Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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April 2006
Kindheit in dörflicher Idylle oder der Teufel liegt im Detail
von Regina Lindemann

Wie der kleine Lukas da mit seinem Dreirad auf der Wiese herumspielte bot er genau den Anblick, den sich seine Eltern für ihn immer wünschten. Dafür waren sie raus auf’s Land gezogen, dafür nahm Stefan jeden Tag 50 km hin zur Arbeit und 50 km wieder zurück auf sich. Es sah aber auch herzbezaubernd aus, wie der Blondschopf versuchte, sein Geschenk über die Wiese zu schieben und dabei gar nicht einsehen wollte, dass es hier so viel schwerer ging als auf dem geteerten Weg. Seine kleinen Füßchen rutschten immer wieder an den feuchten Grasballen ab, trotzdem versuchte er es unverdrossen immer weiter. Mit kindlichem Ernst und Eifer kam er gar nicht auf den Gedanken aufzugeben. Völlig auf seine Tätigkeit konzentriert vergaß er Zeit und Raum. Er hatte keinen Blick übrig für die Idylle, die Erwachsene hier so hochschätzten: die endlosen Wiesen und Äcker, nur hin und wieder unterbrochen durch kleine Haine. In der Ferne funkelte das Wasser eines Sees in der Sonne, die sich gerade ihren Weg durch die Wolkenfront bahnte. Das war ein Ort, an dem ein kleines Kind noch ohne Sorge alleine nach draußen gelassen werden konnte. Ein Ort, an dem man glücklich sein konnte.

Der Junge hob erst den Kopf, als der Ruf seiner Mutter über die Felder schallte: „Luuukaaaas, essen!“. Das brachte ihn in Schwierigkeiten, denen sein kleiner Geist noch nicht gewachsen war: seine Mühen hatten bereits erste Ergebnisse gezeigt und das Dreirad stand ein gutes Stück weit in der Wiese. Der Rückweg würde nicht weniger lang dauern als der Hinweg, soviel war ihm klar. Seine Mutter mochte es gar nicht, wenn er ihrem Ruf nicht sofort folgte. Sein Vater dagegen wurde immer wütend und begann zu schimpfen, wenn Lukas seine Sachen draußen ließ. Was also tun? Der Kleine entschied sich, das Rad erst einmal stehen zu lassen. Auch, weil der Ruf der Mutter jetzt zunehmend energischer wurde. Er lief auf seinen kurzen Stummelbeinchen los und fiel ein weiteres Mal auf die bereits erd- und grasverklebten Knie, bevor er den befestigten Weg entlang zum Haus stürmte. Lukas schlüpfte durch eine Lücke in der Hecke in den gepflegten Garten mit seiner Sandkiste und dem Schaukelgerüst. Von dort rannte er direkt durch die offene Terrassentür ins Wohnzimmer mit der Essecke. Der Tisch war gedeckt und sein Opa Knut saß bereits vor dem Teller. Die Mutter kam mit einer Schüssel voller dampfender Nudeln aus der Küche.

Sie schimpfte noch während sie zum Tisch ging: „Lukas! Wie siehst du bloß wieder aus? Und sieh dir mal deine Schmutzspuren an. Verdammt, wie oft soll ich dir noch sagen, du sollst den Dreck draußen lassen!“ Sie knallte die Schüssel auf den Tisch und zog ihn hinter sich her in die Waschküche im Keller. In dem gefliesten Raum musste er Jacke, Hose und Stiefel ausziehen und sich Hände und Gesicht mit kaltem Wasser und Seife waschen. Seine Mutter stand ungeduldig neben ihm, vor lauter Eile geriet ihm Seife in die Augen. Sein rechtes Auge tränte noch, als er sich hungrig und in Strumpfhosen an den Tisch setzte. Es gab Nudeln mit Tomatensauce, das mochten sie alle. Der Opa wurde als letzter fertig. Lukas wusste, dass er immer besonders langsam aß, weil er schon alt und krank war. Seine Mutter sagte oft, was für eine Plage es mit dem alten Mann wäre. Sobald die letzten Nudeln auf der Gabel waren, begann Lukas Mutter eilig das Geschirr zusammenzustellen. Lukas durfte in der Küche die Teller in die Spülmaschine einräumen. Das tat er besonders gern, er mochten den Anblick, wenn sie dort in Reih und Glied ordentlich wie zum Spülappell standen. Währenddessen sortierte die Mutter die Packung von den Nudeln mit Tomatensoße in blauen, gelben und grauen Müll. Dann war es Zeit für ihr Nachmittagsschläfchen. Lukas wurde erlaubt, sich dabei neben den Opa in das große Bett legen, dorthin wo früher immer die Oma geschlafen hatte.

