Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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April 2006
Das Großstadtkind
von Michael Boeken

Damals, als ich noch trotz meiner gerade 14 Jahre noch kaum schwimmen konnte, bin ich trotzdem mit den anderen von der Brücke in den Rhein-Herne-Kanal gesprungen. Knapp 10 Jahre vorher, viel weiter zurück kann ich mich ohnehin nur fragmentarisch zurückerinnern, weiß ich noch ganz genau, da gab es für uns Kinder noch jede Menge „Feld“. Wilde Beeren, aus denen wir uns „auf’m Feld“ in alten Blecheimern Marmelade gekocht hatten: das war einfach das Größte.

Eine große Stadt mit dem größten Binnenhafen der Welt an Rhein und Ruhr gelegen, das haben wir mit Stolz in unserer Volksschule gelernt, obwohl andere sagten, mein Stadtteil sei das Dreckigste was es im ganzen Kohlenpott gäb. In der Tat, die Häuserfassaden waren meistenteils sehr dunkel anthrazit, tiefgrau, wenn nicht schwarz. Aber das war nun mal so und „auf’m Feld“ hast du da nichts von gemerkt.

Zum 8. Geburtstag bekam auch ich mein erstes Fahrrad, Mann, was war ich stolz!

In den großen Ferien kamen wir in die „Kinderverschickung“ auf die Insel Wangerooge. Das war weit weg und ich hatte ein wenig Heimweh. Im Jahr darauf ging’s ins Zeltlager und das war viel besser: da mußte man nicht weit weg für fahren, denn das war im ‚Duisburger Wald’ und der war ziemlich groß und hat dennoch in unsere große Stadt hineingepasst, was daran lag, daß es sich um eine echte Großstadt handelte. Mit großen, ach was, riesigen Industrieanlagen, die allein schon fast größer als manch andere Großstadt waren. Und dann noch dem Hafen, der erst 20 Jahre später -sehr zu meiner Freude- mit dem Tatort- Kommissar Schimanski zu nachhaltigen Ruhm und Ansehen kam.

Die Stadt hatte schon Ende der Fünfziger Jahre mit genau 500.000 Einwohnern ganz knapp die Halbmillionengrenze über-sprungen und das war aus 2 Gründen ganz wichtig: 1. konnte die Stadt mächtig stolz darauf sein, denn nur wer über ½e Million -das konnten wir uns richtig auf der Zunge zergehen lassen- groß war, der war jedenfalls schon mal wer, nämlich eine richtige, echte Großstadt und bekam im Schulatlas auf den Landkarten eine richtig dicke Schrift mit einer fetten, doppelten Unterstreichung. Nicht auszudenken, stürben mehr als neu hinzu geboren würden oder zögen mehr weg als sich hier im größten Dreckloch des Kohlenpottes ansiedelten: nur schlappe tausend Leutchen weniger und alle Atlanten und Schulkarten wären gelogen, müßten ausgetauscht werden und würden bei der nächsten Auflage in unscheinbarer Druckschrift, ungefettet und mit lediglich einer einzigen, dünnen Unterstreichung auskommen müssen. Welch eine Schmach!

Daß es dazu nicht kommen konnte, hat die Stadt nur meinem Stadtteil, nämlich Hamborn zu verdanken, wo es sogar einen echten HSV gab, der leider aber immer um ein, wenn nicht gar mindestens zwei Klassen unter dem Nachbarverein MSV rangierte, denn Hamborn war die letzte eigenständige Stadt, die sich Duisburg einverleibt hat, weil die nämlich nur auf die Steuern von unserer August-Thyssen-Hütte, der Kupferhütte und die Steinkohlevorkommen scharf waren.

Später, als ich elf war und mit dem todschicken, schwarzen Vaterland-Rad nach Meiderich in den anderen Stadtteil zur Schule fuhr, waren noch nicht einmal die Stadtteile urban miteinander verschmolzen konnte ich durch jede Menge Feld fahren, um querfeldein auf kürzesten Weg dorthin gelangen. Hindurch zwischen Hochöfen, Kokerei und Schacht 4/8, dort, wo mein Vater, an den ich mich nur wenig –dafür aber nur in guten Erlebnissen- erinnern konnte, Hauer war, aber schon mit viel zu jungen 32 Jahren, als ich 4 war, für die letzte Schicht eingefahren war.

