Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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April 2006
Nur dein Bestes
von Stephanie Braun

Der dunkle Wagen fährt um die Ecke.

"Felix!"

Am liebsten möchte ich ihm nachlaufen, aber meine Beine tragen mich nicht. Es wäre auch Unsinn, wie könnte ich den Sportwagen einholen? Ihn aufhalten – unmöglich. „Felix!“, schreie ich in den Regen. Ein Tränenschleier nimmt mir die Sicht. Ich bin allein. Es ist zu spät.

Meine Knie geben nach, ich stürze, werde aufgefangen und ins Haus gebracht.

Hilda, lass mich einfach liegen. Es ist doch alles so sinnlos.

Ich wehre mich nicht, lasse mich mitziehen. Es ist vorbei.



Ich hocke vor dem Kamin. Seine Wärme erreicht mich nicht. Frierend schlinge ich eine riesige Decke um mich, versinke darin, tiefer und tiefer, bis ich nicht mehr zu sehen bin.

"Im Internat wird er es besser haben", nehme ich die Stimme meiner Mutter wahr.

Ich will nichts mehr hören, nichts sehen. Sterben – aber nicht einmal das würden sie mich lassen.

Was soll ich noch auf dieser Welt? Wer braucht mich denn?

Meine Eltern?

Bestimmt nicht.

Und Felix?

Wie kann ich für ihn da sein? Sie lassen mich ja nicht.



Der Abschied am Morgen. Lange haben Felix und ich uns umarmt. Gar nicht loslassen wollte er mich. „Ich will bei dir bleiben“, schluchzte er und ich drückte ihn fester an mich. Ich konnte ihn nicht gehen lassen. Er gehört einfach zu mir. Will das denn keiner begreifen?

Dann kam Vater und riss uns auseinander. Es war nicht das erste Mal, dass er uns trennte. In Wahrheit hat er das bereits vor sechs Jahren getan.



Mutter zerrt an der Decke. Ich habe sie zu fest um mich geschlungen.

"Reiß dich endlich zusammen. Du weißt, es geht nicht anders."
Natürlich geht es anders! Aber ihr lasst mich ja nicht!

"Wir wollen doch nur euer Bestes."



Natürlich meinen sie es nur gut, wie immer. Sie wollen das Beste für uns. Aber was ist das? Woher wissen sie das? Was wir wollen, danach fragen sie nicht. Wie wir uns fühlen bedeutet nichts.



Ihr habt mein Leben bereits vor meiner Geburt verplant. Welche Rolle spiele ich darin? Welche Felix?

Anwältin soll ich werden und später Vaters Kanzlei übernehmen.



"Du wirst dich jetzt auf die Uni konzentrieren, junge Dame. Irgendwann wirst du uns für all das dankbar sein."

"Niemals!"

Ich flüchte in mein Zimmer, meine Insel, meinen Zufluchtsort.



Weinend vergrabe ich mich in den Kissen meines Bettes. Es ist vorbei, vorbei. Ich bin allein.

Hätte ich für ihn kämpfen sollen?

Aber wie?

Hätte ich das nicht schon viel früher machen müssen?

Durfte ich die Entscheidung meiner Eltern akzeptieren?

Viele Fragen quälen mich, bereits seit sechs Jahren.

War es ein Fehler?

Aber worin lag der Fehler?

Oder war es Schicksal?

Muss ich denn nicht mein Schicksal selbst in die Hand nehmen?

Es ist zum verzweifeln.



Es klopft, aber ich reagiere nicht. Hilda, unser Hausmädchen kommt ins Zimmer.

„Magst du einen Kakao?“

Hilda ist lieb, aber meine Probleme lassen sich schon lange nicht mehr mit Schokolade lösen.

Sie stellt die Tasse auf den Nachttisch. Ich warte, dass sie wieder geht, aber sie bleibt. Steht neben meinem Bett und ... – ach keine Ahnung was sie da macht. Geh weg, will ich sie anschreien, kann es aber nicht.

