Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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April 2006
Sein tödlicher Schwur
von Sergej A. Maslennikow

27. August


Kai umklammerte schwitzend das Album. Die Vergangenheit war fern, alle Wunden verheilt – so dachte er. Er beschritt den großen Saal. Zahlreiche Menschen tummelten sich beim jährlichen Betriebsfest unter dem Motto Kindheit unseres Personals. Es war Freitagabend.



Zwei Stunden später lehnte er mit einigen Kollegen seiner Abteilung über dem Album von Jens Morgenrot. „… und nur kurz darauf, hatte ich dieses widerliche Gewürm auch schon verschluckt.“ Alle lachten. Kai betrachtete stumm das vergilbte Foto eines Regenwurmes. „Ehrlich, das war mir eine große Lehre!“ Lächelnd schloss Jens das Album. „Kai, nun du!“, verlangte er, während er ihn despektierlich musterte. Kai war ein dürres Kuriosum: ein großgewachsener, hagerer Mann. In sich zurückgezogen erledigte er seine Aufgaben, wie eine minuziös auf Arbeit programmierte Maschine. Kai öffnete das Klassenalbum seiner damaligen Gesamtschule. Sogleich erblickte er sein altes … Ego.

Der Sog einer wohlbekannten Übelkeit zog ihn in die Untiefen der Vergangenheit. Ihm schwindelte. Sein Geist begann zu straucheln, die Mauer um die damaligen Ereignisse zu bröckeln.

„Hey, Kai! Was ist denn los?” Jens rüttelte ihn scheelen Blickes an der Schulter. Kai fing sich wieder. Gerade noch so. „Jetzt erzähl doch! Welcher von diesen Lümmeln hier bist du?“ Die anderen beugten sich neugierig über das Klassenfoto. Sie rochen nach Whisky.

„D… der da“, stammelte Kai, als er zitternd auf einen ziemlich korpulenten Jungen von dreizehn wies. Es wurde still. „Verdammt, das bist du nicht!“, rief Martin schließlich, während er seinen schlaksigen Arbeitskollegen besah. Steine knirschten wie williges Mahlwerk. Kais Mauer bekam weitere Risse.

„Mann, du kannst es einfach nicht sein!“, röhrte Jens im Alkoholrausch. Einige Augenpaare blickten argwöhnisch zu ihrem Tisch. „Das … das Ding sieht doch aus wie ein … Nilpferd!“ Jens brach in schallendes Gelächter aus - die anderen drei stimmten beschwingt mit ein. Nur Kai saß still da, die Augen fest verschlossen. Nilpferd! Dunkle Erinnerungen brachen sich zur Oberfläche Bahn. Sie stiegen unaufhaltsam höher, bis sie sich wie heißes Magma qualvoll auf seine Seele ergossen.



Hätte Jens zu diesem Zeitpunkt gewusst, was er mit seiner kleinen Heiterkeit in Gang setzte, wäre er vermutlich lieber stumm geblieben. Nilpferd!

Das brüchige Mauerwerk fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Kai stand auf, umschritt den Tisch und brach Jens Morgenrot mit einem gut gezielten Schlag das Nasenbein. Danach stolzierte er seelenruhig zum Ausgang. Geschockt wich ihm ein Jeder aus.





28. August



Diffuses Licht umwölkte die Szenerie. Der zehnjährige, wohlbeleibte Kai stand am Rande des Bolzplatzes. Stillschweigend blickte er zu den spielenden Kindern. Es war herrliches Sommerwetter, doch Kai schwitzte.

„Hey du, wir brauchen ’nen fähigen Torwart!“ Ein sportlich gebauter Rotschopf schritt plötzlich auf ihn zu, während er wild gestikulierte. „Bist du dabei?“ Der Junge grinste. Er hatte riesige, weiße Reißzähne.

„Ich … ich weiß nicht.“, erwiderte Kai. „Nehmt lieber wen anders.“

„Ich heiß’ Rogge.“ Reißzahn trat an Kai heran und reichte ihm seine kräftige Pranke. „Mensch, du musst doch nur im Tor stehen. Komm schon!“

Bereits zwei Minuten später raste ihm der erste Ball entgegen und traf ihn hart an der Schläfe. Kai versuchte zu tarieren, fiel aber rücklings auf seinen weichen Hosenboden. Seine Augen tränten.

