Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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April 2006
Tierische Langeweile
von Martina Bartels

Kerstin stand am Fenster und sah hinaus in den strömenden Regen. Auf der gegenüberliegenden Koppel führten die Nachbarsmädchen ihre klatschnassen Ponys in den Stall.

Kerstin lächelte, als sie an ihre eigene Pferdezeit dachte. Sie muss damals elf oder zwölf Jahre alt gewesen sein und verbrachte ihre Freizeit mit ihren Freunden auf einem Ponyhof. Der Hof gehörte zu einem Freizeitpark, in dem sie an den Wochenenden den Reitbetrieb organisierten. Als Belohnung bekam jedes Kind ein Pflegepony, das sie versorgen und reiten durften.



Auch früher gab es verregnete Zeiten. Kerstin erinnerte sich, wie sie eines Nachmittags zu fünft in der Scheune auf Strohballen herumlümmelten und auf Halmen kauten.



„Mistwetter! Wenn wir nicht bald reiten können, flippt meine Bonni aus und ich auch“, murmelte Babs.

„Es hat aufgehört zu regnen, aber das ganze Feld steht unter Wasser, keine Chance“, antwortete Christoph.

Kerstins Augen begannen zu funkeln und Grübchen bildeten sich auf ihren Wangen. Die Freunde kannten sie gut genug, um diese Zeichen zu deuten.

„Was heckst du aus?“, fragte Nicole.

Kerstin hatte meistens gute Ideen. Christoph war sofort hellwach. Er knuffte sie in die Seite. „Schieß los!“

„Mensch Leute, wir reiten im Park, auf den Wegen!“

„Vergiss es, du weißt, dass wir nicht im Park reiten dürfen.“ Christoph schüttelte den Kopf.

„Stimmt, erinnere dich an das Theater vom letzten Mal!“, warf Nicole ein.

„Ja, ja, ich weiß, aber wenn es ein Notfall ist ...“

„Sag endlich genau, was du vorhast!“, fiel Stefan ihr ins Wort.

„Ganz einfach, wir rufen die Chefin an und sagen uns ist ein Pony abgehauen. Die gibt der Parkleitung Bescheid und wir dürfen offiziell reiten.“

Aufgeregt setzte Babs sich auf. „Die Idee ist gut, nur, wenn wir ein Pony laufen lassen, kann einer von uns nicht mit“, sagte sie enttäuscht.

„Doch“, warf Kerstin ein, „wir nehmen Pedro!“

„Du willst den Esel laufen lassen?“, entgeistert sah Stefan sie an.

„Pedro ist zahm und brav, leicht einfangen lässt er sich auch, warum also nicht?“

„Ja, warum nicht?“, wiederholte Babs.

„Ich rufe die Chefin an!“ Kerstin, die wusste, dass sie ein Donnerwetter wegen Unachtsamkeit erwarten würde, holte tief Luft und verließ die Scheune.

Ein paar Minuten später kam sie mit geröteten Wangen zurück. „Alles klar“, rief sie, „lasst uns den Esel jagen.“

Eifrig holten sie das Tier aus dem Stall und öffneten das Gatter zum Park. Pedro trabte zur Wiese, senkte den Kopf und graste friedlich.

„Mist, der ist zu faul.“ Wütend trieb Nicole das Tier mit einem Besen vor sich her. Der Esel trottete er ein paar Schritte, ehe er erneut zu fressen begann.

„So wird das nichts, wir müssen ihn weiter treiben.“ Die Kinder schnappten sich ein paar Äste und schlugen Pedro in die Flucht. Als er um die Ecke verschwunden war, gingen sie zurück zum Stall.

„Kommt, bis wir die Ponys fertig gemacht haben, ist er weg.“

Sie führten die Ponys aus den Boxen, putzen sie flüchtig und legten die Trensen an. Wie immer schwangen sie sich auf den nackten Pferderücken und ritten los. Von Pedro war weit und breit nichts zu sehen.

„Juhuuu, das ist ein Spaß, Kerstin, du bist Gold wert.“ Christoph ritt an ihrer Seite und strahlte sie an. Zufrieden trabten sie über die Wege, alberten herum, bis sie Seitenstiche vor Lachen hatten. Auch die Ponys genossen den Ausritt und schnaubten zufrieden. Nachdem sie eine große Runde im Park gedreht hatten, gab es noch keine Spur von Pedro.

„Wo der Esel wohl steckt?“, fragte Kerstin kleinlaut.

„Ach, den finden wir schon.“ Stefan klopfte ihr auf den Rücken.

„Moment, wartet, ich frag den Mann da drüben.“

Langsam ritt Babs auf den Spaziergänger zu. „Entschuldigung, haben Sie einen Esel gesehen“, begann sie freundlich.

„Du freche Göre, mach, dass du weg kommst!“ Wütend schlug der ältere Herr mit seinem Stock nach dem Pony.

