Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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April 2006
XP
von Sabine Poethke

Auf dem Spielplatz vor dem Haus toben die Jungen und Mädchen. Carol steht am Fenster. Er beobachtet sie seit gut einer halben Stunde. Wie jeden Tag … aber wer will das wissen?

Carol dreht sich um und geht zurück in seine kleine Welt. Hier braucht er wenig Schutz. Vielleicht ein gutes Virenprogramm? Die Leute „draußen“ halten ihn für ein „Kuriosum absurdum“, deshalb zieht er sich mehr zurück, als er es vielleicht muss.

Die Zimmer in der ganzen Wohnung sind abgedunkelt. Eine UV filternde Folie klebt an jedem Fenster. Carol kennt es nicht anders. Seine „best friends“ im Internet bewundern ihn dafür. Sie finden das cool. Bei ihnen fühlt er sich wohl. Die Isolation ist dann nicht mehr so gewaltig. Sie geben ihm Geborgenheit, während seine Eltern ihrer Arbeit nachgehen.

Seine Mutter hat einen gut bezahlten Job in der Stadtverwaltung. Sein Stiefvater ist Vorarbeiter in einer großen Baufirma. Seinen Vater kennt Carol nicht, der ist irgendwann gegangen, als Carol noch ganz klein gewesen ist. Vielleicht vier Jahre alt? Carol weiß es nicht mehr genau. Es ist für ihn wenig interessant.

Für ihn und seine Eltern ist es eher wichtig, dass beide arbeiten und Geld nach Hause bringen. Carol ist in der Zeit zwar auf sich gestellt, aber sie brauchen das Geld. Für ihn, seine Technik und das, was er sonst noch zum Leben braucht.

Zur Schule geht er schon seit einigen Jahren nicht mehr. Eine Zeitlang hatte er jede Menge Privatlehrer. Auch Nachhilfelehrer, meist Abiturienten oder Studenten, die sich einige Euro zum Taschengeld dazu verdienten.

Jetzt bringt er sich vieles selbst bei. Via Internet- die unbegrenzte Möglichkeit.

Carol sitzt vor seinem PC und taucht ein in die Welt der www’s. Seinen PC hochfahren? Nicht nötig, der ist immer an, Flatrate sei Dank! Er loadet Musik, zieht Programme, spielt „CS“. Er ist in „Chatrooms“ zu Hause. Hier hat er Freunde! Ihre Nicknames sind so bunt, wie die Seiten, auf denen er chattet:

„Single for you“, „Schattentreff“, „Counter-Strike, the game of the world“, „Nightcafe“, „Daylight“, „Nordlichter“ und wie sie alle heißen. Er kann es selbst nicht mehr genau sagen, in welchen Rooms er sich schon herum getrieben hat.

Carol weiß schon lange nicht mehr, wie die Leute alle hießen, mit denen er sich dort traf. Er hat jetzt eine lange „Freunde-Liste“, die meisten haben so romantische Namen wie er. Sie heißen: „Gänseblümchen1_2“, „Silbermondgehtauf“, „dahastduaberglück“ und er trifft sich mit „Regenbogenende“ und „Traumreisender“. Jeder hat eine Geschichte. Schöne, traurige, mutbringende, verzweifelte hat er gehört. Carol ist fast vierzehn Jahre alt und in vielen Dingen erfahrener als andere Kinder seines Alters. Und in vielen Dingen auch wieder nicht! Er weiß nicht, wie es ist, im Sonnenschein auf dem Spielplatz zu toben, er kann es nur vermuten.

Carol lacht. Er schreibt sich gerade mit seiner liebsten Freundin: „dahastduaberglück“. Sie hat einen Mann, zwei Kinder, ein Haus und ein paar Tiere. Sie hat ein Leben außerhalb des Chats. ‚Verrückte Tussi!’, denkt er und er schreibt ins Chatfenster: >*fg* ^^<

Dann wartet Carol auf die Reaktion. Anfangs hatte er „dahastduaberglück“ erzählt, er sei verheiratet und habe ein Kind. Er säße tagsüber an seinem Schreibtisch in einem Büro und wälze Akten. Chatten würde er nur aus Langeweile bei der Arbeit. Letzteres war nicht ganz gelogen. Carol langweilt sich oft. Später, irgendwann, hat er „dahastdu…“ die Wahrheit gesagt. ‚Verrückte Tussi!’ dachte er auch damals schon. Sie lachte nur und sagte ihm, das sei eben auch das „Net“. Sie tauschten Storys aus. Sie kannte haufenweise Geschichten, die sie Carol erzählte. Einige hat sie selbst erlebt. Draußen „heile Welt“ und im Internet den Frust vergessen und träumen.

Vergangenes Wochenende ist Carol mit einer anderen Freundin, Regenbogenende, spazieren gegangen. Virtuell. Geht nicht? Geht wohl!