„Hey, Jungs! Jetzt guckt euch mal dieses weinerliche Nilpferd an!“, schrie Rogge. Die Jungen begannen zu grölen. „Los, testen wir mal seine Knautschzonen aus!“ Sie versammelten sich lachend vor dem Tor und jeder von ihnen feuerte einen Ball ab. Sie trafen ihn wie schwere Geschosse. Einer davon schlug ihm eine blutige Nase. Das Rot strömte blitzartig aus allen Ritzen. Es schoss aus Kais Nase und den Ohren. Selbst die Tränen waren mit einem Mal nichts anderes als das tiefrote Lebenselixier. Während er blutend daniederlag, schimpften ihn die Kinder einen nichtsnutzigen Fettsack. Der letzte Ball verwandelte sich im Flug in ein hübsches Mädchen, das lachend in Kais Armen landete. Der Tag wurde zur Nacht. Ein heller Mond schien nun am Firmament. Kai war fünfzehn und schlank. Rogges Hänseleien hatten ihn über die Jahre in eine Ess-Störung, dann in die Anorexie getrieben. Keiner wusste davon, selbst das Mädchen nicht. Sie hieß Anne und war Kais erste und einzige Freundin. Arm in Arm saßen sie neben anderen vor einem lodernden Lagerfeuer. Rogge war ebenfalls dabei. „Hey Anne!“ Der Rotschopf pirschte zu ihnen vor. „Kennst du eigentlich den?“ Er warf ihr ein Foto zu. Anne fing es auf und betrachtete es eingehend.

„Nee, du. So einen kenn ich nicht!“ Sie lachte.

„Das war vor fünf Jahren. Man nannte ihn Nilpferd!“ Kai ballte seine Rechte zur Faust. „Glaub’s oder nicht, aber das Nilpferd sitzt direkt neben dir!“ Anne blickte Kai ungläubig an und rannte schreiend los - zu Rogge. Er umklammerte sie festen Griffes, dann schlug er unvermittelt zu. Sie sackte lautlos zusammen. Mit seinen Zähnen begann er sie genüsslich in Stücke zu reißen.

„Anne gehört nun mir, Nilpferd! Mir ganz allein!“, keifte er kauend. Sie waren nun allein.

„Ich bringe dich um, Rogge! Lass sie in Frieden oder bei Gott ich schwöre, ich bringe dich um!“, schrie Kai von jähem Zorn gepackt. Doch er war hilflos. Schlussendlich hatte Rogge seine Beute vollständig verspeist.



Kai schreckte luftringend aus dem Schlaf. „Scheiße!“, fluchte er. Kalter Schweiß benetzte seine Stirn. „Dieser Albtraum muss endlich ein Ende finden!“ Kai starrte ins Leere. Und wie sollen wir das anstellen?, fragte ihn ein monströser Fettklumpen aus der Dunkelheit. „Ganz einfach! Ein Problem muss man an seiner Wurzel packen!“, antwortete Kai. Ein maliziöses Funkeln umspielte seine blutunterlaufenen Augen. Er hatte einen Plan.





29. August



Es war Sonntagnachmittag. Kai klopfte an der Tür und trat ein. Die Wohnung war klein und muffig, voll gestopft mit indischem Kitsch. Ein Mann mit langen, roten Haaren kam ihm entgegen. Er wirkte wie ein aus der Zeit geworfener Hippie.

„Meine Güte Kai, bist du das wirklich?“ Der Hippie musterte seinen Besucher von oben bis unten. „Hab` dich auch anders in Erinnerung.“, erwiderte Kai stoisch. Tatsächlich sah Rogge seltsam harmlos aus. Die angedachten Reißzähne gab es nicht – die schlimmen Wunden hatte er ihm aber dennoch gerissen.

„Wo kann ich das abstellen?“ Kai hielt eine Pizza und eine Flasche Rotwein in den Händen.

„Ach ja, komm nur herein!“ Rogge dirigierte ihn ins Wohnzimmer. Dort räumte er den Sofa-Tisch frei. „Stell’s dahin!“ Kai tat es und nahm sogleich auf einem zerschlissenen Sessel Platz.

