Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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April 2006
Das Kucckucksei
von Luzia Fischer

Johanna kniete in der katholischen Dorfkirche und übte sich in Demut. Die Hände zum Gebet gefaltet versuchte sie zumindest einmal an etwas Frommes zu denken, ohne dabei über einen ihrer dummen Einfälle zu stolpern.

Das abgewetzte Holzbrett des Schemels drückte schmerzhaft auf ihre Kniescheiben und erinnerte sie augenblicklich an die schlimme Strafe, die ihr vor Tagen auferlegt worden war. Wie konnte sie sich auch dermaßen dumm verhalten und die kleinen Biester einfach vor der Schule verkaufen? Für eine Mark das Stück.

Johanna schluckte schwer. Ihre Knie spürten jetzt noch die spitzen Scheite, auf denen sie ausharren und dazu laut um ihr Seelenheil beten musste. Holzscheitelknien wurde landläufig zu der Züchtigung gesagt.

Abnehmer für die winzigen Viecher gab es viele, weil jeder Schüler mit Untermietern auf dem Kopf ganze zwei Wochen schulfrei bekam. Der Andi hingegen, der ihr Lieferant gewesen war und mit ihr in die vierte Klasse ging, kam ungeschoren davon.

Keine Strafe, keine Schelte, nichts dergleichen! Verkauft hatte er die Läuse zwar nicht, aber die Hälfte einkassiert, weil sie ja von seinem Kopf stammten. Zornig drückte sie die Handflächen noch fester aneinander und versuchte nicht mehr an diese Ungerechtigkeit zu denken.



Sie bekreuzigte sich hastig und stand erleichtert auf. Endlich kam der Pfarrer feierlich mit seinen Ministranten, in Begleitung schwerer Orgelmusik, aus der Sakristei und die versammelte Gemeinde durfte sich erheben. Einer der Ministranten war ihr jüngerer Bruder, der schlechteste Ministrant aller Zeiten. Allein beim Zuschauen wurde Johanna unruhig, sosehr zappelte er da vorne am Altar herum. Es war ansteckend und schon zuckte ihre Schulter. Sie drehte den Hals hin und her und kratzte sich erst am Arm und dann am Ohr.

Zwei Bänke hinter ihr saß Johannas Mutter. Ihr tadelndes Geräusper verhieß nichts Gutes. Am liebsten wollte sie sich umsehen, um sich zu vergewissern, ob ihre Mutter auch wirklich ein solch strenges Gesicht zog, wie Johanna es sich gerade vorstellte. Aber wer sich in der Kirche umschaute, bekam Warzen an den Händen. Schnell untersuchte sie ihre schmalen Hände und konnte glücklicherweise nichts entdecken.

Wieder ein Räuspern von hinten und diesmal mit einem eindeutigen scharfen Unterton.

Angestrengt versuchte sie ein andächtiges Gesicht zu machen. Dabei schweiften ihre Gedanken ständig ab. Sie war schlecht, weil sie es nicht schaffte fünf Minuten lang an Gott zu denken. Dabei sollte sie doch Buße tun und zutiefst ihre Sünden bereuen. Johanna seufzte, überschlug die Ereignisse der letzten Woche und zählte in Gedanken ihre Schandtaten auf. Am Dienstag hatte sie ihren kleinen Bruder belogen und ihm glaubhaft erzählt, dass der Gemüsehändler im Dorf getrocknete Algen ankaufen würde, für die Sommergäste aus der Stadt.

Den ganzen Nachmittag brachte er damit zu, die schleimige grüne Pampe aus dem Karpfenteich zu fischen, um sie dann über den Jägerzaun zum Trocknen aufzuhängen. Die diebische Schadenfreude, als sie ihm dabei zusah, wie er sich abplagte und abmühte, war auch jetzt noch nicht ganz verklungen. Johanna grinste von einem Ohr zum anderen und konnte gerade noch rechtzeitig ein Kichern unterdrücken. Ihr Pferdeschwanz hüpfte dabei frech hin und her, was ein weiteres aufgebrachtes Räuspern von hinten nach sich zog. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich wieder. Plötzlich fühlte sie eine Art Klumpen in ihrer Brust, steinhart und schwer. Wie konnte sie auch die Hausaufgaben ihrer Schwester klauen. Einfach so, nur damit sie Ärger in der Schule bekam. Nein, darauf war sie nicht stolz, ganz und gar nicht. Ihre ältere Schwester saß neben ihr, war ganz still und artig. Warum konnte sie nicht so sein wie sie? Einmal fragte sie ihre Mutter ganz ernsthaft, ob sie nicht vielleicht bei der Geburt vertauscht worden war? Darauf brach ihre Mutter in schallendes Gelächter aus und meinte nur: „Du wurdest zu Hause geboren. Eine Verwechslung ist völlig ausgeschlossen.“

Johanna hegte dennoch ihre Zweifel. Sie war ganz anders als der Rest der Familie. Die Arbeit auf dem Hof fand sie mühsam und schwer. Wann immer es ihr möglich war, stahl sie sich davon, um verrückte Ideen auszuhecken. Am liebsten ritt sie mit ihrem Pony durch den Wald, der zum einsam gelegenen Gehöft ihrer Eltern gehörte.

