Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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April 2006
Christine Hettich
von Christine Hettich

Uschi und ich, wir hätten die beste Frauenfreundschaft die man sich vorstellen kann, wären da nicht ihre esoterischen Ansichten. Trotzdem freue ich mich auf unseren wöchentlichen Kaffeeklatsch. Als gesellig kann man mich nicht gerade bezeichnen, Menschen sind mir weitgehend suspekt. Sie ist die Einzige, die mein Vertrauen gewinnen konnte. Immer wieder holt sie mich aus meiner selbst gewählten Einsamkeit heraus.

„Endlich bist du da, ich habe eine Überraschung“, verkündet sie unvermittelt als sie mir ihre Wohnungstür öffnet.

„Du hast nicht zufällig vor, mich wieder zu einem Vortrag über das Liebesleben der Zimmerpflanzen zu schleppen?“

„Wieso, fandest du ihn nicht gut?“

In ihren warmen, braunen Augen erkenne ich so viel Enttäuschung, dass mir mein zynischer Ton leid tut.

„Komm, lass dich umarmen, du verrücktes Huhn. Sag schon, was ist es?“

Strahlend hält sie mir zwei Karten entgegen. Ich wusste es, eine Vorlesung.

„Die verschiedenen Seelenarten?“ Mensch Uschi, müssen wir uns das wirklich antun?“

Wir mussten.



Wenigstens waren die Sitze bequem. Der Saal füllte sich rasch. Das Geraune verstummte als Rasputins Reinkarnation sich hinter das Rednerpult stellte. Asketische Gestalt, langer, weißer Bart, stahlblauer Blick. „Meine Damen und Herren, ich möchte Sie recht herzlich...bla, bla, bla.“

Die Stimme des Gurus klang monoton. Mein Tag war anstrengend gewesen, die Luft fühlte sich drückend warm an. Seelenverwandte! Bevor ich eindöste, prägte sich dieses Wort in meinen Geist ein.



Die Zeit in der ich mich wieder fand, war eigentlich aus meinem Gedächtnis gelöscht. So dachte ich jedenfalls. Ich sah mich als kleines Mädchen, fünf-sechsjährig vielleicht.

„Ouh, la menteuse, elle est amoureuse“, die Worte meines Stiefbruders François dröhnen in meinen Ohren. Er sang diesen dummen Reim um mich zu necken.

„Sei ruhig“, fauchte ich ihn an. „Manni und ich, wir sind nicht verliebt.“

„Manni“, ich weiß nicht einmal seinen richtigen Namen. Er hatte etwas Italienisches, schöne, dunkelbraune Augen, schwarzes, lockiges Haar. Wahrscheinlich hieß er Manuel, oder er hatte seinen Spitznamen abbekommen, weil er auffallend klein für sein Alter war. „Kleiner Mann“, auf Elsässisch, das könnte passen.

Keine Verliebtheit, nein, es war mehr als das: Wir waren Seelenpartner, von Anfang an eng vertraut. Er war mein Gegenstück, es bedurfte keiner Worte zwischen uns, wir wussten was der Andere dachte, lange bevor er es aussprach.



In dieser Zeit gab es zweierlei Arten von Kindern. Die „normalen“, die zu ihren Eltern gehörten und die des Staates, „les enfants de la préfecture“: Pflegekinder, wie Manni und ich. Eine zusätzliche Einnahmequelle für damalige Hausfrauen. Der Staat war großzügig, in jeder Hinsicht. „Les enfants de la préfecture„, geht vor, hieß es zum Beispiel bei schulischen Veranstaltungen. Immer erste Reihe, kostenlos versteht sich.

Das rief Neid hervor, wo es nichts zu beneiden gab.

„Die Almosenempfänger erhalten die besten Plätze.“ Wie oft mussten wir uns das von unseren Mitschülern anhören.

Manni und ich lebten aber in unserer eigenen Welt.

„Hier“, sagte er nach einer Sylvesternacht, „die habe ich alle für dich gesammelt.“

Er öffnete seine Hand und offenbarte mir einen wahren Schatz: Er war früh aufgestanden um sämtliche Kracher aufzulesen die nicht explodiert waren. Bei den Meisten war ein Teil der Lunte verbrannt, aber man konnte sie noch gebrauchen.

„Super, danke, wir lassen sie sofort knallen.“

Manni hasste Krach und hatte Angst vor Feuer. Er war stets der Vernünftigere von uns beiden gewesen. Es muss ihn viel Überwindung gekostet haben. Ich brauchte damals schon das Extreme, Gefährliche, das wusste er. Mit einem Auge verfolgte ich bereits das Treiben meiner zwei älteren Stiefbrüder. Wenn sie zum Beispiel aus dem Fenster ihres Zimmer aus beträchtlicher Höhe auf das schmale Vordach sprangen, oder die Eisenbahnschienen überquerten, lange nachdem die Schranke sich geschlossen hatte.

Manni lenkte mich bewusst davon ab.

„Komm, wir machen eine Reise“, meinte er dann. Seine Phantasie übertraf sogar die meinige und das sollte was heißen!

„Gehen wir ans Ende der Welt“, forderte ich. Er brachte uns hin, wir reisten an Orte wo alle Menschen gleich sind, glücklich und frei. Nein, es war keine Liebe, dieses Wort wäre zu schwach. Wir Beide waren Teil eines Ganzen, brauchten unsere gegenseitige Nähe um komplett zu sein.

„Du, später heiraten wir“, diese Worte kamen mir ganz selbstverständlich über die Lippen.

„Ja, ist doch klar.“

Wie hätte es anders kommen können? Wir waren eine Einheit.



Es kam anders.

Kinder wurden damals nicht so ernst genommen, die des Staates schon gar nicht.

