Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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April 2006
Der Kuss
von Marion Pletzer

„Simone, deine Sporttasche.“ Ich stöhnte.

Allmählich kam ich mir vor wie ein Leierkasten.

„Jaaa, ich komme.“ Eine Zimmertür knallte und meine fünfzehnjährige Tochter stürzte die Treppe herunter.

„Willst du nicht weg?“, fragte sie.

„Doch.“

„Warum hältst du dich dann mit Meckern auf?“

„Mein liebes Kind - “, setzte ich an, wurde jedoch vom Klingeln ihres Handys unterbrochen.

„Keine Zeit, Mama.“ Simone schnappte ihre Tasche und verschwand mit einem geflöteten „Ach, Zeus, du bist’s“, in ihrem Zimmer.

Zeus? Wer war das nun wieder? Kopfschüttelnd ging ich in die Küche.

„Du bist ja noch nicht angezogen“, sagte Peter, der Mann mit dem ich seit achtzehn Jahren mein Leben teilte.

„Sag mal, kennst du einen Zeus?“, fragte ich.

„Klar, den Göttervater.“

„Peter! Ich gebe zu, dass ich bei Simones Freunden allmählich den Überblick verliere.“

„Sie ist eben beliebt.“ Stolz schwang in seiner Stimme mit.

„Na, ich weiß nicht. Das kann man auch anders bezeichnen“, protestierte ich.

„Nora, bitte. Mach dich lieber fertig, sonst kommst du zu spät. Was gibt es heute zu essen?“

„Bin ich deine Amme? Den Kühlschrank wirst du wohl alleine öffnen können.“

„Schon gut“, brummte er und versenkte den Kopf im Gefrierfach.

Eilig verzog ich mich ins Badezimmer. Nach dem Umziehen warf ich einen prüfenden Blick in den Spiegel. Der flaschengrüne, leicht glänzende Stoff des Hosenanzugs harmonierte mit meinem feuerroten Haar.

‚Muss ja keiner wissen, dass die Farbe von L’Oreal stammt‘, dachte ich. Vermutlich würde sich sowieso niemand daran erinnern, dass meine natürliche Haarfarbe eher einer Orange glich. Zum Abschluss verlieh ich meinem Teint einen Hauch von Rot. Dann war ich fertig.

Ob er da sein würde? Robin.

In meinem Magen breitete sich ein warmes Kribbeln aus. Plötzlich fühlte ich mich wie das Schulmädchen von damals. Wie verliebt ich war, wie schüchtern und unerfahren.

„Du meine Güte, reiß dich zusammen. Du bist schließlich erwachsen“, schimpfte ich leise.

Ungewollt wanderten meine Gedanken zurück.

Robin Kirschbaum. Ich flüsterte seinen Namen. Der Junge, von dem ich meinen ersten Kuss bekam. Den ersten richtigen Kuss, mit Zunge. So etwas bleibt im Gedächtnis. Dabei war ich erst zwölf.

Zart fuhr ich mit dem Zeigefinger über meine Lippen und erinnerte mich an diesen besonderen Moment.

Es passierte unter einer Brücke. Dort wo die Volme mal ruhig, mal reißend in ihrem Bett floss. Unwiderstehlich zog es uns Kinder zu der Stelle, an der ein dunkler, gemauerter Gang in die Kanalisation der Stadt führte.

Wir bewiesen unseren Mut, indem wir den unterirdischen Wegen folgten.

In dem Gang roch es muffig. Die über uns hinweg brausenden Autos erzeugten ein gruseliges Dröhnen. Wer es am längsten aushielt, hatte gewonnen.

Dort traf ich mich heimlich mit ihm. Er war drei Jahre älter, der Mädchenschwarm unserer Schule. Blonde Haare, strahlend blaue Augen, ein Handballstürmer mit Waschbrettbauch.

‚Ein bisschen wie Ken.’ Ich musste grinsen.

