nur fest!“, sagt sie und kichert. Ich ziehe meine rechte Hand zurück, lege sie flach auf ihren Rücken und gebe ihr einen Stoß. Einen entsetzlichen Moment lang hängt sie in der Luft, dann fällt sie. Sie schreit nicht, macht keinen Mucks. Nach einer Sekunde, die Ewigkeiten dauert, schlägt sie mit einem dumpfen Knall auf. Ich renne die Stufen hinunter und lasse sie dabei nicht aus den Augen. Es sieht aus wie der perfekte Unfall, niemand weiß, dass ich hier war. Jeder wird glauben, dass sie einfach nur gespielt hat und dabei verunglückt ist. Als ich unten ankomme, sehe ich die Blutlache neben ihrem Kopf, das Gesicht ist von mir weg gedreht. Dann höre ich es. Ein Wimmern. Sie ist noch nicht tot, ohgott sie ist nicht tot. Was jetzt? Wenn sie nun überlebt bis die Nanny kommt und ihr etwas sagt? Ich muss etwas tun. Schnell. Aber wenn ich sie jetzt anfasse, sieht es vielleicht nicht mehr nach Unfall aus. Aber sie könnte auf was drauf gefallen sein? Auf eine Vase und sich geschnitten haben?



Dann fährt auf einmal ein Auto vor. Ich erstarre. Ich höre, wie Autotüren zugeschlagen werden und dann Linus’ Stimme. Was macht der denn hier, ich dachte, der dirigiert die Zauberflöte in Sydney? Ich renne in Richtung Küche, dann kommt mir ganz heiß, dass ich niemals wegfahren kann, ohne dass man das hier drin mitkriegt. Vielleicht hat er mein Auto sogar schon gesehen? Nein, nein, es steht auf der anderen Seite des Hauses. Die Eingangstür wird aufgeschlossen, ich stehe versteinert in der Lounge und halte den Türknauf zur Küche in der Hand. Der Alte schäkert mit einer Frau, seine neue Eroberung, ich habe schon davon gehört. Shawaina. Direkt aus Los Angeles importierter Trailer-Trash, den er nach einem seiner Konzerte aufgegabelt hat.



Der Dialog zwischen den beiden erstirbt, dann höre ich Linus wie er „Oh, mein Gott, oh, mein Gott, was ist hier passiert?“ ruft. Der Alte bricht in Tränen aus, ich höre wie er schluchzt: „Eva, Eva, kannst du mich hören, Eva!“ Er fängt an zu schreien, er schreit Shawaina an, „Don’t just stand there! Call an ambulance!“ Er brüllt noch etwas Unverständliches und wieder schluchzt er: “Oh, mein Gott, ohmeingott.“ Ich stehe immer noch in der Lounge. Wenn er jetzt auf die Idee kommt, etwas zu holen, vielleicht um Eva-Maria zu verbinden, bin ich dran. Shaiwaina versucht inzwischen den Notarzt anzurufen, aber sie kennt die Notfallnummer hier in Schweden nicht. Linus reißt ihr das Handy aus der Hand und wählt selbst. Ich höre, wie er den Krankenwagen ruft und die Situation schildert. Unfall. Mädchen aus großer Höhe gefallen. Kopfverletzungen. Adresse. Dann legt er auf. Ich stürme in die Galerie.



„Um Himmels Willen, Linus, was ist hier passiert?“

Linus schaut mich an, er ist nicht überrascht, er scheint einfach nur froh zu sein, dass ich da bin.

„Gott sei Dank bist du da, hilf mir, hilf mir, sie ist runter gestürzt.“

Ich gebe vor geschockt zu sein und sage wie verwirrt:

„Wie konnte so etwas passieren? Ich wollte einen Überraschungsbesuch machen...“

„Schnell, wir müssen ihren Kopf verbinden“, unterbricht mich Linus. „Der Krankenwagen ist schon unterwegs.“

„Der Krankenwagen?“, frage ich, „aber der braucht doch viel zu lange. Die wissen wahrscheinlich gar nicht genau, wie sie hierher kommen. Wir müssen sie ins Krankenhaus fahren.“

Linus wehrt ab: „Nein, nein, sie ist runter gefallen, wir dürfen sie nicht bewegen.“

Ich schreie fast: „Schau doch, wie sie ihre Füße bewegt, aber sie verblutet, wir müssen sie schnellstens hier weg bringen!“

Linus nickt aufgeregt. „Ja, du hast Recht,“ sagt er, „ich fahre sie.“

Ich winke ab. „Nein, nein, nein“, sage ich, „du bist viel zu aufgeregt, du kannst so nicht fahren. Ich fahre, mein Wagen ist auch viel schneller.“



Linus reißt Shawainas Schal an sich und bindet ihn um Eva-Marias Kopf. Die Hände des Alten zittern wie verrückt.

„Reiß dich zusammen, Linus“, fahre ich ihn an. „Hilf mir, sie in mein Auto zu bringen.“ Zu zweit tragen wir sie vorsichtig zu meinem Zweisitzer Sport Coupe hinter dem Haus, während uns Shawaina die Türen aufhält. Wir legen sie auf den Beifahrersitz. „Warte hier, bis der Krankenwagen kommt,“ sage ich zu Linus, „sag ihnen genau, was passiert ist. Zeig ihnen, wo sie runter gefallen ist.“ Ich rede auf ihn ein und hoffe, dass es reicht.

Linus nickt. „Fahr, fahr endlich“, sagt er. Ich werfe mich hinter das Steuer und gebe Gas. Nachdem ich außer Sichtweite bin, verlangsame ich den Wagen. Von hier aus brauche ich bestimmt eine halbe Stunde bis zum Krankenhaus, eher länger. Der Alte musste ja sein Haus unbedingt abgelegen bauen. Das gibt mir Zeit. Eva-Maria hat aufgehört zu wimmern, der Schal ist ganz rot. Es kann nicht mehr lange dauern. Ich biege in einen kleinen Feldweg ein und stoppe den Wagen. Wenn ich hier nur etwas länger warte, denke ich, dann ist es vorbei. Ich schaue auf Eva-Maria, die neben mir auf dem zurückgeklappten Sitz liegt. Ihr Gesicht ist bleich. Sie atmet kaum. Zehn, fünfzehn Minuten reichen vielleicht schon. Ich höre wie ein Vogel schreit, kein Laut sonst. Ich warte. Ich warte noch zehn Minuten, denke ich mir, das muss reichen. Sonst wird es zu auffällig. Aber vielleicht könnte ich eine Reifenpanne vortäuschen, dann könnte ich länger warten. Solange, wie nötig ist.

Ich warte.

Und warte.

Ich muss warten.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 10.35 Uhr
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