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April 2006
Sarah
von Sebastian Herz

Wenn ich an meine Kindheit denke, fällt mir vor allem eins ein: Sarah.

Sarah war meine beste Freundin. Wir waren unzertrennlich, gingen in den gleichen Kindergarten und später auf die gleiche Grundschule, verbrachten nach Schulschluss und den Hausaufgaben den ganzen Tag miteinander. Im Prinzip waren wir prädestiniert für die großen Liebesgeschichten dieser Welt. Romeo und Julia waren nichts im Vergleich zu Sebastian und Sarah. Und doch scheiterten wir. Nicht an unseren Familien, sondern an der Türkei.

Naja, natürlich nicht an dem Land. Das ist metaphorisch gemeint. Wir scheiterten an dem Urlaub, den unsere Familien dort gemeinsam verbrachten. Noch nicht mal das. Die Türkei war nur der Siedepunkt der unterschwelligen Probleme. Aber ich greife vor. Am Besten fange ich von Vorne an.

Okay, ich weiß nicht wirklich, wo unsere Geschichte anfing. Wir waren Nachbarskinder, die einzigen in unserem Alter. Wir saßen also schon zusammen im Sandkasten. Ganz ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob wir Förmchen ausgetauscht und Sandkuchen gebacken haben. Während sich unsere Mütter unterhielten, waren wir vermutlich damit beschäftigt, nicht in die Windeln zu machen. Und auch wenn ich mich nicht daran erinnern kann, denke ich heute, dass dies die beste Zeit unserer Bekanntschaft war. Da hatten wir zumindest noch die gleichen Gedanken und Sorgen. Da war Sarah noch ein nettes Kind. Da war die Pubertät noch weit entfernt.

Meine erste bewusste Erinnerung an Sarah geht zurück auf die Zeit, als wir noch in den Kindergarten gingen. Wir waren vier oder fünf Jahre alt, fühlten uns aber wesentlich älter, erwachsen und reif. Mittlerweile durften wir auch schon alleine auf den Spielplatz gehen. Er lag sowieso in Sichtweite von dem Haus, in dem meine Familie damals wohnte, und ein kurzer Blick aus dem Fenster genügte, um die Aufsichtspflicht zu gewährleisten. Dennoch gelang es uns in diesen Tagen auszubüxen – und zwar den ganzen gefährlichen Weg in die Stadt und zurück. Gut, Bergisch Gladbach ist keine Großstadt, aber für uns war es das erste große Abenteuer. Ohne Eltern, nur wir kleinen Hosenscheißer, von den Anderen dumm angestarrt. Von einigen der alten Leute bekamen wir ein paar Pfennige geschenkt, wenn wir unsere Engelsmienen aufsetzten und ganz lieb fragten, so dass wir uns ein paar Süßigkeiten kaufen konnten. So fühlte sich Freiheit an. So ließ es sich leben. Wir bekamen Beide für eine Woche Hausarrest. Doch fortan waren wir unter den Kindern unserer Nachbarschaft König und Königin. Und das blieben wir bis zum bitteren Ende.

Unsere Herrschaft war prächtig. Betraten wir den Spielplatz, zollten uns die anderen Kinder Respekt. Wir bestimmten, wer unserer Bekanntschaft würdig war, und wer in Ungnade stand. In der Grundschule führten wir unsere Klassen zu den gemeinsamen Völkerballduellen an, natürlich als König. Außerhalb der Schule bestimmten wir, was gespielte wurde. Wir waren die unantastbaren Helden unserer Zeit. Ganze elf Jahre lang.