Warum er ausgerechnet mich ausgesucht hatte, blieb mir bis heute verborgen. Gehörte ich doch wirklich nicht zu den erklärten Schönheiten.

Meine Mutter flocht mir jeden Morgen Zöpfe, die ich auf dem Weg zur Schule aufdröselte. Danach wellten meine Haare sich wie nach einer missglückten Dauerwelle. Zudem sah mein Körper aus wie ein Besenstiel. Trotzdem verabredete Robin sich mit mir.

Mit abgewandtem Blick zupfte ich einige Blätter von einem Strauch. Mein Gesicht glühte vor Verlegenheit, als er meine Hand nahm.

Er sagte kein Wort, beugte unerwartet den Kopf vor und presste seine Lippen auf meine.

Erschrocken zuckte ich zurück, als er seine warme Zunge in meinen Mund steckte.

„Hast du noch nie?“, fragte er. Verschämt schüttelte ich den Kopf.

Er lachte und ein Grübchen zeigte sich auf seinem Kinn.

„Komm.“ Ich leistete keinen Widerstand, als er mich in den dunklen Gang zog. Danach kam ich mir schrecklich erwachsen vor, denn nun wusste ich, wie das Küssen ging.

Von diesem Moment an lief ich hinter ihm her wie ein treuer Pudel. Doch mein Glück währte nicht lange. Eines Abends beobachtete ich ihn, wie er einer Barbie die Hand auf den knackigen Po legte und sie vor aller Augen küsste.

Theatralisch schrie ich ihn an: „ Es ist Schluss!“ Damit endete meine erste große Liebe und unsere Wege trennten sich.

‚Komisch’, dachte ich. ‚Er hat mir wehgetan. Trotzdem kribbelt es noch, wenn ich an ihn denke.’

Ich schlüpfte in meine Jacke.

„Peter, ich bin weg“, rief ich in Richtung der Küche.

„Gut. Viel Spaß.“

In meinem Abschlussjahrgang gab es mehrere Klassen. Schätzungsweise an die hundert ehemalige Schüler trafen sich zur Feier des fünfundzwanzigsten Jahrestages.

Ich suchte in der Menge fremder Menschen nach einem vertrauten Gesicht.

Dann sah ich Robin. Sein Haar war dünner, aber immer noch weizenblond, statt Waschbrett – bloß Waschbärbauch. Doch seine blauen Augen strahlten wie eh und je.

„Hallo Robin. Lange nicht gesehen“, begrüßte ich ihn.

„Nora? Das gibt’s ja nicht. Du siehst toll aus.“ Er drückte mir kräftig die Hand und der Moment der Nervosität verflog. Kein Kribbeln mehr. Schlagartig wurde mir klar, dass es für mich schon lange keinen anderen Mann mehr gab als Peter.

Wir kramten in Erinnerungen und erzählten einander, wie unsere Leben verlaufen waren.

Weit nach Mitternacht fuhr ich nach Hause. Peter lag ausgestreckt auf der Couch. Der Fernseher lief.

„Na, war’s schön?“, fragte er lächelnd

„Ja.“ Ich kuschelte mich an ihn.

Immer wieder sah ich auf die Uhr. Schon nach 14.30 Uhr. Wo Simone heute so lange blieb? Die Schule war längst aus.

Auf einmal hörte ich erleichtert das vertraute Geräusch des Schlüssels in der Tür. Dann Simones leises Kichern.

„Komm rein, Zeus“, sagte sie.

Aha, jetzt würde ich endlich diesen Unbekannten kennen lernen.

„Hallo, Mama.“ Ich beachtete sie nicht, sondern starrte auf ein frisches Gesicht mit blonden Haaren und blauen Augen.

„Mama?“

Ich zwang mich, Simone anzusehen.

„Das ist Zeus“, sagte sie.

Er reichte mir die Hand.

„Guten Tag, Frau Fischer. Eigentlich heiße ich Philipp. Philipp Kirschbaum.“ Er lachte und ein Grübchen zeigte sich auf seinem Kinn.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 14.51 Uhr
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