Babs wollte gerade etwas erwidern, als Bonni scheute und losgaloppierte. Mit einem Griff in die Mähne rettete sie sich vor einem unfreiwilligen Absitzen.

„Was war denn mit dem los?“, wollten die anderen nach Babs Rückkehr wissen.

„Och, ich hab ihn gefragt, ob er einen Esel gesehen hat.“ Lachsalven antworteten ihr.

„Nun mal ernsthaft, irgendwo muss er sein“, warf Kerstin ein. „Am besten wir reiten Richtung Stall.“

Christoph nickte. „Vielleicht ist Pedro von alleine zurück gelaufen.“

Auch Nicole wurde es mulmig. „Was machen wir, wenn wir den Esel nicht finden?“

„Ich weiß nicht“, nuschelte Kerstin.

Langsam ritten die Fünf zurück. Vor der letzten Wegbiegung hörten sie ein fürchterliches Schimpfen.

„Du Mistvieh, lass los! Du sollst loslassen, sag ich!“

„Das ist Petra!“ Schnell trieb Nicole ihre Stute zum Trab an.

Kaum war sie um die Kurve, erklang ihr Kreischen. Die Freunde sahen sich an und trieben ihre Ponys ebenfalls vorwärts.

Hinter der Biegung blieben sie abrupt stehen, stiegen von den Ponys und versuchten verzweifelt ihr Kichern zu unterdrücken.

Im Kiosk stand Pedro und streckte seinen Kopf durch das Fenster, als wollte er die Kundschaft begrüßen. Seine Nüstern waren ganz weiß und sahen wie gepudert aus. Ein freudiges „Iah“ begrüßte sie, während der Esel mit seinen langen Ohren wackelte.

Auf dem Verkaufstresen saß Petra, die Inhaberin, und versuchte in ihren Kiosk zu gelangen.

„Was ist denn hier passiert?“, begann Kerstin und bemühte sich um eine bedröppelte Miene.

„Ich war nebenan auf dem Klo und habe die Kiosktür offen gelassen. Da muss euer Esel hier reingekommen sein“, schnaubte Petra. „Er hat von innen die Tür zugehauen!“ Mit einem verzweifelten Blick sah sie die Freunde an.

„Ihr wisst doch, diese blöde Tür geht von außen nur mit dem Schlüssel auf, und der liegt im Kiosk auf dem Tisch. Da wollte ich durch das Fenster rein, aber er hat mich nicht gelassen.“ Petra deutete auf den Esel.

„Wie ihr seht, hat Pedro seine Beute gut verteidigt, er hat sich über die Kiste mit den Fruchtflips hergemacht.“ Unwillkürlich musste sie grinsen.

Dann begannen ihre Schultern zu zucken und sie prustete los. Erleichtert stimmten die Freunde mit ein.

„Komm runter und halt mal!“ Kerstin drückte Petra die Zügel ihres Ponys in die Hand und schwang sich selber auf den Verkaufstresen.

„Na Alter, hat es dir geschmeckt? Jetzt hast du genug genascht.“ Energisch schob sie den Esel zur Seite und sprang in den Kiosk. Liebevoll klopfte sie seinen Hals, ehe sie ihn am Halfter nahm, die Tür öffnete und Pedro nach draußen führte.

Die anderen hatten ihre Ponys bereits festgemacht und Kerstin band Pedro an den Zügel ihrer Stute.

Gemeinsam sahen sie sich das Chaos im Kiosk an. Der Boden war übersät mit Zucker und vereinzelten Fruchtflips. Als Dank für sein Festmenü hatte der Esel ein paar Äpfel fallen lassen.

„Was für ein Gestank!“ Die Inhaberin rümpfte die Nase und drückte Kerstin einen Besen und eine Schaufel in die Hand. Während sie den Mist beseitigte, räumten die Freunde den Rest auf und entschuldigten sich bei Petra.

Als sie den Esel zurück zum Stall brachten, gibbelten sie noch immer. Die weißen Hufabdrücke aus Zucker schmolzen auf dem nassen Boden, die letzten Spuren von Pedros Abenteuer waren beseitigt.



„Mama, warum kicherst du so? Gibt es draußen was Lustiges zu sehen?“

Kerstin schrak aus ihren Gedanken, als sie die Stimme ihrer Tochter vernahm und schüttelte den Kopf.

„Mir ist langweilig und ich weiß nicht, was ich bei dem Sauwetter machen soll!“

„Du könntest mit den Nachbarmädels eine Runde reiten gehen und mir eine Tüte Fruchtflips mitbringen!“

„Was hast du gesagt?“ Verständnislos sah das Mädchen die Mutter an. Kerstin legte ihr den Arm um die Schultern. „Das kannst du so nicht verstehen, komm, ich koche uns Kakao und erzähle dir die Geschichte …“

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 14.52 Uhr
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