Als Kind und Schwiegervater endlich im Bett waren, machte sich Sabine an die Entfernung der kindlichen Schmutzspuren im Wohnzimmer. Als sie hier eingezogen waren, hatte sie die hell beigefarbenen Steinfliesen bewundert, mit denen der großzügige Raum ausgelegt war. Für sie Stadtpflanze hatte dieser Boden etwas von edlem gutsherrlichen Flair gehabt. Damals war sie auch noch nicht schwanger gewesen, hatte noch kein schmutztragendes Kind gehabt und keinen senilen Schwiegervater, der beinahe genauso viel Dreck und Arbeit machte wie Lukas. Sie überlegte, ob sie sich die Qual mit einem Cognac versüßen sollte, aber sie musste noch einkaufen und wollte keine Fahne vor sich hertragen. Die Leute tratschten schon genug über Stefans Geschäftsfrau aus der großen Stadt. Geschäftsfrau, wie höhnisch das hier draußen auf dem Land klang. Geschäftsfrau, das war einmal gewesen, als sie noch Leiterin eines Marktes in der Stadt war. Sie hatte sich entschieden ihren Beruf aufzugeben, obwohl sie für diese Karriere hart kämpften musste. Das war kurz nachdem sie und Stefan es für eine gute Idee hielten, den Rest ihres Lebens in dieser Einöde zu verbringen. Sie wollten viele Kinder bekommen, die dann alle wie glückliche Kühe in dieser Idylle aufwachsen sollten. Sabine hatte damals übersehen, dass Idylle auch Einsamkeit bedeutete. Das Leben auf dem Land, in diesem Dorf, war ein Leben inmitten einer eingeschworenen Gemeinschaft, die sie als Zugezogene nicht aufnehmen wollte. Landleben bedeutete für Sabine Langeweile, obwohl es weiß Gott genügend Tätigkeiten gab. Wie zum Beispiel diese Fliesen perfekt zu reinigen, ein Kind und einen alten Mann perfekt sauber zu halten, Stefan ein perfektes Haus zu bieten. Ihr Körper hatte ihr eine weitere Enttäuschung der Idylle-Vorstellung beschert: er weigerte sich beharrlich mehr als Lukas zuzulassen. Keine erfüllende Kinderschar, die Glück in ihr Leben brachte, bloß Lukas. Sie ahnte, dass die Leute auch darüber redeten: die Geschäftsfrau, nur ein Kind und sonst nichts, die macht sich das Leben leicht. Das Leben hier war schon leichter geworden, allmählich. Als besonders erleichternd erwies sich der Cognac, aber auch Wein konnte helfen, wenn die Menge stimmte. Sie musste sich sputen, dann konnte sie schnell vom Einkaufen zurück sein. Es würde noch für ein oder zwei Gläschen in Ruhe reichen, bevor die Meute wieder wach wurde und ausdauernd ihre Aufmerksamkeit forderte.

Sie hatte gerade die Einkäufe verstaut und saß mit dem ersten wohlverdienten Glas gemütlich vor dem Fernseher, als Stefan anrief. Es würde heute später werden, eine kleine spontane Feier in der Abteilung. Sabine war erleichtert, aber sie schämte sich für ihr Verlangen nach einigen ruhigen Stunden und weiteren Gläschen. Sie spülte den Gedanken an die möglichen, vielleicht weiblichen, Teilnehmer der Feier mit einem weiteren Glas weit weg.

