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April 2006
Der Rumpelflur
von Renate Ibeler

„Was ist denn mit dir los?“ Julia starrt ihre Freundin Bettina ungläubig an. Sie sitzen in einer stillen Ecke des Bistros Paris und trinken Cappuccino. Hier ist es gemütlich und sie können sich ungestört unterhalten. Die beiden Frauen sind mit 46 Jahren in der besten Phase ihres Lebens. Sie wissen jetzt, was sie wirklich wollen. Nach ihren gescheiterten Ehen haben sie es als allein erziehende Mütter nicht leicht. Es fehlt an Geld, an Anerkennung und Respekt. So ein Neuanfang ist hart und Bettina scheint sehr verzweifelt zu sein. Ihre Augen sind rot geschwollen vom vielen Weinen und Julia versucht verzweifelt, den Grund dafür herauszufinden.

„Du kannst dir diese DVD bei mir ansehen, wenn du mir nicht glaubst. Die Geschichte ist wirklich wahr“ schluchzt Bettina. „Was soll ich nur machen?“

Julia zupft verlegen an ihrer neuen Jeansjacke. Sie weiß nicht, wie sie auf Bettinas Kindheitstraum reagieren soll. Sie resümiert erstmal hilflos Bettinas Geschichte:

„Also noch mal, zum mitschreiben. Du behauptest, dass du einen Traum aus deiner Kindheit auf einer DVD eines Superstars wieder erkannt hast? Das kann doch nur ein Zufall sein. Es gibt viele Eisentreppen und angestrahlte Bilder. Schwarzhaarige Männer mit schönen braunen Augen gibt es in der Tat auch sehr häufig. Das hast du dir sicher nur eingebildet. Ich denke, du suchst nach deiner gescheiterten Ehe immer noch nach Entschuldigungen.“

Julia ahnt, dass sie mit ihren Vorhaltungen keine Antwort für ihre Freundin hat. Die Geschichte von Bettina ist ihr zu unheimlich, als dass sie sie ernst nehmen könnte.

Bettina holt tief Luft. Ihr ist sehr wohl klar, dass ihr niemand glauben kann. Aber sie hat dieses gefühlte Wissen, Inspirationen durch Träume und Wahrnehmungen. Sie muss es einfach jemandem sagen, egal, was dabei rauskommt.

„Warum sollte ich Dir Lügen erzählen? Diese Kindheitsträume sind in meiner Familie doch bekannt. Für mich war und ist dieser geträumte Ort absolute Wirklichkeit. Ich war schließlich ein Kind und aus unserer Stadt noch nie raus gekommen. Mein Vater erzählte oft, dass er mit mir häufig in den Räumen der Gaswerke war, weil ich einen besonders schlimmen Keuchhusten hatte. Vor 40 Jahren kannte man keine guten Medikamente. Das Gas in geringer Konzentration beruhigte und schaffte Erleichterung beim Atmen. Für mich musste das der besagte Ort sein. Erst sehr viel später erfuhr ich dann, dass er es doch nicht war. Das hat mich ganz schön geschockt und machte mich ratlos. Ich konnte meinen geträumten Ort genau beschreiben, alles. Den Laden mit der Glocke, das alte Kopfsteinpflaster, die Tür, die zu dem Rumpelflur führte und dann diese große Eisentreppe mit dem hell angestrahlten Bild ganz links. Einiges habe ich vergessen, aber das mit dem Rumpelflur nie. Ich habe ihn immer gesucht. Wie gesagt, irgendwann akzeptierte ich von meinen Eltern, dass mein Traumort nicht der der Stadtwerke gewesen sein konnte. Das machte mich sehr unsicher, denn irgendwas passte hier nicht zusammen. Wie in einem Puzzle. Als ich die DVD sah, bin ich wirklich vom Stuhl gefallen. Da zeigte die Kamera genau diesen Flur von oben! Plötzlich erinnerte ich mich. Das war kein normaler Flur. Da standen Schränke und Requisiten. Es war ein Gang. Der Gang zu dieser hohen Eisentreppe. Als ich das sah, schlug mein Herz wie wild. Das war er. Zu tausend Prozent. Ich bin da schon gewesen. Wirklich!“

Julia verdreht die Augen. „Ich weiß nicht“, antwortet sie. „Was soll das denn bedeuten? Das ist doch mehr als merkwürdig. Das ist ein Zufall, weiter nichts“.

