Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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April 2006
Das Doppelbett
von Linde Felber

Das Mädchen hockte am Boden und räumte alle ihre Hefte und Bücher in die Schultasche. ‚Klara Niemann - 3. Klasse Volksschule’ stand in sauberer Schrift auf den Etiketten.
Klara war zum Heulen. Sie riss eine Seite aus einem Heft und schrieb:
„Mein lieber Vater!
Mama hat diesen Mann geheiratet. Sie möchte, dass ich Vater zu ihm sage. Das werde ich nie tun. Du bist mein Vater, auch wenn du schon lange tot bist. Er hat einen kleinen Buben mitgebracht, der mein Bruder werden soll. Mama sagt, ich muss nett sein zu den beiden. Sie sagt auch, ich darf nicht traurig sein, weil ich ausziehen muss. Die Wohnung ist einfach zu klein für alle und ich bin doch schon ein großes Mädchen. Ich hasse sie.
Ich vermisse dich so sehr. Ich liebe dich. Deine Klara.“


„Hast du alles eingepackt?“ Ihre Tante Amalie war gekommen. „Wir müssen gehen.“

„Ich habe einen Brief an meinen Vater geschrieben“, sagte Klara.

„An welchen?“

„Tante Amalie!“

Der Sturm peitschte die Äste des alten Nussbaumes ans Fenster, schon zuckten die ersten Blitze auf.
Tante Amalie nahm den Brief und las. Dann fragte sie: „Darf ich ihn behalten? Ich werde ihn für dich aufbewahren, für später.“

Klara nickte. „Singst du noch mein Lied?“
Obwohl sich die Tante wegen des herannahenden Gewitters lieber beeilt hätte, setzte sie sich auf die hölzerne Eckbank, zog Klara auf ihren Schoß und begann: „Mariechen saß weinend im Garten, im Grase lag schlummernd ihr Kind … „
Der eigenartige Sing-Sang der Frau schwebte durch den Raum und hüllte das Mädchen in einen Kokon aus Geborgenheit.
„… dein Vater hat dich verlassen, du armer verlassener Wurm …“.
Klara konnte sich an diesem Lied nicht satt hören, besonders bei ihrer Lieblingsstelle wurde sie unendlich traurig. Da wurde Vater in ihrer Vorstellungskraft lebendig. Sie spürte, wie er sie mit starken Armen an sich drückte und zärtlich küsste. Sie sehnte sich so danach.
„Tante Amalie, warum ist Vater tot?“

„Kind, seit zehn Jahren erzähl ich dir, dass er im Krieg gefallen ist, kurz bevor du geboren wurdest.“

„Zehn Jahre stimmen nicht, ich werd ja erst nächsten Monat neun!“
Die Tante lächelte, gab ihrer Nichte einen kleinen Schubs und sprang auf. „Du wirst dich bei Großmutter schon eingewöhnen, außerdem liegen die Wohnungen nicht weit auseinander. Schau mal, dein neuer Vater hat eine gute Arbeitsstelle. Vielleicht könnt ihr euch bald eine größere Wohnung leisten und du darfst wieder zurück.“ Sie strich Klara über die Haare. „Es wird bestimmt alles wieder gut.“

„Nichts wird gut“, jammerte Klara, „ich mag keinen neuen Vater und schon gar keinen Bruder, der mir meinen Platz wegnimmt!“

Sie erreichten das Haus, in dem die Großmutter wohnte, noch vor den ersten, schweren Regentropfen. Die Wohnung lag im oberen Stock mit einer winzigen Küche und dem Zimmer mit dem breiten Doppelbett. Die Großmutter war nicht zu Hause. Tante Amalie musste gleich noch einmal fort. Klara setzte ihre mitgebrachte Puppe in die Mitte des Bettes zwischen die beiden mächtigen Kopfpolster. Beinahe freute sie sich darauf, in dem schönen Bett zu schlafen und mit Tante Amalie zu kuscheln. Nur vor Großmutter hatte sie ein wenig Angst. Die Großmutter mochte das Lied vom Mariechen nicht. Sie mochte überhaupt nicht, dass gesungen wurde.

Als das Gewitter vorüber war, schleppten die Mutter und die Tante eine Matratze herbei und hievten sie in eine Ecke des Zimmers.

„Du schläfst da.“ Die Mutter deutete auf die Matratze.
Klara zeigte auf den Platz in der Mitte des Bettes: „Darf ich nicht… „

„Das fehlte mir noch“, sagte die Großmutter, die ins Zimmer gekommen war. Sie drückte Klara die Puppe in die Hand. „Die kommt mir auch nicht ins Bett!“

Erschrocken blickte Klara zu ihr auf. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen und die sonst lustig anzusehenden Sommersprossen auf Nase und Wangen stachen dunkel hervor.