Stefan legte in seinem Büro den Hörer auf die Gabel. Sabine hatte gereizt geklungen, wie so oft in letzter Zeit. Er wusste, dass sie nicht glücklich war, nur konnte er nicht verstehen warum. Sie saß den ganzen Tag gemütlich zu Hause, während er um ihre gemeinsame Existenz kämpfte. Sie konnten das Haus zwar vom Vater übernehmen, aber es waren Modernisierungen notwendig gewesen, teure Umbauten. Sie wollten schließlich nicht wie im Mittelalter wohnen. Er hatte damals alles genau durchkalkuliert, jede Eventualität beachtet die ihm bekannt war. Jetzt waren plötzlich andere Zeiten angebrochen, viele staatliche Hilfen waren einfach weggefallen und auch in der kleinen Familie hatte sich manches anders entwickelt als geplant. Er hatte zwar von Anfang an ohne Sabines Verkäuferinnengehalt kalkuliert, aber bis zum letzten Jahr waren sie über das Zusatzeinkommen sehr froh gewesen, vieles war teurer geworden und Lukas war so unachtsam mit seinen Sachen, ließ sie dauernd im Regen stehen. Sabine bekam das einfach nicht in den Griff, obwohl die den ganzen Tag zu Hause war. Viel früher als geplant musste Sabine aufhören zu arbeiten, weil sich abzeichnete, dass sie seinen Vater nicht mehr den ganzen Tag mit dem Kind allein lassen konnten. Die Situation kam nicht völlig unerwartet, aber sie kam früher als gedacht. Stefan hatte ein gutes Einkommen, noch reichte es, aber seit einigen Wochen war er nicht mehr sicher, dass das auch so bleiben würde. Gerüchte machten die Runde, Spekulationen über Umsatzeinbußen. Die ersten Personenzahlen wurden hinter vorgehaltener Hand weitergegeben. auf. Die kleine Feier heute Abend war eine Pflichtveranstaltung zur Stärkung der Moral, er konnte sich nicht drücken. Gerade jetzt musste er deutlich zeigen, dass er mit vollem Einsatz hinter der Firma und ihren Zielen stand. Die Unsicherheit zerrte an seinen Nerven genauso wie an denen seiner Kollegen, die Stimmung war denkbar schlecht. Gerade jetzt durfte er keinerlei Schwäche zeigen. Sabine konnte ihm ihre Problemchen auch morgen erzählen oder besser noch, sie versuchte sie mal selbst zu lösen. Er hoffte nur, dass sie ihre Gereiztheit nicht wieder an dem kleinen Lukas auslassen würde.

Knut lag an diesem Abend lange wach in seinem Bett. Es waren einige seiner klareren Stunden. Stunden in denen er begriff, dass das, was um ihn herum vorging, die Gegenwart und die Wirklichkeit waren. Er hörte Stefan nach Hause kommen, hörte Streiten und Türenknallen, lautes Geschrei wie es in seiner eigenen Ehe niemals vorgekommen war. Die zwei da unten respektieren, achteten einander nicht. Sie lebten beide ihre Vorstellung vom perfekten Leben und vergaßen darüber der Realität des anderen genügend Raum zu geben. Sie waren hierher gezogen, weil sie Lukas eine Kindheit inmitten der ländlichen Idylle ermöglichen wollten. Sie wünschten sich, dass er als unbeschwertes Dorfkind aufwuchs, nicht als verwöhnter Stadtfratz. Sie vergaßen, dass zu einer unbeschwerten Kindheit mehr gehörte als ein Haus mit einem gedeckten Tisch inmitten grüner Wiesen. Stefan war nie so angeschrieen worden, wie Sabine mit ihrer Familie herumkreischte, weder als er noch klein war noch später als Erwachsener. Stefans Kindheit war nicht überschattet gewesen von der ständigen Explosionsgefahr, in der seine eigene Familie jetzt lebte. Über Knuts Wange rollte eine einsame Träne der Hilflosigkeit. Die Träne eines gelebten Lebens, vergossen um ein Kind, das nur Idylle kannte, kein Vertrauen, nur weite offene Wiesen, keine glückliche Mutter, nur teure Spielgeräte, keinen Vater der sie mit ihm benutzte.

Letzte Aktualisierung: 29.06.2006 - 20.30 Uhr
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