Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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April 2006
Der Kuss
von Marion Pletzer

„Simone, deine Sporttasche.“ Ich stöhnte.

AllmÀhlich kam ich mir vor wie ein Leierkasten.

„Jaaa, ich komme.“ Eine ZimmertĂŒr knallte und meine fĂŒnfzehnjĂ€hrige Tochter stĂŒrzte die Treppe herunter.

„Willst du nicht weg?“, fragte sie.

„Doch.“

„Warum hĂ€ltst du dich dann mit Meckern auf?“

„Mein liebes Kind - “, setzte ich an, wurde jedoch vom Klingeln ihres Handys unterbrochen.

„Keine Zeit, Mama.“ Simone schnappte ihre Tasche und verschwand mit einem geflöteten „Ach, Zeus, du bist’s“, in ihrem Zimmer.

Zeus? Wer war das nun wieder? KopfschĂŒttelnd ging ich in die KĂŒche.

„Du bist ja noch nicht angezogen“, sagte Peter, der Mann mit dem ich seit achtzehn Jahren mein Leben teilte.

„Sag mal, kennst du einen Zeus?“, fragte ich.

„Klar, den Göttervater.“

„Peter! Ich gebe zu, dass ich bei Simones Freunden allmĂ€hlich den Überblick verliere.“

„Sie ist eben beliebt.“ Stolz schwang in seiner Stimme mit.

„Na, ich weiß nicht. Das kann man auch anders bezeichnen“, protestierte ich.

„Nora, bitte. Mach dich lieber fertig, sonst kommst du zu spĂ€t. Was gibt es heute zu essen?“

„Bin ich deine Amme? Den KĂŒhlschrank wirst du wohl alleine öffnen können.“

„Schon gut“, brummte er und versenkte den Kopf im Gefrierfach.

Eilig verzog ich mich ins Badezimmer. Nach dem Umziehen warf ich einen prĂŒfenden Blick in den Spiegel. Der flaschengrĂŒne, leicht glĂ€nzende Stoff des Hosenanzugs harmonierte mit meinem feuerroten Haar.

‚Muss ja keiner wissen, dass die Farbe von L’Oreal stammt‘, dachte ich. Vermutlich wĂŒrde sich sowieso niemand daran erinnern, dass meine natĂŒrliche Haarfarbe eher einer Orange glich. Zum Abschluss verlieh ich meinem Teint einen Hauch von Rot. Dann war ich fertig.

Ob er da sein wĂŒrde? Robin.

In meinem Magen breitete sich ein warmes Kribbeln aus. Plötzlich fĂŒhlte ich mich wie das SchulmĂ€dchen von damals. Wie verliebt ich war, wie schĂŒchtern und unerfahren.

„Du meine GĂŒte, reiß dich zusammen. Du bist schließlich erwachsen“, schimpfte ich leise.

Ungewollt wanderten meine Gedanken zurĂŒck.

Robin Kirschbaum. Ich flĂŒsterte seinen Namen. Der Junge, von dem ich meinen ersten Kuss bekam. Den ersten richtigen Kuss, mit Zunge. So etwas bleibt im GedĂ€chtnis. Dabei war ich erst zwölf.

Zart fuhr ich mit dem Zeigefinger ĂŒber meine Lippen und erinnerte mich an diesen besonderen Moment.

Es passierte unter einer BrĂŒcke. Dort wo die Volme mal ruhig, mal reißend in ihrem Bett floss. Unwiderstehlich zog es uns Kinder zu der Stelle, an der ein dunkler, gemauerter Gang in die Kanalisation der Stadt fĂŒhrte.

Wir bewiesen unseren Mut, indem wir den unterirdischen Wegen folgten.

In dem Gang roch es muffig. Die ĂŒber uns hinweg brausenden Autos erzeugten ein gruseliges Dröhnen. Wer es am lĂ€ngsten aushielt, hatte gewonnen.

Dort traf ich mich heimlich mit ihm. Er war drei Jahre Ă€lter, der MĂ€dchenschwarm unserer Schule. Blonde Haare, strahlend blaue Augen, ein HandballstĂŒrmer mit Waschbrettbauch.

‚Ein bisschen wie Ken.’ Ich musste grinsen.