Und Huckepack zu Viert auf den Boden knallend, brachte uns erhebliche Kopfschmerzen ein. Wilde Beeren zu essen brachte uns einen Arztbesuch und Hausarrest ein. Und einem Mädchen Sand und Blätter in den Mund zu stopfen, brachte uns eine neue Freundin ein. Meine Eltern über meinen Aufenthaltsort zu belügen, brachte uns eine Woche Hausarrest ein. Und selbst gepflückte Blumen an die Nachbarn zu verteilen, brachte uns eine Menge Süßigkeiten ein. Schnittlauch aus den Gärten der Anwohner zu stehlen, brachte uns ganz schön außer Puste. Und die BRAVO brachte uns Sexualkunde bei. Kleine Dispute brachten uns dazu, mehrere Tage nicht mehr miteinander zu reden, nur um dann alles zu vergessen und wieder gemeinsam zu lachen. Und eine verlorene Brosche meiner Mitschülerin, brachte Sarah dazu, diese zu finden und behalten zu wollen, mich dazu, Sarah bei der Lehrerin zu verpetzen, und uns den ersten größeren Streit ein.

Und fortan ging es eigentlich nur noch darum, wer von uns den stärkeren Willen hatte und diesen auch durchsetzen konnte. Fortan waren wir Gegner unter dem Mantel der Freundschaft. Die Streitereien häuften sich. Der König und die Königin belagerten sich, nur um den Anderen wegen des kleinsten Fehler nieder zu machen, nur um die geringste Schwäche des Anderen für sich auszunutzen. Wir waren zu stolz, um bei diesem Spiel zu verlieren. Keiner von uns wollte den Kürzeren ziehen. So blieben wir befreundet, so begannen wir die Eltern des Anderen zu duzen, so beschlossen unsere Familien einen gemeinsamen Urlaub, so steuerten wir unaufhaltsam auf den Abgrund zu.

Die Türkei war ein schönes Land. Ich war vom ersten Moment an begeistert. Das Hotel war klein, aber gepflegt, die Belegschaft freundlich und stets zu Albernheiten aufgelegt, der Weg zum Strand war kurz und das Essen lecker. Einzig Sarah störte. Während ich in den ersten Tagen noch viel Zeit mit ihr verbrachte, ging ich nach und nach auf Distanz. Ich weiß nicht, ob es an den früheren Problemen lag oder ob bei ihr bereits die ersten Hormone zu wirken begannen, doch wurde sie mir gegenüber geradezu gehässig. Sie machte sich über mich lustig, stellte mich als den letzten Idioten hin, erzählte der Belegschaft des Hotels Lügen über mich und beschuldigte mich letztendlich sogar des Diebstahls. Zu dieser Zeit war ich dumm und naiv. Ich ließ alles mit mir geschehen, ertrug die Pein und ihre Dominanz zu Gunsten der Urlaubsstimmung und der Wahrung unserer Freundschaft. Bis zum letzten Urlaubstag, als wir am Flughafen auf unseren Rückflug warteten. Bis Sarah sich erneut über mich lustig machte. Bis mir der Kragen platzte und ich sie eine Hure schimpfte. Ich wusste zu dem Zeitpunkt zwar nicht, was eine Hure war, aber von den Sprüchen, die auf der Rutsche des Spielplatzes gekritzelt standen, wusste ich doch immerhin, dass es ein Schimpfwort war. Ein böses Schimpfwort. Nur seine Ausmaße waren mir nicht bewusst.

Sarah behauptete sofort, dass ich nicht nur sie, sondern auch ihre Mutter beleidigt hätte. Unsere Eltern gerieten in Streit. Ich brach in Tränen aus. Sarah lachte. Der König war gestürzt, das Königreich zerfallen. Seitdem haben wir nie wieder ein Wort miteinander geredet.

Wir gingen auf getrennte Gymnasien und traf ich sie auf der Strasse, ignorierte ich sie, während sie mir Beleidigungen hinterher rief. Das Letzte, was ich von ihr hörte, war, dass sie Autoreifen aufschlitzte, sich mit anderen Mädchen auf Partys schlug und mehrfach von der Polizei wegen Ladendiebstahls verhaftet wurde.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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