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April 2006
Gebrochene Flügel
von Sigrid Steiner

Den Kopf leicht gesenkt, mit großen Augen, abwartend. Würde sie wieder zuschlagen, wie immer wenn auch das Vergehen noch so klein und vernachlässigbar war. Bleich im Gesicht, ganz anders als das gerötete Gesicht der Mutter, von Zorn und Wut aufgeheizt. Der Dampf musste abgelassen werden, dringend und der Bub bot dafür die beste Gelegenheit.
Der Unfall, die kaputten Autos, wenn auch nur im Maßstab 1:43, Grund genug dafür den Teppichklopfer aus der Speis zu holen und auf den wehrlosen Buben einzuschlagen, der nicht einmal mehr Tränen hat. Ein tiefer Seufzer der Befriedigung und der Pracker verschwindet wieder in der Speis. Zucht und Ordnung musste sein, dafür lebte sie schließlich und würde es der Fratz im Guten nicht erkennen, werde sie es ihm eben immer wieder aufs Neue "einbläuen". Sie und nicht der Vater führte das Regiment. Er war ein Guter, der Vater, aber Kindererziehung, das war ausschließlich ihre Sache. Der Vater, ein Gärtner, tat sich an seinen Pflanzen und Sträuchern gütlich. Ging es aber um die Vermittlung geistigen Gutes, so schien er gut verwendbar, der Vater, da war man selbst etwas minderbemittelt und wenn der Begriff überhaupt bekannt, so auch ein wenig dankbar, dass man ihn dafür benutzen konnte, den Vater. Die Rollen stets gut verteilt. Jeder sollte in die Erziehung des Buben einbringen was er am besten beherrschte. Und die Mutter war nun einmal Meister im Umgang mit ihren eigens dazu auserwählten Folterwerkzeugen. Obwohl manchmal, wenn nicht sofort ein Instrument zur Verfügung, erfüllten auch die kräftigen Hände ihren Zweck. Meist aber hatte sie sich in der Gewalt und konnte ihre Wut solange beherrschen ehe sie Geeignetes fand. Ihre Berufung? Ein Überbleibs`l aus ihrer eigenen Kindheit? Hart war sie schon auch, die eigene Zeit des Heranwachsens. Mit den Eltern stets nur in der dritten Person kommunizierend schafft unvermeidbare Distanz. Herzlichkeit oder gar Zuwendung? Nie gelebte Erfahrungen. Hoch die Ansprüche an das heranwachsende Mädel. Schuften von früh bis spät. Erst im elterlichen Betrieb, später dann die Pflege der entfernten Verwandten. Zum Lohn das Häuschen in der Weidengasse, immerhin eine der besseren Wohngegenden. Man legte ja schließlich Wert auf gesellschaftlichen Status. Das es ansonsten nicht so weit her war mit materiellen Gütern, wenn auch stets angestrebt, von der Mutter, nun, das musste ja nicht unbedingt nach außen getragen werden. Man konnte doch so tun als ob. Sparen konnte sie ja die Mutter, da machte ihr niemand etwas vor. Aus eins mach zwei. Das bekam auch der Bub immer wieder zu spüren. Selbstgestrickte Anzüge begleiteten ihn während der gesamten Grundschulzeit. Die Bettwäsche, der Stoff schon ausgeblichen, dünn und durchgescheuert, wurde immer wieder ausgebessert und als der Bub endlich erwachsen und ausgezogen, erhielt er diese noch als Mitgabe für die eigene Wohnung. Freilich, das neue Deckenmaß passte nicht ganz, aber flexibel wie die Mutter nun einmal war, wurde angestückelt. Wäre doch ewig schade um das gute Stück. Selbst ein angesehenes Mitglied im Kirchenchor stand es natürlich außer Frage, dass auch der Bub seine musikalischen Fähigkeiten unter Beweis stellen musste. Geige, erschien der Mutter als Instrument erlernenswert. Fünf lange Jahre quälte sich der Bub damit ab, wagte nicht seine Abscheu kund zu tun. Nur dem Vater hatte er es ganz leise einmal anvertraut, dass es ihm so gar keine Freude machte. Er wusste beim Vater war sein Geheimnis gut aufgehoben. Überhaupt hatte der Vater einen beruhigenden wenn nicht schon fast tröstenden Einfluss auf den Buben. Eine Krankheit die bereits 3 Wochen andauerte, veranlasste die Musiklehrerin bei seiner Mutter anzurufen. Was er denn habe der arme Bub, dass er schon seit 3 Wochen krank danieder lag? Das ganze Sortiment der Folterinstrumente musste herhalten. Der Kochlöffel, der tat am meisten weh. Immerhin, mit Geige war von da an Schluss.
Aber ein Pfadfinder, der war er von Herzen gern. In den Sommerferien ins Lager, das war Erholung pur. Da misshandelte ihn tagelang niemand und so anpassungsfähig und ehrgeizig wie der Bub war, wurde er von den Ältesten stets ganz besonders gelobt. Nie stellte er Ansprüche, hielt sich stets zurück, immer bemüht nicht aufzufallen.
Und später dann, den vier Wänden des Elternhauses entflohen, hofft er auf ein bisschen Anerkennung. Tut auch etwas dafür. Seelenarbeit nennen es die einen, Schriftstellerei die anderen. Das Produkt ist zweifelsfrei gut, die Vermarktung aber eine andere Geschichte, denn die erfordert etwas dass der nun erwachsene Bub nicht zu bieten hat. Durchsetzungsvermögen. Die Ellenbogen einzusetzen käme ihm nie in den Sinn, dann schon lieber auf die Lorbeeren verzichten. Die erste Freundin, zu anhänglich, möchte schon bald bei ihm einziehen. Seinen gerade erst gewonnenen Freiraum, den aber will er vorerst nicht so schnell wieder hergeben.

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