Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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April 2006
Das gläserne Knäblein
von Sandy Green

Es war einmal in einem fernen Land, da lebte in einer kleinen Hütte ein Mann mit seiner Frau und dem kleinen Sohn. Sie waren arm und das Wenige, was der Vater als Tagelöhner verdiente, reichte gerade so aus, sich und seine Familie satt zu bekommen. Um Brennholz für den Winter kaufen zu können und hin und wieder ein paar abgetragene Kleidungsstücke zu beschaffen, arbeitete die Mutter als Näherin für die Bürger der Stadt. Da sie aber nicht besonders geschickt war, bekam sie nur die groben Jacken und Hosen, um Flicken auf die zerrissenen Stellen zu nähen und eine Menge löchriger Socken zum Stopfen. Dennoch war sie überzeugt, dass sie die beste Näherin der Stadt war und dass die Leute ihr nur deshalb diese verantwortungsvollen Arbeiten überließen. Der Knabe durfte sie nie stören bei ihrem wichtigen Tagewerk. Wenn er doch einmal beim Spiel in der Hütte lachte, jagte sie ihn nach draußen. Dabei war es ihr gleich, ob es regnete oder schneite.

„Ich sorge dafür, dass du im Winter nicht frieren musst und dass du immer anständige Kleider am Leib trägst“, rief sie dann und fügte hinzu: „Ich will keinen Laut mehr von dir hören!“

Sie schlug die Tür hinter dem Knaben zu und kehrte grummelnd zu ihrem Nähzeug zurück.

Wenn abends der Vater heimkam, war er müde und hungrig. Stumm setzte er sich an den Tisch und löffelte das Abendessen aus der Schüssel. Nach dem Essen räumte der kleine Knabe den Tisch ab, machte das Geschirr sauber und stellte alles an seinen Platz. Denn nun setzten sich die Mutter und der Vater auf das kleine Sofa, da sie müde waren und sich ausruhen wollten. Dann musste der Knabe still sein.

Hatte der Vater eine besonders mühsame Arbeit bekommen, so war er am Abend sehr schlecht gelaunt. Begegnete ihm nun sein Sohn, so herrschte er ihn an, ganz ohne Grund. Und gab der Knabe Widerrede, so holte der Vater aus und schlug ihm mit seiner großen Hand ins Gesicht, dass die Wangen des Knaben noch lange glühten.

„Du nichtsnutziger Kerl! Wegen dir muss ich die schwerste Arbeit annehmen! Als wenn unsere hungrigen Mägen nicht schon genug gewesen wären. Sicher werde ich mich bald zu Tode geschuftet haben!“

Manchmal, wenn die Mutter sich die Finger an ihren Nadeln schlimm zerstochen hatte, schimpfte sie besonders arg mit dem Knaben. Gleich, wie sehr er sich mühte, sie hatte kein gutes Wort für ihn.

„Sieh dir meine Hände an! Siehst du wie blutig und wund sie sind! Alles nur, damit wir dir ein paar neue Schuhe kaufen können.“

Das Knäblein wurde immer stiller. Es wagte kaum noch, ein Wort zu sprechen, ging auf Zehenspitzen durch die Hütte und versuchte, stets alles so zu machen, wie es seine Eltern von ihm verlangten. Dennoch trafen ihn Tag für Tag deren Vorhaltungen und Klagen.

An einem Abend, seine Mutter hatte an diesem Tag besonders heftig mit ihm gezetert und seine Wange brannte noch von der Hand des Vaters, saß der Knabe auf seinem harten Bett und weinte bittere Tränen. Plötzlich hörte er ein mächtiges Rauschen vor seinem Fenster. Das Knäblein erhob sich, um nachzuschauen. Da sah er, wie der große Apfelbaum im Garten sich hin und her wiegte. Mit lautem Getöse schüttelte der Wind die Äste und Blätter des Baumes, als wenn er ihn strafen wolle. Doch mit einem Mal flaute der Wind ab und der Apfelbaum schien sich wieder zu beruhigen. Leise flüsternd strich der Wind nun durch das Geäst, wehte durchs Fenster herein und trocknete die heißen Tränen. Da sprach der Knabe: „Ach, lieber Wind! Man sieht dich nicht und doch bist zu da. Wie schön muss das sein! Lass mich auch so werden.“

Und er wünschte sich von ganzem Herzen, unsichtbar zu sein.



Die Tage gingen ins Land und das Leben folgte den vorgegebenen Bahnen. Die Eltern merkten nicht, wie die gesunde Farbe aus dem Gesicht ihres Sohnes wich.

Eines Abends, als die Familie vor dem Kamin saß, betrachtete die Mutter eine Weile den Knaben. Dann sagte sie zum Vater: „Sieht er nicht seltsam aus?“

Der Vater warf einen kurzen Blick auf ihn. Dann wandte er sich wieder dem Werkzeug zu, das er ölte und brummte zu dem Sohne hin: „Fühlst du dich schlecht?“

Doch der Knabe schüttelte stumm den Kopf. Da zuckte die Mutter erneut mit den Schultern, lehnte sich zurück und schloss die Augen, um ein wenig zu dösen.

Von nun an kümmerte sich die Mutter nicht mehr darum, wie ihr Sohn aussah.



