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April 2006
Morgen ist ein neuer Tag
von Ingeborg Restat

Wie viele Tage, Wochen war es her, dass Panzer durch die Straßen rollten, Häuser brannten, Schüsse peitschten, Granaten explodierten und der Tod eine reichte Ernte hielt? Verzweifelt und panisch vor Angst hatten sich die Menschen in ihre Keller verkrochen, um die Kriegswalze zu überleben, die über die Stadt hinwegzog. Danach waren sie wieder herausgekommen, hatten sich umgeschaut und nach dem gesehen, was ihnen noch geblieben war, oder begonnen, sich zu nehmen, was sie fanden. Und es gab noch viel Verwendbares in den Ruinen.



„Klaus, das Holz für den Herd geht zu Ende; schau, ob du neues finden kannst“, forderte die Mutter einen ihrer drei Söhne auf, der mit zwölf Jahren gerade in dem Alter war, wo sonst die Jungs jener Zeit mit Vorliebe „Räuber und Gendarm“ gespielt hätten. Sie warf eins von den Holzstücken, die einmal ein Teil von Möbeln, Fenstern oder Türen gewesen waren, in die Flammen des Herdes, setzte einen Topf mit Erbsen darauf und rührte sie um. „Bring nicht wieder Patronenhülsen und so ’n Zeug mit, wenn du durch die Ruinen streifst“, ermahnte sie ihn.

„Ja, Klaus, lass die Finger davon. Da liegt noch alles Mögliche rum, was gefährlich sein kann“, warnte ihn sein großer Bruder Kurt ebenfalls, ehe Klaus die Tür zuschlagen konnte. Er wusste zu gut, wie die Jungs jetzt, mangels anderer Beschäftigung, gerade die Überbleibsel des Krieges sammelten und einer den andern mit seinen Funden übertrumpfen wollte.

Kurt ging in die Küche, nahm eine Suppenkelle, schöpfte Wasser aus einem Eimer und trank einen Schluck. „Wasser haben wir auch bald nicht mehr, ich hole frisches vom Brunnen an der Straßenecke“, sagte er, goss den Rest in eine Kanne und nahm zwei Eimer. Noch floss kein Tropfen aus dem Wasserhahn in der Küche. Auch Strom und Gas gab es in den übrig gebliebenen Häusern der Stadt nicht mehr.

Die Mutter drehte sich nach ihm um. „Hoffentlich musst du dazu nicht zu lange anstehen“, sorgte sie sich. Sie sah ihrem Großen nach, wie er aus der Tür ging. Erst vor wenigen Tagen war er heimgekehrt, mager, abgerissen, hungrig, durstig, die noch jungen Bartstoppeln im Gesicht. Statt Schuhen an den Füßen, hatte er sich Lappen darum gewickelt. Es war ein weiter Weg gewesen, den er sich hatte durchschlagen müssen, um zu ihr nach Hause zu kommen. Alt war ihr Sechzehnjähriger geworden. Still saß er manchmal da und starrte vor sich hin. Seine Jugend war beendet gewesen, als sie ihn zu den Soldaten einzogen und ihm eine Panzerfaust in die Hand drückten. Wie war er ihr um den Hals gefallen; wie hatte sie ihn festgehalten. Ihr Mann würde aus dem Krieg nicht mehr nach Hause kommen, aber ihr Großer hatte ihn überlebt.

Mit Tränen in den Augen blickte sie zu ihrem Jüngsten. Wie viel Angst musste der Fünfjährige schon aushalten. An sie geklammert hatte er in ihrem Versteck mit ihr gezittert, wenn die polternden Schritte der Soldaten näher kamen, die nachts nach Frauen suchend durch die Häuser zogen. Noch konnte er nicht wissen, warum? Wie lange stand er jetzt so am Fenster und sah hinunter in den Hof? Das Lachen und die Freude am Spielen waren ihm verloren gegangen. Wird er sie wiederfinden?

