Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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April 2006
Neun Leben
von Claudia Göpel

Träge liege ich auf dem flachen Dach und genieße die letzten Sonnenstrahlen. Das Spielen im Garten hat mich angestrengt. Meine Begleiterin ist ebenso erschöpft. Sie streicht mit der Zunge ihre kupfernen Streifen glatt, bevor sie sich umfallen lässt, um alle Viere von sich zu strecken. Mein Fell ist seidig weiß. Ich habe bernsteinfarbene Katzenaugen und einen widerspenstigen schwarzen Puschel auf der Stirn, an dem die Menschen gern herum zupfen. Mein Name ist Puccini.

Vorigen Sommer, ungefähr zur gleichen Zeit, habe ich das erste von meinen neun Leben verbraucht.



Damals lag ich hinter einem Strohhaufen im letzten Winkel der Scheune. Goldenes Licht fiel durch die Ritzen der Dachbalken. Zum ersten Mal nahm ich meine Umgebung richtig wahr und staunte. Was ich bisher nur gespürt hatte, konnte ich nun sehen. Meine Geschwister schmiegten sich aneinander, fiepten hungrig und drehten sich suchend im Kreis. Sie hatten die Augen noch nicht geöffnet wie ich, ihre Köpfchen zitterten unbeholfen. Ich stupste meinen gestreiften Bruder neben mir in die Seite und schob mich an ihm vorbei in die Mitte der Nestkuhle. Mit meinen Brüdern und Schwestern um mich herum war es warm und behaglich. Unsere Mutter ließ heute lange auf sich warten. Mittlerweile hatte auch ich großen Hunger und rief klagend.

Plötzlich hörte ich ein unbekanntes Geräusch. Es knarrte, als etwas Großes schnaufend zu uns auf den Heuboden kletterte. Schritte raschelten durch das Stroh, kamen immer näher. Der Ballen, hinter dem wir lagen, bewegte sich, dann griff eine riesige nackte Pfote in unser Versteck und packte meinen Bruder. Ich drückte mich ganz fest auf den Boden. Eins nach dem anderen wurde von der Pranke, die schmutzigfremd roch, nach draußen gezogen. Suchend tastete sie herum, bis sie auch mich zu fassen bekam und zu meinen Geschwistern in eine raue Stoffhöhle steckte. Hier war es dunkel und muffig. Klebrige Krümel rieben in meinem Fell. Der Sack setzte sich schwankend in Bewegung, wir verloren den Halt unter unseren Beinchen. Wieder vernahm ich das Knarren von Holz. Dünne Lichtstreifen piekten durch den löchrigen Stoff, die Luft schmeckte anders als sonst. Schritte knirschten. Schließlich wurden wir unsanft abgesetzt, stießen aneinander und fiepten laut vor Schmerz. Es roch nach Katzendurchfall, nur schlimmer, und nach altem Heu.

Über uns erschien eine Öffnung. Groß, hell und ohne Dach breitete sich die Welt aus.

Die dreckige Pfote griff nach meinem Bruder.

Er schrie, dann hörte ich einen dumpfen Knall und sein Schrei wurde mitten im Ton abgeschnitten. Ich zitterte am ganzen Leib, kroch dem Licht entgegen. Das Monster lief herum, blieb stehen, bückte sich. Aber ich hatte es geschafft und krabbelte in die hinterste Ecke eines Bretterverschlags. Es stank fürchterlich. Durch einen Spalt sah ich schmutzverkrustete Stiefel und den zappelnden Sack, der immer kleiner wurde. Über mir scharrte es. Ich hörte Tiere an Holz schaben und klirrendes Kratzen. Spinnweben verklebten mein Gesicht. Ich duckte mich ganz tief in einen umgestülpten Blumentopf, schloss die Augen und atmete kaum. Den dumpfen Aufprall hörte ich noch fünf Mal.



„Mama, Mama“, rief Annabell. Sie rannte auf ihren kurzen Beinen so schnell sie konnte zu ihrer Mutter. Karin trocknete sich die Hände an der Schürze ab und breitete die Arme aus, um ihre Tochter aufzufangen. Annabell stürzte an ihre Brust, schluchzte und jappte nach Atem. Die Mutter strich über die zerzausten blonden Locken, wiegte das Mädchen hin und her.

„Was ist denn, mein Schatz, was ist passiert?“ Ratlos wischte Karin über das tränenverschmierte Gesicht des Kindes.

Abgehackt kam es aus dem kleinen Mund: „Er. Hat. Sie. Tot. Gemacht…“

„Wer?“

„Onkel Jürgen. Er hat die kleinen Katzen totgemacht.“

Wieder schüttelte es den zarten Körper.

