'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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April 2006
Gedanken im Bus
von Marcus Watolla

„Dat törnt volle Kanne!“

„Da müssen wa nachher ordentlich schillen!“

Wie? Was?

Ich hatte, so glaubte ich, ein internationales Problem. Hörte zwar den Ansatz der deutschen Sprache, verstand aber nur chinesisch und die Sache kam mir echt spanisch vor.

„Dat wird ein hüper Iwent!“

Ich drehte mich um und betrachtete die jungen Leute, die hinter mir im Bus Platz genommen hatten. Lange, schlabberige Latzhosen, auf den kurzgeschorenen Köpfen umgedrehte Baseball-Mützen. Sie waren vielleicht gerade fünfzehn Jahre alt. Die Füße hatten die Bengel natürlich auf den Sitzen.

Das waren mir die Richtigen.

Die Jugend von heute. Macht, was sie will.

So hätten wir uns damals nie benommen!

Und diese unmögliche Sprache ...

Ich mochte solche Halbstarken nicht.

Sie waren mir ein Dorn im Auge. Das war genauso schlimm wie unnötige Kommentare. Zum Beispiel: man stößt sich den Kopf irgendwo, dass es nur so kracht und irgendjemand wird fragen: „Hat es weh getan?“ Oder man lässt im vollbesetzten Lokal etwas fallen. Es wird sich hundertprozentig einer finden, der Beifall klatscht oder um Zugabe grölt.

Genauso unnötig war, dass mein Auto den Geist aufgegeben hat. Blöde Karre. Da wird sich dieser schmierige Monteur wieder die Hände reiben. Kann er mir wieder mehr berechnen, als in Wirklichkeit notwenig ist. Machen sie doch alle ...

Betrug, wohin man sieht.

Man ist in dieser Welt nicht mehr sicher davor.

Jeder zieht den anderen über den Tisch, wo er nur kann.

„Dat wird voll kreschen, Männ!“

Ich sollte aufstehen und diesen unnützen Halunken einmal die Meinung geigen. Aber was bringt das? Die werden pampig und im Endeffekt bin ich der Blöde. Ich verstehe ja noch nicht einmal deren Sprache ...

Ganz zu schweigen von der Musik, die diese Kiddies hören. Da war ich letztens mal wieder nach langer Zeit in einer Diskothek, die mehrere Ebenen hatte. Auf der ersten spielten sie Bumm-Bumm-Musik. Hart und laut. Ich floh. Auf der zweiten wechselten sich schrille Töne ab, ohne Takt oder Rhythmus. Wieder türmte ich. Als ich endlich auf die dritte Ebene kam, fühlte ich mich gleich viel wohler. Und was soll ich Ihnen sagen? Es war die Oldie-Ebene.

Bin ich mit meinen vierzig Jahren etwa schon ein Oldie?

Klar mag ich Bands wie U2 oder Simple Minds.

Aber bereits die Auszubildenden in der Firma kennen die kaum noch. „Ach ja“, sagte mir unlängst einer von ihnen, „U2, die waren doch damals so bekannt. Meine Eltern fahren darauf voll ab.“

Damals?

Hallo?

Der Begriff cool wurde vollends umgedreht. Heute scheint es cool zu sein, mit umgedrehten Baseball-Mützen und schlabberigen Hosen herumzulaufen. Bin ich zu alt geworden? Fehlt nur noch, dass man mir über die Straße helfen will.

„Wat sachste? Deyte mich ma ab.“

„Dat ist emeysing.“

Ich verstehe nur Bahnhof.

Aus den Kopfhörern dieser verschrobenen Bälger tönt laute Musik. Ihre MP-3-Player hängen leger um ihre Hälse. Das klingt wie das Tamm-Tamm aus dem Urwald.

Wenn ich da zurück an meine Jugendzeit denke, wir haben uns eigentlich nie daneben benommen. Na ja, selten ... manchmal ... auch schon mal öfter. Aber wir hatten den Anstand, das wenigstens nicht in der Öffentlichkeit zu machen.

Und jeder zweite Satz endet mit „ey“ oder ich „hasse das“.

Null-Bock-Generation.

Wohin steuern wir da nur?

Wir haben damals wenig gehasst. Wir kannten dieses Wort gar nicht. Wenn ich zurück denke, fällt mir nur wenig ein, was wir wirklich hassten. Vielleicht nur nörgelnde Erwachsene ...

Letzte Aktualisierung: 29.06.2006 - 20.14 Uhr
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