Regenbogenende schrieb: *nimmt xp an die Hand und sie rennen lachend über die regennasse Wiese*

Carol schrieb: *die Sonne scheint warm auf unsere Gesichter, xp lacht dich strahlend an*

Regenbogenende schrieb: *pflückt eine Blume und riecht daran, kitzelt dich mit der Blume*

Carol schrieb: *muss lachen und … niesen, Haptschi!*

Regenbogenende schrieb: *schaut dich lang an…sagt nach einer EwigkeitGesundheit! ;-)*

Regenbogenende schrieb: *fg, was dachtest du denn?*

Regenbogenende schrieb: *lach, hell und lieblich*

Carol schrieb: *kitzelt dich an der Wange und will mit dir kuscheln*

Regenbogenende schrieb: *junger Mann, nicht so stürmisch, ich bin eine Lady*

Regenbogenende schrieb: *rennt los und xp soll sie fangen*

So rannten sie zum See, umarmten sich, sahen auf das Wasser und hörten die Vögel zwitschern, legten die Arme umeinander und träumten. Jeder seinen eigenen Traum und doch nicht allein.

Carol unternimmt mit den Freunden im Netz die unterschiedlichsten Sachen. Dinge, die er vermutlich im realen Leben niemals machen wird.

„Traumreisender“ ging mit ihm auf große Fahrt über den Atlantik. Carol war noch niemals in Venezuela. Er schon. „Traumreisender“ erzählte ihm vom „Salto Angel“, dem höchsten Wasserfall der Welt. Er hat ihn gesehen. Aus dem Flieger, der sehr tief fliegt, genau zwischen den Bergen hindurch. Carol träumt dann vom Fliegen und der weiten Welt. Nein, Carol ist noch nie in Südamerika gewesen, er hat es ja noch nicht einmal -tagsüber- bis zur Ostsee geschafft. Dabei wohnt er nur dreißig Kilometer entfernt.

So vergehen die Tage. So vergeht Carols Leben. So vergeht die Zeit.

Carols Mutter kommt abends gegen 17.30 Uhr nach Hause. Sein Stiefvater keine halbe Stunde danach. Dann essen sie zusammen zu Abend. Später sitzen sie mit Carol im Wohnzimmer und reden viel. Carol erzählt seine Geschichten aus dem Internet und seine Mum und sein “Stief“ hören zu und versuchen ihn zu verstehen.

„Es gibt noch nichts neues“, sagt Carol. „Die eine Creme, die Wirkung gezeigt hat in den Tests, ist in Deutschland noch nicht auf dem Markt. Die, die auf dem Markt ist, hat nicht die gewünschte Wirkung! Was für ein Quatsch!“

Draußen wird es langsam dunkel. Sonnenuntergang heute, 1. April 2006, 18.55 Uhr.

Carol beginnt gegen 20.30 Uhr damit, sich „ausgehfertig“ zu machen. Seine Mutter cremt ihn ein. Die sehr trockene Haut gehört zum Krankheitsbild dazu. Jetzt kann er sich normal anziehen, die Kleidung muss ihn nicht vor dem Sonnenlicht schützen. Geschafft, wieder ist ein Tag geschafft!

Gegen einundzwanzig Uhr gehen sie nach draußen. Die Gefahr durch die UV- Strahlung ist dann nicht vorhanden, die Gegend sehr ruhig, die Anonymität größer. Carol mag es nicht, wenn die Leute ihn anstarren. Durch die Tumore im Gesicht und die vielen Narben nach dem Entfernen sieht er nicht aus wie ein normaler dreizehnjähriger Junge. Aber innen drin ist er es! Zwei Stunden spielt er auf dem Spielplatz vorm Haus Fußball, schaukelt, klettert.

Dabei fühlt er sich frei, so unglaublich frei!

Danach gehen sie wieder nach drinnen. Seine Eltern verabschieden sich, sie müssen ab ins Bett. Carol ist noch nicht müde. Außerdem ist er aufgeregt. Seit Tagen wartet er auf einen Brief aus dem Labor. Heute war wieder nichts in der Post. ’Es ist zum „aus-der-Haut-fahren“!

Wenn ich doch bald wüsste wie der noch ausstehende Befund aussieht … ’

Bevor er beginnt tiefer darüber nachzudenken, geht er lieber online. Er sichtet seine „best friends“, solange seine Augen nicht zu sehr schmerzen und begibt sich in einen Chatroom.

„Mondscheinkind_xp betritt den Raum“ ist zu lesen und viele denken beim Klang seines Namens an Romantik, Fantasie und Träumen und nicht an die Sonnenscheinkrankheit „Xeroderma pigmentosum“.

Ich wette: Viele, die am PC sitzen, haben bei den Buchstaben XP als erstes an ein Betriebssystem gedacht …







Nachwort:

Xeroderma pigmentosum führt bei den Betroffenen oft zum Tod, bevor sie das Erwachsenenalter erreichen. Wird die Krankheit jedoch frühzeitig diagnostiziert und gibt es konsequenten Schutz vor Licht und eine sehr häufige, sehr regelmäßige Krebskontrolle, ist eine höhere Lebenserwartung möglich. Der bekannte, gängige Name der Erkrankten heißt nicht ohne Grund „Mondscheinkind(er)“. Das Leben dieser Menschen besteht im Allgemeinen nur aus ihrer Kindheit.

Letzte Aktualisierung: 29.06.2006 - 20.15 Uhr
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