„Er ist so böse. Warum hat er das getan?“

Karin hielt ihre Tochter ganz fest. Sie wusste keine Antwort. Konnte ihr Bruder nicht besser aufpassen! Sie waren erst vor wenigen Wochen zu ihm aufs Land gezogen. Die Eltern waren beide nicht mehr am Leben. Jürgen versuchte seitdem allein, den Hof zu erhalten. Es gab eine Menge zu tun, sie half gern. In der dörflichen Idylle wollte Karin die Scheidung vergessen und Annabell eine schöne Kindheit bieten.

Das gehört zum Dorfleben dazu, meinte Jürgen, als sie erschrocken gerade noch verhindern konnte, dass die Kleine mitbekam, wie er ein Huhn schlachtete.

„Komm, ich mache dir einen Kakao“, versuchte Karin das weinende Kind zu trösten.

Später gingen Mutter und Tochter zu den Ställen, um die Kaninchen zu füttern. Annabell pflückte Löwenzahnblätter. Sie schien das schreckliche Erlebnis vom Morgen vergessen zu haben.

„Guck mal, wie es den Häschen schmeckt“, jauchzte sie, als sie die Blätter durch das Gitter fädelte und die mümmelnden Nasen berührte. „Das kitzelt.“

Karin hockte sich zu ihrer Tochter, da vernahm sie ein leises klägliches Piepsen.

Annabell hatte es auch gehört: „Ist das eine Maus?“

„Ich weiß nicht. Schauen wir mal nach.“

Karin ging auf die Knie und spähte unter die Boxen. Hinten an der Rückwand sah sie etwas Helles blitzen.

„Nanu, was haben wir denn da?“

Behutsam zog sie das strampelnde Häufchen hervor. Ringsum von Spinnweben und Streu bedeckt, wand sich das Pelzknäuel auf ihren Handflächen.

„Mein Kätzchen, mein Kätzchen“, hauchte Annabell, griff danach, presste es an sich und wischte mit ihrer Nase die Spinnfäden aus dem staubigen Fell.

„Komm, wir suchen die Mama von dem Winzling“, sagte Karin und schniefte gerührt.

„Ich gebe meine Mieze nie wieder her“, protestierte Annabell, dann weiteten sich ihre Augen vor Angst.

Jürgen kam um die Ecke, blieb stehen und kratzte sich am Kopf.

„Da habe ich wohl eins übersehen“, brummte er.

„Nein“, schrie das kleine Mädchen und flüchtete sich in die Arme ihrer Mutter.

„Wehe, Du rührst das Kätzchen an“, fauchte Karin. Sie schickte ihrem Bruder einen giftigen Blick zu.

Kopfschüttelnd griff der Mann nach einem Futtereimer und stapfte vor sich hin murmelnd davon.



Ja, so war das damals. Ich wurde wieder zurück in die Scheune gebracht. Meine Mutter umsorgte mich ausgiebig, nachdem sie die Suche nach meinen Geschwistern aufgegeben hatte. Das blonde Mädchen besuchte mich täglich, brachte Leckereien, trug mich auf dem Arm spazieren und spielte an dem dunklen Fellbüschel zwischen meinen Ohren. Bald darauf machte ich die ersten Ausflüge. Seitdem bin ich zweimal vom Apfelbaum gefallen und hätte mir beinahe die Zunge abgebissen. Einmal wollte mir der braun schillernde Hahn die Augen aushacken, als ich seine Hühner jagte. Aber er hat nur ein paar Haare aus meinem Nacken erwischt.

Dem großen Mann mit den schmutzigen Stiefeln gehe ich bis heute aus dem Weg.

Vor kurzem muss ich wirklich tot gewesen sein. Ich habe meinen Leib verlassen und von oben gesehen, wie ich auf einem glänzenden Tisch lag. Die Augen verdreht und die Zunge hing mir aus dem Maul. Ein weiß gekleideter Mensch zog an meinem Schwanz und hantierte zwischen meinen Beinen. Danach tat mir tagelang der Hintern weh.

Wenn ich richtig gezählt habe, bleiben mir noch fünf Leben.

Ich recke mich, mache den schönsten Buckel und zeige meinen Körper in all seiner Pracht. Mein weißer Pelz schimmert in der Abendsonne.

„Da vorn am Haus steht übrigens meine Retterin“, maunze ich der roten Schönheit neben mir ins Ohr und reibe zärtlich meinen Kopf an ihrem Hals.

Sie blinzelt nur kurz mit ihren grünen Augen, legt sich schnurrend auf die Seite und gibt mir mit der Pfote einen leichten Schlag auf die Nase.



„Mama, schau mal“, ruft Annabell und zeigt fröhlich lachend mit ausgestrecktem Arm auf die beiden Katzen, die sich auf dem Garagendach räkeln.

„Puccini hat eine Freundin gefunden.“

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 13.51 Uhr
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