Ganz schön bissig ...
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April 2006
14 Suppenhühner und Vrenelis Tod
von Walter Vogelpohl

Mit fünf Jahren bekomme ich erstmals ein Amt zugewiesen.
Ich werde Oberaufseher über eine kleine Hühnertruppe, die in einem Freigehege vor Großvaters Werkstatt ein karges Dasein fristet.
Ich schließe schnell Freundschaft mit dem Huhn Vreneli, Warum es gerade das Vreneli ist, wer weiß es..
Jedenfalls verdanke ich dem Vreneli ein gewisses Maß an Zuwendung, das mir meine Umwelt so nicht geben kann. Es legt seinen Hühnerkopf abwägend nach links und rechts und krächzt dabei verhalten, wenn ich ihm seine Vorzugsration gebe: steinharte Brotbröckchen und allerhand aus unserem spärlichen Lebensmittelabfall. Wir schreiben das Jahr 1948 ! Abfall gab es eigentlich gar nicht, damals in den schlimmen Zeiten nach dem Krieg. Aber die Tiere mussten schließlich irgendwie zur Schlachtreife

gebracht werden.

Das Vreneli verdankt mir wiederum eine gewisse Überlebensgarantie.

Das armselige Hühnerhäuflein um Vreneli herum schmolz dahin. Es ist ein Schnitter, heißt der Tod...

Der Schnitter hieß Herr Seidel, er war bewaffnet mit einem Beil und einem Eimer für die Reste.

Herr Seidel arbeitet sich an das Vreneli heran, die Köpfe der übrigen rollen. Er sieht, dass der Fünfjährige die Tränen herunterschlucken muss, wenn er sein Tier füttert. Aber er sagt auch, dass man sich daran gewöhnen muss, Blut zu sehen und auch Blut zu vergießen. Er sei schließlich Soldat gewesen.

Und auch ich würde einmal – hoffentlich – Soldat sein. Das würde allen gut tun, heutzutage. Und er mustert mich mit einer Mischung aus Wissen und Verachtung.

Er meint, ich müsse hart werden. Ich sei ein Weichling.

Ich erzähle das dem Vreneli, meinem Vreneli.

Ich bin später dabei, als Herr Seidel das flatternde Tier auf den Holzblock legt. Mit einem präzisen Todeshieb hackt er den Hühnerkopf vom Rumpf.

Dann wirft er den Rumpf in die Luft. Der steigt in schiefen Kreisen in die Höhe, taumelt zu Boden, wirft sich nochmals in die Luft. Schließlich zuckt er nochmals vor meinen Füßen.

Herr Seidel meint immer noch, ich sei ein Weichei. Aber schließlich würde ich eine gute Hühnersuppe auch ganz gern mögen.

Ich habe die Suppe nicht gegessen.



Aber ein Jahr später habe ich mein erstes Huhn geschlachtet.

Ich habe seinen Kopf mit dem Beil abgehackt und den toten Rumpf in die Luft geworfen.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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