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April 2006
Görkem Ozlü
von Sonja B.-Hoffmann

Marc, Alex und Tommy waren Nachbarjungs und besuchten gemeinsam die 4. Klasse der Wittelsbacher Grundschule. Jeden Tag trafen sie sich mit ihren Rädern nach der Schule an der Tiefgaragenauffahrt ihrer Wohnanlage. Seit einem Monat wohnte ein Neuer in ihrem Hochhaus. Görkem Ozlü, ein großer kräftiger Junge. Er schaute ihnen eine Zeit lang zu. Eines Tages fragte er Alex, ob er bei ihnen mitspielen durfte. Alex erzählte Marc von Görkem. Marc winkte ab: „Den doch nicht.“ Dann aber kam ihm eine Idee.



„Er ist Ausländer und fett“, zerstreute Marc Alex Bedenken. Lässig lehnte er sich an die Tiefgaragenmauer. Sie warteten auf Tommy, der sich, wie immer, verspätete.

„Das heißt aber nicht, dass dein Plan klappt, Marc.“

„Dicke sind Angsthasen. Da machen Türken keine Ausnahme. Ich gehe jede Wette ein, dass das ein Knaller wird.“

„Und es ist wirklich ungefährlich?“

„Was soll schon passieren? Ich habe extra meinen Vater gefragt.“ Marc log seinem Freund direkt ins Gesicht, schließlich wollte er sich den Spaß nicht verderben lassen. „Weiß Görkem Bescheid?“

„Ja, er kommt um drei.“

„Wer kommt um drei?“ Tommy stand plötzlich hinter ihnen. Er wusste nichts von ihren Plan. Aus gutem Grund. Als braves Mamakind hätte er alles daheim erzählt und auf eine Moralpredigt hatten Marc und Alex keinen Bock.

Marc schwang sein rechtes Bein über den Fahrradsattel und rief: „Kommt, sonst ist er noch vor uns da.“

„Wo fahren wir hin?“ Tommy schüttelte seine blonden Haare mit einer Kopfbewegung aus dem Gesicht.

„Frag nicht so blöd“, antwortete Alex und setzte sich ebenfalls auf sein Rad. „Zum See natürlich!“



Die Jungen fuhren häufig zu dem kleinen künstlich angelegten See am Ortsrand. Er lag in der Nähe eines Wäldchens und sein Rundweg verführte regelrecht zu einem Wettrennen.

„Zum Spielplatz“, schrie Marc seinen Freunden zu, „ …wer als erster dort ist …“.

Die Jungen traten auf das Kommando hin in die Pedale. Sie düsten sehr nah an einem schimpfenden Rentnerpaar vorbei und weiter bis zu einem groß angelegten Freizeitgelände. Tommy und Alex gaben ihr Bestes, blieben aber einige Meter hinter Marcs neuem Jugendrad zurück.

Görkem war noch nicht da. Außer Atem prustete Tommy los: „Ich will endlich wissen, was ihr vorhabt.“

„Eine Mutprobe“, entschlüpfte es Marc. Sein Grinsen verhieß nichts Gutes.

„Eine Mutprobe?“ Tommys Augen nahmen die Größe eines Flummis an

„Sagen wir es ihm?“, fragte Alex.

„Lieber nicht, er verbockt sonst alles.“

„Ich verrate nichts!“ Tommys Unterlippe zog sich nach unten. „Ich gehöre doch zur Bande, oder?“

Marc überlegte. „Na gut. Dieser Neue bei uns, der Türkenjunge, du weißt schon, er will zu unserer Gang …“ Marc blickte zum Weg. „… und dafür muss er einen Test bestehen.“

„Aber …“

„Psst …“

Ein dunkelhaariger Junge in ihrem Alter radelte gemächlich den Kiesweg entlang. Seine geröteten Wangen verrieten die ungewohnte körperliche Anstrengung. Marcs Blick haftete auf den Oberschenkeln, die locker seinen eigenen Körperumfang ausmachten.

„Mann … krass weit“, keuchte der junge Türke.

Marc schaute kurz zu Alex, der lässig an seinem Rad lehnte.

„Bist du bereit, Görkem?“, kam Marc zur Sache.

„Was ist Prüfung?“
“Wir zeigen es dir, dort im Wald.“ Marc deutete auf das Wäldchen hinter sich. Görkem zögerte. Er schaute zu dem Dickicht und dann wieder auf die Jungs. Marc ließ ihm Zeit. In Görkems Kopf ratterte es sichtbar. Er hatte Schiss, da war sich Marc sicher.

„Ihr seid drei und ich bekomm in die Fresse, Mann“, bemerkte Görkem.

„Ach so“, sagte Marc, „Keine Sorge, wir haben nichts mit dir vor. Wir zeigen dir, was du tun sollst und dann kannst du es dir überlegen.“
Görkem nickte und Marc atmete innerlich auf.

Die vier Jungen stapften über die Wiese zu dem Waldstück. Ein kleiner Trampelpfad führte an blattlosen Sträuchern vorbei ins Innere des Wäldchens. Marc marschierte voran und blieb schließlich vor einem ballgroßen Loch stehen.

„Und?“, fragte Görkem.

„Hier…“ Marc deutete mit einem Seitenblick zu Alex auf die Öffnung. „In diesen Fuchsbau musst du mit deinem Arm so tief wie möglich hineingreifen.“

„Das alles?“ Görkem zog ungläubig seine dunklen Augenbrauen zusammen.