„Du wolltest reden?“

„Sicher“, antwortete Kai gelassen. „Willst du ein Stück?“ Er deutete auf die Pizza. „Klar, Futter ist mir immer willkommen. Also, was machst du so?“, erkundigte sich Rogge.

„Darum bin ich nicht hier!“, kam es barsch zurück. Der Hippie spülte die Pizza mit einem Schluck Wein herunter. „Wieso dann?“, fragte er skeptisch.

„Ich wollte über alte Zeiten reden!“

„Herrgott, Kai! Wir sind erwachsen. Lass es! Wie alt bist du jetzt, hm?“

„Fünfundzwanzig“

„Aha. Weißt du, was man darüber sagt? In diesem Alter soll die Potenz des Mannes am höchsten sein. Wirklich wahr!“

„Erinnerst du dich an Anne?“

„An wen? Glaub’ nicht.“

„Mein Gott, du weißt es noch nicht einmal mehr? Sie war meine Freundin, Rogge! Du hattest sie mir damals am Grillabend ausgespannt!“

„Weiß nicht, kann sein. Passiert …“

„Passiert? Mann, ich hatte solche Komplexe. Zwei Jahre danach wog ich noch ganze achtunddreißig Kilo! Du hattest mich fast auf dem Gewissen, du Dreckssack!“ Kai packte mit den Erinnerungen die Wut damaliger Zeiten.

„Bist du irre? So läuft das hier nicht, Kai. Du kannst nicht zig Jahre später auftauchen und so einen Scheiß behaupten!“, zürnte Rogge. „Los raus! Raus aus meiner Wohnung oder soll ich dir erst Beine machen?“ Plötzlich ergriff er einen Baseballschläger. Kai stand alarmiert auf, doch da traf ihn der Knüppel schon am Knie. Schmerzverzerrten Gesichtes sank er zu Boden. In einer hilflosen Geste hob er seine Hand. „Erinnerst du dich an meinen Schwur an jenem Abend?“

„Ich will nichts mehr davon hören, verdammt!“

„Damals schwor ich bei Gott, dich umzubringen!“ Erneut sauste der Schläger hernieder und traf Kai in die Magengegend. Alle Luft wich aus seinen Lungen.

„Hey! Du bist nicht in der Situation, mich zu bedrohen, Flachschippe! Hau endlich ab, bevor ich deine Rübe einschlage!“ Rogge war rot angelaufen. Er schwitzte erregt.

„Du bist immer noch so ein Bastard wie damals, Rogge! Aber du wirst für alles, was du mir je angetan hast, bezahlen, das glaube mir! Lass mich dich aber noch eines fragen …“

„Frag besser schnell!“ Rogge öffnete sich den obersten Hemdknopf. Er atmete schwer.

„Weißt du, woher das Sich-Zuprosten kommt?“

„Soll das ein Scherz sein?“, krächzte er.

„Im Mittelalter stieß man bei Verhandlungen seinen Humpen absichtlich fest an den vom Gegenüber. Es sollte dabei etwas Trank in das Behältnis des Anderen schwappen. So stellte man sicher, dass man vom Vertragspartner nicht vergiftet worden war.“

„Und weiter??“ Rogge jappte nach Luft.

„Nichts weiter. Aber dieses Vorgehen hätte dir heute womöglich dein Leben retten können, Rotschopf. Schuldig im Sinne der Anklage!“ Ungläubig starrte ihn Rogge an, doch kein Laut vermochte noch artikuliert über seine Lippen zu kommen. Würgend sank er in die Knie.

„Du … du …“ Die Augen quollen hervor, dann kippte er vornüber.

„Zum Tode gerichtet!“

Der Baseballschläger fiel klirrend auf den dreckigen Boden.



So, die Ursache wäre behoben!, sagte das Nilpferd. Was machen wir nun? Kai fixierte Rogges Leichnam und übergab sich unerwartet. „Ich denke, der Albtraum ist noch nicht vorüber.“, sprach er mit heiserer Stimme, während er sich den Mund wischte. Er schaute sein junges, dickes Ich brandmarkend an. „Schließlich war noch eine weitere Partei beteiligt …“, murmelte er absent … Dann übergab er sich erneut.

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