Weil die Großmutter so streng war, durfte Klara keine Freunde in die Wohnung mitnehmen, also spielten die Kinder im Freien. Doch dann wurde Großmutter krank und Klara musste oft bei ihr bleiben.
„Sie schläft“, flüsterte Tante Amalie eines Tages. „Ich muss einkaufen und zur Apotheke. Sei leise, geh nur ins Zimmer, wenn deine Großmutter ruft. Hast du verstanden?“

Klara nickte.
„Tante Amalie, was ist, wenn sie …“. Sie schaute auf. Die Tante war schon weg. „…wenn sie stirbt?“ Sie schlug die Hand vor den Mund. So etwas durfte sie nicht einmal denken.
Klara machte ihre Hausaufgaben. Immer wieder stand sie auf, presste ihr Ohr an die Tür. Nichts. Wo blieb nur die Tante! Sie nahm ihr Lieblingsbuch ’Heidi’ und las. In ihrer Fantasie war sie plötzlich Heidi, hoch droben auf der Alm, bei Großvater.

„Klara“, die Stimme ihrer Freundin Roswitha riss sie aus ihrem Traum. Sie öffnete das Fenster: „Leise, Großmutter schläft.“

„Komm, wir beten für sie“, sagte Roswitha, „wir gehen in die Kirche und zünden eine Kerze an, dann wird deine Großmutter wieder gesund.“

„Glaubst du? Aber ich darf nicht weg. Was ist, wenn sie mich braucht?“

„Sie schläft doch, hast du gesagt. Willst du nicht, dass sie gesund wird? Komm endlich!“
Klara horchte noch einmal an der Tür. Alles war ruhig. Sie liefen zur Kirche, knieten sich in die erste Bank und beteten, lange und andächtig. Klaras Knie schmerzten, doch Roswitha sagte, es müssen drei ganze Rosenkränze sein, sonst hilft es nicht. Sie zündeten noch eine Kerze an. Dann lief Klara heim zu Großmutter. Jetzt würde sie wieder gesund werden!

Als sie die Treppen zur Wohnung hinaufrannte, hörte sie Stimmen. Die Türen waren weit geöffnet. Mutter und Tante Amalie standen am Bett. Was war passiert? Gott sei Dank, Großmutter hatte die Augen geschlossen, also schlief sie noch. Jemand hatte ihr ein Tuch vom Kinn über die Ohren gelegt und am Kopf zu einem Knoten gebunden. Hatte Großmutter Ohrenschmerzen?
Ihre Mutter drehte sich um, schüttelte Klara und schrie: „Solltest du nicht bei Großmutter bleiben? Nun ist Großmutter tot. Und keiner war bei ihr!“
„Mama, ich war mit Roswitha…“
„Hab ich mir doch gedacht… du unfolgsamer Fratz, du sommersprossiges …“
Klara hielt sich die Ohren zu, worauf sie von ihrer Mutter eine Ohrfeige bekam.

Männer brachten einen Holzsarg, legten die Großmutter hinein und trugen sie fort, in die Aufbahrungskapelle der Kirche.
Noch am selben Abend wurde die Matratze abgeholt. Klaras Mutter sagte: „Die brauchst du ja nicht mehr. Du bekommst Großmutters Platz im Doppelbett. Den wolltest du doch von Anfang an.“
“Nein“, rief Klara, „ich will nicht in dem Bett schlafen, in dem Großmutter gestorben ist, bitte...“ Ihr Betteln war zwecklos. Mutter blieb hart.
Klara versuchte, mit Tante Amalie zu reden. Die wurde von Weinkrämpfen geschüttelt und war nicht ansprechbar.

In der Nacht träumte Klara: Sie saß in einem Boot, das fürchterlich schaukelte. Auf und ab. Ihr war übel. Dann wurde sie wach und merkte, es war das Bett, das so schaukelte. Vorsichtig drehte sie sich zu Tante Amalie um. Die lag mit dem Rücken zu ihr. Ihr Körper wurde stoßweise geschüttelt. Leises Weinen drang an Klaras Ohr. Sie wagte nicht, Tante zu berühren, wagte nicht, sich zu bewegen und wurde von der unnatürlichen Haltung ganz steif. Steif und leer. Nie im Leben würde sie diesen Tag vergessen. Arme Großmutter, arme Tante Amalie, böse, sommersprossige Klara. Dicke Tränen bahnten sich einen Weg über ihre Wangen.


Nach einer Ewigkeit drehte sich Tante Amalie zu ihr um und sagte: „Ich bin sehr traurig, sie war meine Mutter.“
„Tante Amalie, ich wollte das nicht, ich habe für Großmutter gebetet, ich …“. Das Salz in ihrem Mund schmeckte bitter.
„Ist schon gut. Deine Großmutter war alt und krank. Du kannst nichts dafür.“ Tante Amalie machte eine einladende Bewegung und Klara flüchtete in ihre Arme wie ein Tier in eine kleine, geschützte Höhle.


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