„Aber …!“ bibberte Tommy, „ wenn er zuschnappt?“

„Das wird er schon nicht!“ Alex bleckte seine großen Zähne.

„Wenn er Tollwut hat schon. Viele Füchse haben Tollwut. Meine Mutter …“

„Halts Maul, Tommy.“ Marc schaute zu Görkem, der nun auf das Loch starrte. „Also, was ist.“

„Tollwut, krass… In meiner Schule Lehrer gesagt, da mach man schön artig Bogen darum. Du kannst sterben, Alter.“

„Ich habe es gewusst, du traust dich nicht. Komm Alex, das war´s.“

„Ist gut.“ Görkem holte tief Luft. Auf seinem Hals zeigten sich kleine dunkelrote Flecken. Mit einem kaum merklichen Kopfnicken lenkte Marc Alex Aufmerksamkeit darauf. Lautlos formulierte er mit seinen Lippen die Worte: Supercool−, ha ha ha, der macht gleich in die Hose. Dann verschränkte er seine Arme. „Lange warte ich nicht mehr.“

Görkem näherte sich vorsichtig dem Bau.

„Du musst die Jacke ausziehen“, sagte Alex. In seinen Augen spiegelte sich die Freude auf den Anblick, der ihnen gleich geboten wurde.

Görkem kniete sich umständlich hin und walzte dabei sein Umfeld platt. Das Erdloch gähnte ihm dunkel entgegen. Es schien sehr tief zu sein. Görkem schob seine Sweatshirt-Ärmel nach hinten und fleischige Oberarme kamen zum Vorschein. Langsam tastete er sich vor.

„Mach schon“, rief Alex und griente Marc an. „Ich will hier keine Wurzeln schlagen.“

Zögerlich streckte Görkem seine Hand aus.

„Weiter!“ spornte ihn Marc an.

Tommy ignorierte scheinbar alle, stierte auf den Boden und schaufelte sich mit dem Fuß eine laubfreie Stelle. Dabei jammerte er vor sich hin: „Das ist nicht gut, das ist nicht gut.“

„Dann schau weg.“ Marc warf ihm einen strengen Blick zu. Dann beobachtete er wieder Görkems Fülle.

„Hopp!“, feuerte nun wieder Alex den türkischen Jungen an und Görkem schob seine Hand weiter nach vorne. Gleich musste es passieren.

„Krass nass hier“, sagte Görkem. „… und kalt − Autsch!“

Es war soweit. Marcs Gesicht erhellte sich augenblicklich.

„Was ist!“ Tommy schreckte hoch.

„Ast oder so was.“ Görkem blieb ruhig und Alex schaute Marc fragend an. Marc zuckte mit den Schultern.

„Weiter Mann. Du bist noch nicht mal halb drin!“ Marc verlor jetzt die Lust. Irgendwie lief es nicht nach Plan. Görkem schaute zu ihm, dann zu Alex, dann ließ er seinen Arm immer tiefer in das Loch hineinrutschen bis …

„Aahhh!“ kreischte Görkem plötzlich. „Er zugebissen.“

Endlich−, Marc und Alex grinsten sich an. Görkems Körper zuckte. Er zog an seinem Arm, aber irgendwas schien ihn festzuhalten. Schweiß stand auf seiner Stirn.

„Tu ihn raus, tu ihn raus!“ Panisch hüpfte Tommy zu ihm.

„Geht nicht!“ Er verzog schmerzvoll sein Gesicht zu einer breiten Fratze. „Helft mir!“

„Ich hab´s gesagt, ich hab´s gesagt!“ plärrte Tommy, einem Kollaps nahe.

„Mensch, zieh ihn schon raus.“ Marc blieb cool, doch Görkem schien fest zu hängen.

„Verdammt!“ Marc packte Görkem an seinen Schultern und zerrte daran. Er spürte den Widerstand.

„Ich bekomm ihn nicht los“, rief er Alex zu.

„Du hast doch gesagt, dass keiner mehr drin ist“, schrie nun Alex. Er versuchte ebenfalls Görkem zu greifen.
“Ist auch so.“ Marc verfluchte seinen Einfall.
“Und jetzt“, brüllte Alex.

„Weiß nicht!“

„Aahhh!“ Görkem schien gleich loszuheulen.

„Alex, hast du dein Handy dabei? Wir müssen Hilfe holen.“ Marc dachte an seinen Vater. Eine Tracht Prügel war ihm sicher.

„Ruf die Polizei an!“

Alex schaute ungläubig.

„Tu´s, ich bekomme ihn nicht raus, verdammt.“

„Blut!“, greinte Görkem.

Alex … die Polizei!“!

Alex nahm sein Handy. „Scheiße, scheiße, scheiße“, wiederholte er immer wieder und begann zu wählen

Plötzlich−, der Widerstand gab nach und Marc kippte mit Görkem nach hinten. Marc spürte sofort die Nässe der Blätter an seinem Hintern und Görkem … Görkem lachte, ein dickes breites Lachen. Er hielt eine Wurzel in der Hand, die er die ganze Zeit festgehalten hatte. Marc begriff.

„Du Saukerl!“, schrie er, „du hast uns die ganze Zeit verarscht.

„Wer hat wen verarscht, Mann?“, fragte Görkem. Er zeigte die Mausefalle, die er mit herausgezogen hatte.

„Hhm...“ Marc putzte notdürftig seine Hose. Scheiße gelaufen. Er blickte zu Alex und reichte dann Görkem die dreckverschmierte Hand.

“1:0 für dich, Görkem−. Du bist bei uns aufgenommen.“





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