Ganz schön bissig ...
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Februar 2006
Es ist soweit
von Alexander Bahrt

Schwer saß er in seinem Jahrhundert-Schaukelstuhl. Sein Bewusstsein war das, was ständig irgendwo zwischen einem kleinen Schläfchen und der halb geträumten Wirklichkeit schwankte wie eine Kogge vor dem Kap der guten Hoffnung. Seit er die Schmerzmittel bekam, konnte er nur noch periodisch klar denken, doch dann erfüllte es ihn mit großer Zufriedenheit. Ihm kamen dabei eine Menge wunderbarer Ideen. Letztens erst war es ihm eingefallen, einen alten Freund zu besuchen, den er nun auch wieder so nennen konnte, denn sie hatten sich nach langem, bösem Schweigen versöhnt und mehr miteinander gelacht als je zuvor. Auch war da der Kindergarten, sein Kindergarten, den er noch einmal gesehen hatte. Wie ihm das das Herz erwärmt hatte. Jetzt begleiteten ihn diese Bilder hin und wieder bei seinen geistigen Spaziergängen: Die lachenden kleinen Menschlein, deren Äuglein groß wie Teetassen wurden, wenn sie etwas Neues erblickten. Und wie sie um Tische, Stühle und Alles tapsten bei den Spielchen, die sie den ganzen Tag trieben. Früher war er wohl selbst einmal so bockig, naiv oder verträumt gewesen, je nach Kindeslaune. Alle Bitterkeit wegen der dahin gegangenen Zeit hatte ihn vor Jahren schon verlassen.

Seine Zeit drängte, das wusste er nur zu gut, aber er war fast bereit. Wenn es wirklich soweit war, wusste er eine Medizin, welche schon für ihn zurecht gemacht stand. Sie würde ihn ganz still und friedlich hinüberdriften lassen, einem freien, fröhlichen Vogel gleich, von einem Ufer zum anderen, die Schwingen erst vielfach geschlagen, dann für immer und ewig hin zum neuen Land gebreitet. Wie auch immer es aussähe.
Er war also fast bereit. Sein Vermögen hatte er noch zu verteilen. Nicht unerheblich hatte er es vor Jahrzehnten angehäuft und in seinen Kammern aufgetürmt, in einer Zeit, in der er ein anderer gewesen war: kühl, nihilistisch und gewissenlos. Wörter wie Rücksicht, Treue und Gefühl waren erst viel später wieder in seinen Wortschatz zurückgekehrt. Nachdem er eine Weile bei diesem stets lustig drein schauenden Guru gelebt hatte, der ihn aufgenommen und transformiert hatte. So wie er es sich damals auch erhofft hatte, einfach ein anderer zu werden.
Nun war dennoch viel Geld übrig. In all den Jahren hatte er nur einen Bruchteil für sich selbst verwendet und einiges von dem in alten Zeiten „Genommenen“ zurück verteilt. Seine Kinder waren ihm unterdessen sehr ähnlich geworden, allerdings eher seinem alten Selbst. Die würden, außer kleinen Sümmchen, nicht viel von dem Geld sehen, auch wenn sie neuerdings so scheinbar aufmerksam um ihn herum scharwenzelten und sich für ihn schöne Worte ausdachten. In einer Stunde würde die nette Schreibkraft wieder vorbei kommen, der er immer seine Gedanken diktieren konnte, die ihm immer Schweißperlen aus dem Gesicht zu wischen pflegte und ihm durch das bis zuletzt verbliebene Haar fuhr. Dann würden sie den Text für das Schriftstück verfassen, das sonst bereits nach allen Regeln der Form gestaltet war, samt seiner Unterschrift.