Schritte kamen die Treppe hoch. Die Wohnungstür wurde aufgeschlossen. Die Großmutter trat ein, hängte ihren Mantel an den Haken im Flur und nahm das Kopftuch ab. „Eine Stunde habe ich vor dem Bäcker angestanden. Es hat sich gelohnt. Ein ganzes Brot habe ich bekommen. Sogar die ersten Brötchen hat es heute gegeben; ich habe gerade noch die letzen drei für die Kinder erobert“, rief sie und legte alles auf den Tisch. Dann sah sie sich um. „Na, Peter, was gibt es so Interessantes im Hof zu sehen?“ Sie trat hinter den Jungen. Sofort zuckte sie zurück. „Grete, warum lässt du ihn da zuschauen?“

„Wieso? Was ist denn?“ Die Mutter fuhr herum, trat ans Fenster und erschrak.

Über die Mauer ihres Hofes hinweg konnten sie in einen Park sehen. Überall brach der Frühling durch: Blumen wuchsen und reckten sich der Sonne entgegen; Äste, die den Bäumen noch verblieben waren, zeigten frisches Grün; Büsche, die nicht niedergewalzt wurden, blühten in voller Pracht; Vögel, die das Kampfgeschehen überlebt hatten, sangen ihre Lieder und bauten ihre Nester. In all diesem aufbrechenden Leben war nahe der Mauer eine große Grube ausgehoben worden. Bahre um Bahre wurden die Toten von der Straße dorthin getragen und mit einem Ruck hineingeworfen. Abfall des Krieges! Das Aufräumen einer Stadt hatte begonnen, mit vielen Händen, Stein um Stein.

„O Gott! Peter, was siehst du da?“ Entsetzt zog die Mutter ihn vom Fenster weg.

„Haben sie Papa auch in so ein Loch geworfen?“, fragte er.

Mutter und Großmutter sahen sich erschrocken an.

„Nein, Peter, er hat ein richtiges Grab für sich allein bekommen“, erklärte die Großmutter.

„Aber es ist auch ein Loch in der Erde“, beharrte Peter. Erst fünf Jahre alt, war ihm der Anblick toter Menschen nichts Fremdes mehr.

Auf dem Herd zischte es. Helle Flammen züngelten am Topf hoch; das Essen kochte über. „Die letzten Erbsen! Sie dürfen nicht anbrennen.“ Erschrocken sprang die Mutter zum Herd, nahm den Topf vom Feuer und rührte gleich kräftig um. „Das ist noch einmal gut gegangen“, sagte sie und setzte den Topf zurück.

Kaum hatte sie das getan, erschütterte eine Detonation die Umgebung. Scheiben klirrten, das Haus bebte. Peter schrie auf, hing mit einem Sprung an seiner Mutter und klammerte sich zitternd an ihr fest. Sie erstarrte vor Entsetzen. „Klaus! – Er ist draußen in den Ruinen – O Gott, wenn der Klaus ...!“

„Grete, Grete, komm zu dir!“, mahnte die Großmutter, zog Peter von ihr weg und nahm ihn beruhigend in ihre Arme. „Wer weiß, wo das gewesen ist. Dort muss Klaus nicht sein.“

Verzweifelt schlug die Mutter ihre Hände vors Gesicht. „Hört die Angst nie mehr auf?“

„Doch! Der Krieg ist vorbei! Auch diese Zeit geht vorüber.“

„Aber wie lange noch?“ Mutlos wandte sich die Mutter den Erbsen wieder zu und rührte sie weiter um. Sie schaute auf die Uhr. „Wo bleibt Kurt. Muss er so lange anstehen, bis er an den Brunnen gelangen kann?“



Kurz danach kam Kurt, aber mit leeren Eimern. „Klaus, es hat ihn erwischt! Sie müssen eine Handgranate oder sogar eine Panzerfaust gefunden haben“, berichtete er atemlos.

Er hatte gesehen, wie Klaus mit einem Freund in der Ruine verschwunden war, während er um Wasser anstand. Als gleich danach genau dort die Detonation erfolgt war, rannte er sofort hin. Er fand seinen Bruder schreiend, die Hände vor das Gesicht gepresst. Ein Bein war ihm zerrissen worden; Blut sickerte heraus. In Gesicht und Augen waren ihm Splitter gedrungen, er konnte nichts mehr sehen. Der andere Junge war tot.