Warum er ausgerechnet mich ausgesucht hatte, blieb mir bis heute verborgen. Gehörte ich doch wirklich nicht zu den erklÀrten Schönheiten.

Meine Mutter flocht mir jeden Morgen Zöpfe, die ich auf dem Weg zur Schule aufdröselte. Danach wellten meine Haare sich wie nach einer missglĂŒckten Dauerwelle. Zudem sah mein Körper aus wie ein Besenstiel. Trotzdem verabredete Robin sich mit mir.

Mit abgewandtem Blick zupfte ich einige BlĂ€tter von einem Strauch. Mein Gesicht glĂŒhte vor Verlegenheit, als er meine Hand nahm.

Er sagte kein Wort, beugte unerwartet den Kopf vor und presste seine Lippen auf meine.

Erschrocken zuckte ich zurĂŒck, als er seine warme Zunge in meinen Mund steckte.

„Hast du noch nie?“, fragte er. VerschĂ€mt schĂŒttelte ich den Kopf.

Er lachte und ein GrĂŒbchen zeigte sich auf seinem Kinn.

„Komm.“ Ich leistete keinen Widerstand, als er mich in den dunklen Gang zog. Danach kam ich mir schrecklich erwachsen vor, denn nun wusste ich, wie das KĂŒssen ging.

Von diesem Moment an lief ich hinter ihm her wie ein treuer Pudel. Doch mein GlĂŒck wĂ€hrte nicht lange. Eines Abends beobachtete ich ihn, wie er einer Barbie die Hand auf den knackigen Po legte und sie vor aller Augen kĂŒsste.

Theatralisch schrie ich ihn an: „ Es ist Schluss!“ Damit endete meine erste große Liebe und unsere Wege trennten sich.

‚Komisch’, dachte ich. ‚Er hat mir wehgetan. Trotzdem kribbelt es noch, wenn ich an ihn denke.’

Ich schlĂŒpfte in meine Jacke.

„Peter, ich bin weg“, rief ich in Richtung der KĂŒche.

„Gut. Viel Spaß.“

In meinem Abschlussjahrgang gab es mehrere Klassen. SchĂ€tzungsweise an die hundert ehemalige SchĂŒler trafen sich zur Feier des fĂŒnfundzwanzigsten Jahrestages.

Ich suchte in der Menge fremder Menschen nach einem vertrauten Gesicht.

Dann sah ich Robin. Sein Haar war dĂŒnner, aber immer noch weizenblond, statt Waschbrett – bloß WaschbĂ€rbauch. Doch seine blauen Augen strahlten wie eh und je.

„Hallo Robin. Lange nicht gesehen“, begrĂŒĂŸte ich ihn.

„Nora? Das gibt’s ja nicht. Du siehst toll aus.“ Er drĂŒckte mir krĂ€ftig die Hand und der Moment der NervositĂ€t verflog. Kein Kribbeln mehr. Schlagartig wurde mir klar, dass es fĂŒr mich schon lange keinen anderen Mann mehr gab als Peter.

Wir kramten in Erinnerungen und erzÀhlten einander, wie unsere Leben verlaufen waren.

Weit nach Mitternacht fuhr ich nach Hause. Peter lag ausgestreckt auf der Couch. Der Fernseher lief.

„Na, war’s schön?“, fragte er lĂ€chelnd

„Ja.“ Ich kuschelte mich an ihn.

Immer wieder sah ich auf die Uhr. Schon nach 14.30 Uhr. Wo Simone heute so lange blieb? Die Schule war lÀngst aus.

Auf einmal hörte ich erleichtert das vertraute GerĂ€usch des SchlĂŒssels in der TĂŒr. Dann Simones leises Kichern.

„Komm rein, Zeus“, sagte sie.

Aha, jetzt wĂŒrde ich endlich diesen Unbekannten kennen lernen.

„Hallo, Mama.“ Ich beachtete sie nicht, sondern starrte auf ein frisches Gesicht mit blonden Haaren und blauen Augen.

„Mama?“

Ich zwang mich, Simone anzusehen.

„Das ist Zeus“, sagte sie.

Er reichte mir die Hand.

„Guten Tag, Frau Fischer. Eigentlich heiße ich Philipp. Philipp Kirschbaum.“ Er lachte und ein GrĂŒbchen zeigte sich auf seinem Kinn.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 14.51 Uhr
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