Natürlich wußte ich schon als Knirps, daß die Erde unter mir bis auf fast 1000 Meter Tiefe aussah, wie ein von Monstermaulwürfen angelegtes Labyrinth eines Schweizerkäses. Das konnte man auch über Tage allenthalben daran erkennen, daß es kaum ein Haus gab, das nicht durch sogenannte Bergschäden einen Setz-Riß irgendwo quer durchs ganze Gebäude hatte. Auch in unserer Bergarbeiter-Reihenhaussiedlung war das an der Tagesordnung. Das war ebent so. Darum hat man auch ein damals bombastisch geniales Bauwerk, die Nord-Süd-Achse mit der „Berliner Brücke“, die über die gesamten Ruhrorter Hafenanlagen führte, komplett auf einbeinige Stelzen-Säulen betoniert, die alle nachträglich und einzeln höhenregulierbar waren, um sie quasi individuell den unterschiedlichen Setzungen anzupassen.

Aber unterhalb der Schimanski- Tatorte wurden die Flöze so gezielt unter den Hafenbecken abgebaut, aber nicht wieder mit Abraum verfüllt -lernten wir als Kinder in der Schule-, daß im Laufe von 10 Jahren das Kunststück gelang, das gesamte Hafengebiet um satte zwei Meter abzusenken. Damit wurde unter Tage eine Menge Arbeit, Zeit, Geld und Füllmaterial eingespart und über Tage konnte man sich ein kostenträchtiges Ausbaggern der Häfen, das durch Sedimente von Rhein und Ruhr und Schlickablagerungen dringend nötig geworden wär, obendrein auch noch schenken.

Mit 13 habe ich viel gerechnet, lange vorher schon gespart und zur Konfirmation kriegte ich einen Chronometer, mit Stoppuhr-Funktion, eine fünftel Sekunde konntest du da drauf ablesen! Da war ich mächtig stolz drauf. Und noch mehr auf den weißen Halbrenner mit Rennpedalen, Haken & Riemchen, Schmalspur-Reifen und französischen Ventilen, die mit einer Spezial- Luftpumpe, die aus Alu war, nur aufpumpbar waren!

Von meinem eigenen Geld! Ich hatte ein paar Jahre lang als Balljunge auf dem Tennisplatz Bälle aufgehoben, später beim Kegel aufstellen auf der Kegelbahn jeden Stundenlohn und jeden Groschen Trinkgeld, wenn’s den gab, eisern gespart und manchen Fünfer, den die Oma mir schon mal heimlich zugesteckt hatte.

Und mit dem Rad bin ich dann zum Straßenrennen angetreten. Am Freitag stand’s in der WAZ, daß morgen, am Samstag um elf Uhr Start wär, und daß jedermann dort teilnehmen dürfe. Bis in den späten Abend hinein wurde alles von dem Rad abgeschraubt, daß am Ende eine nackte, reinrassige Peugeot- Rennmaschine; ein Traum mit 10 Gängen vor mir stand. Am nächsten Morgen wurde mir klar, was es heißt, in einer großen Stadt zu leben, denn bis in den Stadtteil im Süden der Stadt waren es satte 20 Kilometer, dann dort das Radrennen bestreiten und zum Schluß wieder zurück, welch’ eine „Vormittags“- Tagestour.

Aber die 20 Kilometer kamen mir geringer als die Hälfte vor, so leicht flog nun mein Renner vor mir davon! Dann die Aufstellung zum Start. Welch eine Aufregung!