Menschen waren dazugekommen. Irgendjemand hatte Klaus das Bein abgebunden, damit er nicht verblutete. Dann griffen viele Hände zu; sie trugen ihn aus der Ruine, vorbei an einem kleinen Haufen Holz, den er sich wohl schon zum Mitnehmen gestapelt hatte. Vorsichtig war er auf einen Handwagen gelegt worden. Ein paar Männer zogen ihn damit durch die Straßen der Stadt zu dem nächsten, längst überfüllten Krankenhaus. Kurt aber war nach Hause gelaufen. Die Mutter, sie musste es wissen.



Noch den Kochlöffel in der Hand, wie versteinert hörte sie ihm zu, während die Großmutter leise wimmerte: „Das kann nicht sein! Das kann nicht sein!“

Niemand sah nach Peter. Als wäre er allein gelassen, verkroch er sich von allen unbeachtet in eine Ecke unter dem Tisch.

„Ich gehe jetzt zu Klaus“, sagte am Ende Kurt.

Die Mutter starrte ihn noch immer bewegungslos an.

„Hast du gehört, Mama? Ich gehe jetzt zu Klaus“, wiederholte er.

Da erst kam wieder Leben in die Mutter. Hastig riss sie Kopftuch und Mantel vom Haken, sagte: „Ich komme mit“ und war schon halb zur Tür hinaus.

„Mama, nein!“ Kurt zog sie zurück. „Dazu ist es heute viel zu spät. Wer weiß, wie lange es dauert, bis ich etwas erfahren kann. Bleib du hier, ich gehe allein.“

„Grete, du kannst nicht im Dunkeln hinaus auf die Straße. Das ist noch viel zu gefährlich für eine Frau.“ Auch die Großmutter wollte sie zurückhalten.

„Ich muss ihn sehen, muss bei ihm sein ... “

„Morgen, Grete, morgen! Heute wird für ihn gesorgt. Denk an Peter!“

„Aber...“ Ratlos sah sich die Mutter um. Peter, wo war er? Sie entdeckte ihn unter dem Tisch. Verstört blickte er zu ihr hervor. Sie erkannte seine panische Angst. Sie durfte ihr Leben nicht riskieren, auch er brauchte sie.

„Ist gut!“, fügte sie sich. „Gib aber Acht, dass sie im Krankenhaus alles für Klaus tun. Hörst du? Und morgen bin ich da. Sag ihm das!“ Auch wenn es ihr schwer fiel, sie ließ ihren Großen allein gehen. Die Tür schlug hinter ihm zu. Erste Tränen der Verzweiflung und Hilflosigkeit liefen ihr über das Gesicht. Sie merkte es nicht. „Er muss überleben und darf nicht blind werden“, sprach sie vor sich hin, als könne sie damit das Schicksal beeinflussen.

Sie bückte sich, holte Peter unter dem Tisch hervor und nahm ihn in die Arme. „Es wird alles gut. Bestimmt, es wird alles gut!“, flüsterte sie. Beruhigende Worte, doch die Tränen straften sie Lügen. Sie brachte ihn zu Bett. Erst danach war Zeit zu weinen. Man muss alles aushalten – aber wie? „Morgen ist ein neuer Tag, morgen ...“, murmelte sie und strich ihrem Kleinen über sein Haar.



Die Großmutter nahm währenddessen die inzwischen angebrannten Erbsen vom Herd. Das Feuer war bereits erloschen. Sie trat erneut ans Küchenfenster. Noch immer trugen sie Leichen heran und warfen sie ins Massengrab. Gerade brachten sie eine Frau, nein, ein Mädchen, erkannte die Großmutter. Vielleicht war sie fast noch ein Kind gewesen. Der Rock ihres leichten Sommerkleides hing seitlich von der Bahre herunter. Er leuchtete in der Abendsonne und flatterte im Wind. Welch sinnloses Opfer, wahrscheinlich vergewaltigt und ermordet.

„Verfluchter Krieg, der mit Hass und Gewalt den Kindern die Kindheit und Jugend raubt!“

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