Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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April 2006
Nichts mehr fühlen ...
von Barbara Peters

Um siebzehn Uhr hatten die meisten Feierabend. Durch den Novemberregen strömten die Menschen nach Hause. Wie eine nasse, graue Masse, so quollen sie durch die Hauptstraße und überfluteten die Bürgersteige.



Mit gesenktem Kopf bahnte der Junge sich seinen Weg. Er hob kaum den Blick. Er wollte nichts sehen, wollte nichts hören. Seine Gedanken eilten ihm voraus, nicht freudig, sondern tastend, ängstlich forschend.



Wie würde er sie vorfinden? – Es gab Tage, seltene Tage, da hatte sie Abendbrot für ihn vorbereitet ..., Leberwurstbrot ..., heißen Tee ...



Er fühlte einen Kloß in seinem Hals aufsteigen. Die Augen brannten. Nur nicht denken! Nicht daran denken! Gleichmäßig setzte er Fuß vor Fuß, bestrebt, sich von den rhythmischen Schritten betäuben zu lassen.



Als er das schäbige Mietshaus erreichte, war er völlig durchnässt. Er trug nur einen wollenen Pullover, die gelbe Regenjacke war ihm zu klein geworden und sie hatten kein Geld, um eine neue zu kaufen.



Er wischte sich das Wasser – Regenwasser? – aus den Augen und stieß die Haustüre auf. Ein muffiger Dunst nach abgestandenem Essen und Biomüll waberte ihm aus dem dunklen Hausflur entgegen.



Langsam stieg er die Treppe empor. Das Licht, das schwach unter der Wohnungstür hindurch schimmerte, war ein kleiner, heller Hoffnungsstreifen.



Sie war zu Hause. Natürlich. Wo sollte sie auch sonst sein?



Er holte den Schlüssel, den er an einem grauen Band um den Hals trug, unter seinem Hemd hervor und schloss auf.

„Mama?“, fragte er leise. Alles sah aus wie immer. Ihr Mantel hing an der Garderobe, die Tür zu ihrem Zimmer war nur angelehnt ...



Er zog den nassen Pullover und seine Schuhe aus und trug die Sachen ins Badezimmer, um sie dort zu trocknen. Im Bad roch es nach Erbrochenem. Er sah sich um. Sie hatte versucht, die Schweinerei zu beseitigen, hatte aber die meisten Spritzer an den Kacheln übersehen. – Er würde das später erledigen.



Er schluckte mühsam. Sein Hals war wie zugeschnürt. – Heute würde es kein Abendbrot für ihn geben.



Zögernd verließ er das Bad und ging durch den Flur auf ihre Zimmertüre zu. Er hörte das Klirren der Flasche. Behutsam öffnete er die Tür vollständig und trat ein.



Sie hing in ihrem Sessel, den glasigen Blick auf den tonlos flackernden Fernseher gerichtet. Als er eintrat, wandte sie ihm mühsam den Kopf zu. Das Lächeln, das sie versuchte, entstellte ihre Züge.



„Hi, Schatz!“, lallte sie und nahm einen kräftigen Schluck. Ein Blick auf die Flasche sagte ihm, dass es diesmal ziemlich schlimm war. Kein Bier, kein Wein, sondern dieses Zeug, das wie Wasser aussah, aber so schrecklich in der Kehle brannte. – Er wusste es, er hatte davon gekostet.



„Prost, Kleiner!“, rülpste sie. Dann erlosch ihre Aufmerksamkeit und die Augen fielen ihr zu.



In ihm war es kalt wie Eis. Nur sein Motor, diese kleine, unermüdliche Maschine, die ihn Tag für Tag in Gang hielt – sein Motor arbeitete wie immer. Er schaltete den Fernseher aus, nahm ihr die Flasche aus der schlaffen Hand und stellte sie auf den Tisch. Dann holte er die alte karierte Wolldecke und deckte die Frau in dem Sessel nicht ohne Liebe zu. Er wusste aus Erfahrung, dass es ihm nicht gelingen würde, sie ins Bett zu bringen. Er war viel zu schwach.



Er wandte sich ab, verließ leise das Zimmer und schloss die Tür.



Später, als er das Erbrochene im Bad aufgewischt hatte und zitternd in seinem Bett unter der Decke lag, begann er seinen Kopf rhythmisch von rechts nach links zu bewegen. Langsam steigerte er das Tempo und wartete auf die Wirkung. Als das Rauschen in den Ohren stärker wurde und vor seinen Augen wieder die flackernden Funken tanzten, wusste er, dass er das Denken, die Gedanken besiegt hatte.



Er war stolz. Er hatte viel gelernt. Er hatte gelernt, mit niemandem über den Schrecken zu sprechen. Er hatte gelernt, nicht zu weinen. Er hatte gelernt, das Denken zu besiegen ...



Nun blieb ihm nur noch eines: Er musste lernen, nichts mehr zu fühlen ...

Letzte Aktualisierung: 29.06.2006 - 20.09 Uhr
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