Bettina seufzt: „Nein, nein. Kein Zufall. Es gibt keine Zufälle. Jedenfalls glaube ich nicht daran. Wir sind alle in unserer Zeit Teil einer Geschichte, eines Drehbuches, erinnerst du dich?“

„Na ja, keine Ahnung“, sagt Julia etwas genervt. Themen über den Sinn des Lebens liegen ihr nicht besonders. Sie will ihr Leben einfach nur genießen.

“Sollen wir nicht das Thema wechseln?“, fragt Bettina unsicher. „Hat ja keinen Sinn, mit dir darüber zu reden. Du würgst mich ja immer ab“. Julias Gesichtsausdruck wird ernst.

Sie antwortet: „Das kommt gar nicht in Frage, meine Liebe. Du bist zwar komplett verrückt, aber auch meine beste Freundin. Ich verstehe einfach nicht, warum du dich nicht damit abfinden kannst, dass deine Heile-Welt-Familie nur eine Illusion von dir war? Sei doch froh, dass dieser Blödmann endlich weg ist. Jetzt fängt ein neuer Lebensabschnitt an. Du hast die freie Auswahl. Mensch, wenn ich an deiner Stelle wäre….

Bettina fasst entrüstet an Julias Arm. „Ich will keine Auswahl haben, hörst du? Ich will eine Antwort. Ist das denn zuviel verlangt?“

Julia stöhnt auf. „Was willst du denn jetzt machen? Vergiss die ganze Sache und konzentriere dich auf die wichtigen Dinge des Lebens. Wir haben doch genug Probleme. Na ja, wir könnten sicherheitshalber einen Fanbrief schreiben, nicht dass du noch dein Schicksal verpasst.“

Julia lächelt ironisch und Bettina wird ärgerlich. „Du hast gut Reden“, faucht sie. „Von Gefühlen hast du ja keine Ahnung. Außerdem habe ich dir meine Visionen noch gar nicht erzählt.“

Julia steht auf. „Komm, wir gehen ein Stück spazieren. Du hast mich total durcheinander gebracht. Gleich erzählst du mir noch, dass du von einem anderen Planeten kommst und von Aliens gesteuert wirst?“

Bettina zieht ihren Mantel an und verlässt mit Julia das Bistro. Sie gehen runter zum Fluss und setzen sich auf eine Parkbank. Ruhig ist es hier. Keine Autos, keine Menschen und das Wasser plätschert angenehm vor sich hin.

„Was ist das mit deiner Vision?“ beginnt Julia schließlich zu fragen. „Deine Kindheit ist vorbei, du bist jetzt 46 Jahre alt. Überleg doch mal.“ „Ja, du hast recht“ antwortet Bettina. „In meiner Kindheit, als ich diesen speziellen Traum von dem Rumpelflur hatte, da waren noch andere Dinge, die in mir drin waren. Da waren Farben, die mir Angst machten und von denen ich jede Nacht träumte und jedes Mal schreiend aufwachte. Meine Eltern brachten mich schließlich zum Arzt und der konnte nur starke Medikamente verabreichen. Eine Antwort hatte der aber auch nicht. Na ja. Das ist eine andere Geschichte. Ich kann mich noch genau an diese ständigen Worte von mir erinnern. Das war auch jede Nacht. Es war ein Gespräch zwischen mir und einem sehr vertrauten Menschen. Ein Bild habe ich davon nicht, nur die Stimmen. Pass jetzt auf. Es hieß: Ich versuche das jetzt noch mal. Ich werde das schaffen. Die andere Stimme sagte: Lass es lieber sein. Es ist anstrengend und gefährlich. Außerdem dauert es 42 Jahre. Viel zu lange. Das kannst du nicht schaffen. Ich sagte dann entrüstet: Was denn? 42 Jahre? Na und? Das ist mir egal. Ich werde ihn finden. Er hat schwarze Haare und wunderschöne braune Augen. Er ist mein Mann. Das merke ich mir und dann klappt das. Versprochen. Dann hörte ich ein Seufzen. Du kennst mich doch. Es war so ein typisches Seufzen. Ich wollte das und keiner konnte mich davon abhalten. Keiner. So wie in meinem jetzigen Leben. Das war ich, ganz eindeutig. Dann ging ich auf eine Reise und dieser Mist mit den Farben begann. Was sagst du jetzt?“