Ein Schuß aus einer richtigen Startpistole läutete eine „tote“ Runde ein, die erst gefahren werden mußte, ich kannte mich da nicht mit aus, das hieß, das erste Mal ums Carrée zählte gar nicht und es wurde dann in dieser Runde erbittert darum gekämpft, sich eine gute Startposition zu erringen. Als die erste Gruppe junger Sprinter nach der 4. Kurve sich das erste Mal auf die Start- und Ziellinie zubewegte ertöte im „fliegenden Start erneut der nun „richtige“ Schuß aus der Pistole. Und ich war mitten dabei. In der Spitzengruppe! Ich fühlte mich mächtig stark und großartig. Auf Platzierung kam es mir nicht an, Ich war dabei und dann noch in der Spitzengruppe. Bestimmt war ich unter den 10 Besten.

Umso weniger konnte ich es glauben noch fassen, meinen Namen durch die Lautsprecheranlage in Verbindung mit dem 2. Platz zu hören. Erst später verstand ich, daß mehrere Alters-klassen gleichzeitig an den Start geschickt wurden und so haben die ein, zwei Jahre älteren Mitstreiter, die vor mir waren, gar nicht gezählt. Nur einer in meinem Alter war noch schneller gewesen. Dann eine Ehrenrunde mit Siegerurkunde und einem Blumenstrauß von drei Nelken, die ich heil bis zur Oma schaffen konnte, um ihr die kleine Freude zu machen.

Jetzt war ich kein Kind mehr, schließlich war ich in der Schüler-JUGEND gestartet!

Mit 15 konnte ich ganz plötzlich schwimmen und brachte es in wenigen Monaten gleich zum Rettungsschwimmer mit Leistungsabzeichen. Damit hatte ich nun meine Kindheit endgültig hinter mir gelassen. Im Notfall würde ich jetzt auch einen großen, erwachsenen Menschen retten können.

Bald war ich 18 (damals wurden wir erst mit 21 mündig), ließ mich vom Vormundschaftsgericht für volljährig erklären und kehrte meiner Kindheit den Rücken, um im damaligen „West-Berlin“ mein Glück zu wagen und immer, wenn ich im alten VW-Bulli mit der geteilten Frontscheibe nach „Westdeutschland“ zu den Eltern nach Hause kam, trat mir der imposante Blick des Ruhrgebietspanoramas in die Augen, wenn man von oben aus den Beckumer Bergen zum Kamener- Kreuz in den Kohlenpott einfiel. Das Gefühl aus meiner Kindheit, hier habe ich meine Wurzeln, befiel mein Herz trotz aller End-Achtundsechziger Abgeklärtheit mit großer Gewalt. Das Gefühl, welches noch gewaltiger von mir Besitz ergriff, wenn ich nach fünfzigminütiger Fahrt die sechzig Kilometer von Ost nach West durch meinen Pott über die „Gutehoffnungsbrücke“ am Oberhausener Kreuz im meine Heimatstadt gelangte. Durch das geschlossene Fenster konnte ich den Geruch der Ruhrchemie so stark empfinden, weil die Butterbrotdose meines (Stief-)Vaters deutlich danach roch, wenn ich als Kind nachschaute, ob von ihm noch ein ‚Hasenbrot’ mit nach Hause gebracht wurde.

Dann das neue Hamborn-Meidericher Autobahnkreuz, links die Kokerei, dahinter die Hochöfen der August-Thyssen-Hütte und vorne der Schacht 4/8, dann hätte ich jedes Mal heulen können vor Freude!

Zwanzig Jahre später war ich im Gasometer des Revierparks Meiderich tauchen und stand sechzig Meter hoch, oben auf dem inzwischen stillgelegten, ehemals größten Hochofen der Welt, da hinten die Berliner Brücke mit den Ruhrorter Häfen und hier vorn das Hamborner Rathaus und weiter rechts meine alte Volksschule mir zu Füßen und ich spürte meine längst vergangene Kindheit. Nochmal fünf Jahre weiter war ich Schriftsteller geworden, ich schrieb meinen ersten Kohlenpottkrimi für den Literaturpreis Ruhrgebiet, die Kurzgeschichte „Kindheit in der großen Stadt“, meiner Heimatstadt, begann Kinder- und Jugend-Texte und –Gedichte, auch in Mundartsprache zu schreiben und schreibe gerne und bewusst über meine Kindheit im Revier.

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