Er hörte sie erst, als sie vor seinem Stuhl stand und ihm halb flüsternd, halb rufend ein wiederholtes „Huhu“ zukommen ließ. Er lächelte, während sie ihm dann das Gesicht abtupfte und ihn mit sonderbaren Koseworten eindeckte, die ihn glücklich verlegen machten. Welch ein bezauberndes Wesen, dachte er, welch ein Glück für mich. Noch war er kaum in der Lage zu reden, doch bald würde er ihr die Namen der Personen und Organisationen nennen, die er zu beschenken gedachte.
Es wurde höchste Zeit und kostete ihn mehr Mühe als er erwartet hatte, weshalb sich seine Lippen sehr langsam öffneten und schlossen. Worte drangen dazwischen hervor, die kaum zu hören waren. Dennoch füllte sich das Schriftstück allmählich. Als sie jedoch ihren Namen und die erstaunliche dazugehörige Summe aus seinem Mund vernahm, schien sich ihr Gesicht für einen Moment zu verdüstern, denn ihr wurde mit einem Mal die ganze Situation erst bewusst. Eigentlich hätte eine schwere Luft in diesem Raume hängen müssen, in stiller Angst dem unvermeidlich Bevorstehenden gewidmet. Das heitere Gesicht des alten Mannes öffnete auch ihr freundliches Wesen und bestärkte sie in ihrem Tun und Denken, diese letzte Zeit mit ihm noch zu genießen.
Als er geendigt hatte, sah sie auf ihren Freund, der nun zu strahlen schien, angefangen von seinem lächelnden Gesicht und hinab, sich auf seinen ganzen Körper ausbreitend. Er schien etwas müder zu werden und seine Augen schlossen sich von Zeit zu Zeit, während sie ihn betrachtete und ihm dann und wann ein paar hübsche Sachen erzählte. Sie wollte lieber gehen, da er sich, seiner Aufmerksamkeit scheinbar verlustig geworden, ein wenig ausruhen wollte. Als sie sich die Jacke übergestreift und das Täschchen um die Schulter gehängt hatte, war es ein Flüstern, das zu ihr drang: „Es ist soweit.“
Als ihr klar wurde, was er damit gemeint hatte, fragte sie ihn, ob er sich sicher sei und als er bejahte, war sie es sich auch. In dem Schränkchen dort am Fenster war die Schublade, die zweite von oben, mit der gewissen Medizin. Das winzige Fläschchen hatte sie schon ein paar Mal in der Hand gehabt und sich gefragt, was denn wohl genau darin sei, da sich kein Etikett darauf befand. Nur sie und er wussten überhaupt von dessen Existenz. Sie entkorkte es und goss den Inhalt in ein Likörgläschen, denn so ähnlich wie Likör würde es auch schmecken, hatte er ihr erzählt, nur dass er sie diesmal nicht einladen könne.
Sie führte ihm das Gläschen an den trockenen Mund und ließ der Flüssigkeit die Freiheit, sich über die Unterlippe auf Zunge und Gaumen zu ergießen und ihren Weg die Kehle hinab ins Ungewisse zu suchen. Flüssigkeit war es dann auch, die salzig an den Wangen der jungen Frau hinab lief, bis sie irgendwann nicht mehr der Schwerkraft gehorchte, sich mit den feinen Poren und Härchen ihrer Haut verband und langsam trocknete. Es kam zu plötzlich, dies Alles, hier und jetzt. Wenngleich sie doch immer damit hatte rechnen müssen und sich, wie sie es bis dahin immer geglaubt hatte, darauf eingestellt hatte. Sie blickte in sein Gesicht und die Augen waren schon geschlossen: ein ernstes, leichtes Lächeln, das noch einige Wärme und den Rest seines Lebens an die Umgebung zu verstreuen schien.

Es breiten sich die Schwingen. Im Aufwindflug trägt es den befreiten Vogel über die Landschaft vieler Leben. Ein Genuss, sich die milden Lüfte um den Schnabel wehen, sich das Gefieder von der Sonne wärmen zu lassen. In aller Ruhe nach einem Platz zum Schlafen zu schauen, dicht an den bewaldeten Hängen entlang zu gleiten. Da hinten die weite See, die bereits hinter einem liegt. Dort das sich ewig fortsetzende Land, der neuen Eindrücke unzählbar und an Geduld und Heiterkeit reich.

Von Alexander Bahrt

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 10.17 Uhr
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