Julia starrt Bettina an. „Das sind ja irre Geschichten. Du bist wirklich von einem anderen Planeten. Darauf bekommst du nie Antworten. Es gibt eben Dinge, die wir nicht wissen und du hast ein paar Brocken behalten. Wer weiß schon, was nach dem Tod kommt. Es gibt Leute, die mit Engeln sprechen können oder Stimmen aus dem Jenseits hören. Das sind doch alles Vermutungen. Wir haben hier alle eine Aufgabe oder Arbeit zu erfüllen und was dann kommt, das ist wissenschaftlich nicht bewiesen.“

Bettina springt auf. „Muss man alles wissenschaftlich beweisen? Ich will nichts beweisen, ich will nur meine wahre Liebe. Warum habe ich bloß keine Erinnerung daran. Bitte, Julia. Was bedeutet denn „gefährlich“? Das habe ich nie verstanden.“

Julia kramt in ihrer Handtasche. „Hier“, sagt sie und gibt Bettina ein Sahnebonbon. „Versuche, das alles als normal anzusehen. Wenn es deinen Prinzen wirklich gibt, dann wird er auch kommen. Daran musst du glauben. Kommt er nicht, dann hast du dich eben geirrt. Dann hast du umsonst gewartet und der Bus ist weggefahren. Das ist sehr gefährlich. Vielleicht muss er aber zuerst noch den bösen Drachen besiegen. Ganz einfach. Na? Es gibt für alles eine Erklärung. Komm meine Liebe, du hast doch mich. Männer sind sowieso überflüssig.“

Bettina lacht. „Nein, ich mag sie sehr. Was soll ich nur tun? Am liebsten würde ich meine Koffer packen und auswandern.“

Julia nimmt Bettina in den Arm. „Es wird sich sicher alles aufklären. Du machst dir immer viel zu viele Gedanken über alles. Bleib gelassen. Guck mal, der Himmel ist blau, weil die Wiese grün ist. So einfach ist das“

Bettina lächelt. „Danke, dass du mir zugehört hast Julia. Du hast ja so recht. Für viele Sachen braucht man gar keine Erklärungen. Die sind einfach so. Schön ist das. Die Liebe kann man auch nicht erklären, die ist auf einmal da und dann weiß man das.“

Bettina starrt vor sich hin.

„Komm, wir gehen wieder ins Bistro. Es wird kalt“, sagt Julia. „Und dann erzählst du mir das mit der Liebe. Du verheimlichst mir doch nicht deinen neuen Freund, oder? Bettina!! Ich habe es gemerkt. Du wirst ja ganz rot. Wer ist es? Sag schon.“

Bettina holt tief Luft. „Komm lass uns reingehen du Quälgeist. Dann werde ich dir erzählen, was man nicht erklären kann.“

Die Frauen stehen an der Straße, als eine dunkle Limousine plötzlich bei ihnen anhält. Ein Fenster fährt langsam herunter und ein Mann mit dunklen Augen und schwarzem Haar fragt: „Do you come with me?“

Bettinas Augen fangen an zu leuchten. „Das ist er“, flüstert sie und steigt in den Wagen.

Julia kann es nicht glauben. Sie steht da und winkt zum Abschied. „Nichts ist unmöglich“, denkt sie und freut sich über das Traumschicksal ihrer Freundin.



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