Mit der Zeit fiel dem Knaben auf, dass seine Mutter ihn nicht mehr allzu häufig anschrie. Auch sein Vater hatte ihm schon eine ganze Weile keine Ohrfeige mehr gegeben. Oft war es ihm, als wenn seine Eltern ihn gar nicht wahrnehmen würden, wenn er sich zu ihnen vor den Kamin setzte oder an ihnen vorüberging. Sie schauten kaum noch auf, wenn er den Raum betrat oder verließ und schon ein paar Mal war seine Mutter sehr erschrocken, als er sie angesprochen hatte.

Die seltsame Veränderung seiner Hände hatte er längst bemerkt. Nun wollte er es genau wissen. So beschloss der Knabe, zum nahe gelegenen Teich zu gehen. Die Sonne schien und am blauen Himmel zwitscherten munter die Schwälbchen. Endlich war er an dem kleinen Gewässer angelangt, das versteckt zwischen dichten Brombeerhecken lag. Am Rand des Tümpels ging er auf die Knie und schob das Gesicht langsam vor, betrachtete sein Spiegelbild. Kein Lufthauch bewegte die Wasseroberfläche, glatt lag sie da und zeigte ihm, weshalb ihn seine Eltern nicht mehr bemerkten: Sein Wunsch war in Erfüllung gegangen. Die Strahlen der Sonne konnten ganz durch ihn hindurch scheinen, so durchsichtig war er geworden. Lange sah er hinab, beobachtete den blauen Himmel, der sich durch ihn hindurch im Wasser spiegelte. Dann richtete er sich auf, zog das Leibchen hoch, um einen Blick auf seinen Bauch zu werfen. Ja, auch sein Körper war durchsichtig, gläsern.

Voller Freude sprang er auf, jubelte laut und rief: „Danke lieber Wind, dass du mich erhört hast!“

Glücklich kehrte er heim, ging in seine Kammer und zog seine Kleidung aus. Als er an sich hinab sah, konnte er die alten Holzdielen des Fußbodens durch seine Füße betrachten. Ganz erfüllt von seiner neuen Freiheit, streifte er durchs Haus, sah unbemerkt seiner Mutter beim Nähen zu und setzte sich in den Lieblingssessel seines Vaters, auf dem er nie hatte sitzen dürfen. Froh lächelte er, als er daran dachte, dass er sich nun nie mehr die Klagen und Vorwürfe der Mutter anhören, nie mehr die Schläge des Vaters erdulden musste. Während er so über sein großes Glück nachsann, schlief er in dem großen weichen Sessel ein.

Die laut polternden Schritte des Vaters weckten ihn. Erschrocken stellte er fest, dass es bereits Abend war.

„Wo ist der kleine nichtsnutzige Faulenzer?“, brüllte der Vater auch schon los. „Ich werde ihm zeigen, was es heißt, meine Befehle zu ignorieren.“

Die Mutter kam herein. „Was ist denn los?“

„Schon an der Wegabzweigung hab ich das laute Gackern unserer Hühner gehört. Weder gefüttert noch den Stall hat er sauber gemacht. Wo ist der faule Rotzbengel?“

„Ich weiß es nicht. Ich habe ihn den ganzen Tag nicht gesehen.“

Der Vater fluchte heftig. „Nur Ärger hat man mit diesem Balg!“

„Er wird doch nicht weggelaufen sein!“, rief die Mutter.

„Wäre auch nicht das Schlimmste!“

„Wir müssten ihn suchen gehn!“

„Der kommt auch von allein wieder, wenn er Hunger hat.“

„Was sollen nur die Leute sagen.“

„Auf jeden Fall hätten wir ihn endlich vom Hals!“

Als der Knabe das hörte, wurde ihm das Herz schwer und tiefe Traurigkeit erfüllte ihn. Noch während die Eltern zeterten, stand der Knabe auf und ging leise zur Tür. Dort blieb er stehen und lauschte. Draußen brauste der Wind in den Bäumen und der Knabe hörte sein Stöhnen.

„Ach lieber Wind, wie dumm ich doch war. Was nutzt es denn, unsichtbar zu sein?“

Das Tosen des Windes wurde stärker. Brausend fuhr er um die Ecken der Hütte, klapperte mit den Fensterläden und rüttelte an der Tür. Laut heulend stieß der Wind die Tür auf und warf den Knaben um. Mit einem leisen Klirren schlug er auf den Holzdielen auf und zerfiel in tausend Scherben.

Wutentbrannt stampfte der Vater herbei, drückte die Tür zu und entdeckte die Glasscherben auf dem Boden. Doch weder er noch seine Frau wussten, woher das Glas stammte. So kehrte er die Scherben zusammen und warf sie in die Abfallgrube.



Am nächsten Tag suchten sie die Umgebung ab und fragten auch im Dorf nach ihrem Sohn. Niemand hatte ihn jedoch gesehen und nirgends war eine Spur von ihm zu finden. So gaben sie die Suche bald auf und versuchten, ihn zu vergessen. Doch an all den Abenden, wenn der Wind um die Hütte wehte und durch die Blätter des Apfelbaumes strich, saßen sie mit Schrecken in den Augen in ihrer Hütte und große Furcht erfasste ihre Herzen. Denn dann war es ihnen, als hörten sie im Wind die Stimme ihres Kindes flüstern.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 14.49 Uhr
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