Der Pfarrer setzte zur Predigt an, seine Stimme wurde immer lauter und eindringlicher, als er die ewige Verdammnis bildhaft schilderte. Ihr wurde jetzt abwechselnd heiß und kalt. Die ewige Verdammnis, ja die war ihr sicher, wenn sie nicht endlich Besserung gelobte.

Prompt musste sie an den letzten Sonntag denken, als sie ihre hochnäsigen Cousinen in ihren makellos weißen Rüschenkleidchen und Lackschühchen über die sumpfigen Wiesen geführt hatte.

Sie ritt auf ihrem Pony voran, in Latzhosen und Gummistiefeln, während die Cousinen in ein paar Meter Abstand neugierig und ungeduldig hinter ihr herliefen. Johanna ließ sie über morastige Gräben springen, kreischend durch ein mit Brennnesseln übersätes Feld waten, nur um ihnen mitten im Wald das letzte Einhorn zu zeigen.

Innerhalb einer Stunde hatte sie es geschafft, die Goldmariechen in zerzauste, schmutzige und obendrein noch heulende Pechmariechen zu verwandeln. Die Begeisterung der Onkel und Tanten, als sie ihre sonst doch so wohlerzogenen und blitzsauberen Töchter erblickten, kannte keine Grenzen.

Was war eigentlich mit den Tagen dazwischen? Mittwoch und Donnerstag? Nein, darüber konnte der liebe Gott durchaus hinwegblinzeln. An den Tagen hatte sie ihr neues Mikroskop ausprobiert und Kaulquappen seziert, weil sie wissen wollte, ob diese auch einen Blindarm besaßen. Johanna verpasste ihnen natürlich erst eine Narkose mit reinem Alkohol und nach dem Experiment wurden sie sogar feierlich bestattet. Welche Kaulquappe bekam schon jemals zuvor ein christliches Begräbnis? Der Montag zählte nicht, weil sie krank war und im Bett bleiben musste. Ein unerträglich langweiliger Tag.

Der Freitag verlief ebenfalls recht harmlos. Sie bekam von der strengen Lehrerin eine Kopfnuss, worauf sie mit einem deutlich hörbaren „Herein!“ antwortete. Das Ergebnis waren zwei Seiten Strafarbeit, mit dem Wortlaut: „Ich darf nicht „Herein!“ sagen, wenn mir die Frau Lehrerin eine Kopfnuss gibt.“

Die Predigt war endlich vorbei. Johannas kleiner Bruder hielt startbereit den Klöppel in der Hand, um damit den Gong anzuschlagen. Bisher hatte er es kein einziges Mal geschafft, ihn im richtigen Moment zu treffen.

Alle Anwesenden warteten gespannt auf das, was jetzt folgen würde. Johannas Mundwinkel bogen sich unwillkürlich nach oben. Ihr Bruder zielte, holte aus und verpasste dem metallenen Klangkorpus einen solch gewaltigen Hammerschlag, dass es nur so durch das alte Kirchengemäuer schepperte. Trotz aller Mühe den Lachreiz zu unterdrücken, prustete sie los, aber das war nichts im Vergleich zu dem lauten Gelächter hinter ihr.

Johannas Kopf machte sich selbständig, fuhr herum und ihre Augen erblickten ungläubig das lachende Gesicht ihrer Mutter. Diese mühte sich zwar redlich ab schnell ein strenges Gesicht zu ziehen, was ihr aber keineswegs gelang.

Johanna kam ins Grübeln. Sie sollte hier völlig still sitzen, aber ihre Mutter lachte lauthals mitten in der heiligen Messe.

Wieder fing sie an ihre Hände hin und herzudrehen. Keine einzige Warze.

Das kurze Räuspern hinter ihrem Rücken verfehlte diesmal seine Wirkung. Wenn sie genau darüber nachdachte, verlief der gestrige Tag auch recht gut. Dass ihre Schwester in einem Baum hängen geblieben war und dort eine ganze Weile hilflos herumzappelte, dafür konnte sie nichts. Sie hatte ihre Schwester zwar dazu ermuntert hinauf zu klettern. Aber schließlich war sie zwei Jahre älter und hätte es besser wissen müssen.

Alles in allem war sie die Hälfte der Woche anständig und brav gewesen. Kein schlechter Schnitt, wie sie fand.

Die milde Frühlingssonne fiel schräg durch das bunte Glas des Mosaikfensters und hüllte sie in ein engelsgleiches Licht. Johanna blinzelte. Sollte das ein Zeichen sein? Wie bei der Bernadette in Lourdes?

Sie faltete die Hände, drückte die Handflächen fest aneinander und betete: „Lieber Gott, ich bin zwar nicht schlecht, aber heilig werden will ich auch nicht.“



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