„Mach dir keine Sorgen um deinen Bruder. Er wird sich bestimmt gut einleben dort. Ihr seht euch doch in den Ferien. Dein Bruder ...“

Immer wieder sagte sie es. Bruder. Felix. Bruder.

„Er ist nicht mein Bruder!“

Hilda starrt mich sprachlos an.

„Ich habe ihn geboren, vor sechs Jahren, unter großen Schmerzen. Neun Monate lang waren wir eins, dann haben sie ihn mir genommen. Nicht ich war es, der ihn als erstes im Arm hielt, sondern Mutter. Sie wartete auf dem Gang und als das Kind da war, kam sie herein und nahm es an sich.“


Hilda setzt sich zu mir, legt einen Arm um mich. Selten ist sie so ruhig. Was soll sie auch dazu sagen. Schweigen ist besser. Totgeschwiegen haben wir die Wahrheit, sechs Jahre lang. Aber ich kann nicht mehr schweigen. Ich schreie es heraus, die ganze düstere Wahrheit.

Eine Schande von der keiner wusste. Nicht einmal Felix. Er schon gar nicht. Niemals durfte er davon erfahren. Es war mein Schicksal. Aber auch seins. Obwohl er nichts ahnt, liebt er mich mehr als Mutter.

Aber liebt sie ihn wie einen Sohn?

So wie sie mich als Baby geliebt hat? Liebt sie mich jetzt noch?

Keine Ahnung, aber würden sie mir sonst helfen?

Ist das Hilfe?

Oder geht es nur um Prestige?

Ich weiß es nicht, hänge fest in einer Schleife aus Ahnungslosigkeit.



„Ach Hilda, ich war doch erst dreizehn. Ständig hörte ich „Sei fleißig, dann wird was aus dir. Sei brav, höflich, ... Tu dies und das.“ Ich konnte es nicht mehr ertragen. Ich wollte frei sein. Ich wollte mich wehren, aber wusste nicht wie. Sie meinten es gut mit mir. Es war furchtbar.

Dann lernte ich Karsten kennen.

Das Missfallen meiner Eltern ihm gegenüber tat mir richtig gut. Es war meine kleine Rebellion, mit ihm auszugehen.

Irgendwann schlief ich mit ihm. Es war schrecklich.

Das blöde Kondom war nicht dicht. Wahrscheinlich, weil er es zu lange mit sich rumgeschleppt hatte.

Er sagte bloß: „Treib ab“, dagegen habe ich mich gewehrt und mich von ihm getrennt. Er ist weggezogen und hat keine Ahnung.

Meine Eltern haben dann alles geregelt. Wie du siehst mit großem Erfolg. Nicht einmal du wusstest davon.“



Es ist so befreiend, endlich einmal zu erzählen, was geschehen ist.

Ich liege weinend in Hildas Armen.



„Was hätte ich denn tun sollen?

Es ist alles meine Schuld. Da habe ich ein einziges Mal nicht auf meine Eltern gehört und schon werde ich bestraft.“



„Felix ist keine Strafe“, sanft streichelt Hilda mir über den Rücken.

Tränen, die ich bisher verstecken musste, dürfen endlich fließen.



Niemand darf es je erfahren!

„Aber du wirst es ihm sagen müssen – irgendwann.“

Hilda hat Recht, aber ich habe Angst davor.



Felix, mein Sohn. Ich will doch auch nur dein Bestes!



Natürlich werde ich zur Uni gehen, werde tun, was sie verlangen. Wie immer. Ich habe ja keine andere Wahl.



Aber irgendwann werde ich frei sein. Frei von meinen Eltern.

Dann werde ich ein Kind bekommen, eines für mich ganz allein. Ich werde es lieben und versorgen. Keiner wird es mir wegnehmen können.
Es wird eine bessere Kindheit haben, als ich oder Felix sie je hatten.

Letzte Aktualisierung: 29.06.2006 - 20.12 Uhr
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