Mannis leibliche Mutter holte ihn manchmal ab, an den Wochenenden oder in den Ferien. Nichts Besonderes. Ich dachte mir nichts dabei als er weg war. Zuerst. Doch mit der Zeit wuchs meine Unruhe.

„Wann kommt Manni zurück?“ Meine Stiefmutter zuckte mit den Achseln.

„Bald, geh spielen, du siehst doch, ich bin beschäftigt.“

„Aber, was, wenn er für immer gegangen ist?“ insistierte ich.

Sie seufzte und rollte die Augen, sichtlich genervt. Ohne mich weiter zu beachten legte sie ihren Groschenroman beiseite und holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank.

So setzte ich mich wieder auf den Gehweg vor Mannis Haus. Ständig lief eines seiner zahlreichen „Geschwister“ an mir vorbei. Längst hatte ich sie alle über den Verbleib meines Freundes befragt.

„Keine Ahnung“, erwiderten sie jedes Mal.

Ich wartete. Wochenlang. Immer weiter glitt ich in eine schmerzhafte Welt trübseliger Gedanken hinein. Ich sah Manni im Traum, seine schönen Augen waren tief umschattet, in seinem Blick konnte man etwas Tragisches erkennen: Hoffnungslosigkeit. Sein neues Zimmer erschien mir. Es war dermaßen von Traurigkeit erfüllt, dass es mich schauderte.

Als ich am nächsten Tag meinen gewohnten Platz auf dem Gehweg einnahm, setzte sich Jeannette, die älteste seiner Stiefschwestern zu mir.

Sie schaute mich mitleidig an.

„Er wohnt jetzt in Marseille“, sagte sie nur.

„Aber, er kommt doch wieder, oder?“ schluchzte ich.

„Nein.“

Ich hatte das Gefühl, in endlose Abgründe zu rutschen. Mein Ich war von nun an zerstückelt.

„Warum hat er sich nicht von mir verabschiedet?“

„Er wusste nicht, dass er für immer gehen sollte. Meine Eltern wollten unschöne Abschiedsszenen vermeiden. Sie ließen ihn glauben, dass er abends zurückkehren würde.“

Jeannette bekam den elementaren Ausbruch meiner Wut zu spüren. Wie eine Furie ging ich auf sie los, trat und kratzte sie. Mein Gesicht war tränenüberströmt als ich schrie:

„Du blöde Kuh, wieso sagst du mir das erst jetzt?“

„Hey, bist du verrückt geworden, ich wusste es nicht, wir wurden alle belogen.“

Dann scheuerte sie mir Eine, bevor sie hinzufügte:

„Ich erfuhr es erst gestern, als wir ein neues Pflegekind bekommen haben. Und jetzt geh endlich nach Hause. Bist ja gestört. Alle seid ihr total gestört!“

Als ich davonlief, rief sie mir noch nach:

„Ihr könnt froh sein, dass man euch überhaupt aufnimmt. Eure Mütter sind Huren.“



Dass wir uns für immer verloren hatten, konnte ich nicht akzeptieren. So habe ich meinen Seelenpartner weiter leben lassen, in meiner eigenen, geheimen Welt. Die Fiktion wurde meine Wirklichkeit. Auf diesem Weg konnte die intime Vertrautheit unserer Seelen erhalten bleiben. Es kann recht vernünftig sein, sich einer Illusion hinzugeben, es hilft beim Überleben.

Manni blieb aber stets das liebevolle, unschuldige Kind. Ich hingegen, entwickelte mich im Lauf der Jahre zu einer arroganten, blasierten Kuh. Irgendwann hätte er das erkannt.

Manni, wie sehr wärst du darüber erschrocken? Das durfte nicht sein. Deshalb musste ich dich umbringen. Verzeih mir!

Es geschah zu Beginn meiner Pubertät. Du hast es geahnt. Irgendwie bist du mir sogar entgegengekommen. Unser Lethe-Trank*, der uns stets Kummer und Sorgen vergessen ließ, schmeckte bitter an diesem Tag. Viel mehr als sonst, hast du davon getrunken. Ein letztes Mal schautest du mich an mit unendlich erweiterten Pupillen. Dann verlorst du das Bewusstsein und ich drückte deinen Hals zu. Du hast nicht gelitten, bist einfach eingeschlafen.



Seither gibt es in meiner Welt ein Grab. Niemand außer mir hat Zugang dorthin. Es wird stets geschmückt. Mit weißen Lilien, meine Lieblingsblumen.

Später, als ich längst erwachsen und alkoholsüchtig war, habe ich meinem Freund eine Widmung in den Marmor gemeißelt:

J´ai tant rêvé de toi, tant marché, parlé, couché avec ton fantôme qu´il ne me reste plus qu´à être fantôme parmi les fantômes.

(Ich habe so sehr von dir geträumt, bin so oft mit deinem Geist gelaufen, habe so oft mit ihm geredet, geschlafen, dass ich nur noch ein Geist inmitten von Geistern sein kann. R. Desnos.)



„Mensch, wach endlich auf, das ist ja peinlich.“

Uschi! Die Einzige die es versteht, dass ich mich nur als gelegentlichen Gast in der realen Welt bewege. Die perfekte Freundin. Wäre da nicht ihre esoterische Macke!




* Als Lethe-Trank wurde im antiken Griechenland eine Drogenmischung mit Alraunwurzeln bezeichnet. Der Namen findet seinen Ursprung in der Mythologie. Der Lethe, auch Fluss des Vergessens genannt, ist einer der fünf Unterweltflüsse. Die Verstorbenen mussten daraus trinken, um die Erinnerung an das frühere Leben zu verlieren.



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