Ganz schön bissig ...
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Mai 2006
Wiedersehen in Walhalla
von Monique Lhoir

Sirenen ertönen. Laut, durchdringend in ihrem Auf und Ab, zerren sie an den Nerven. Sören schreckt hoch, findet sich in der Dunkelheit nicht zurecht, weiß nicht, wo er sich befindet. Er presst die Hände auf die Ohren, doch es nutzt nichts – der schrille Ton bleibt – wird lauter, anschließend leiser, um wieder anzusteigen.

Er springt aus seiner Koje, stößt sich den Kopf am oberen Bettgestell und knickt mit dem linken Fuß schmerzhaft um. ‚Feueralarm!’, schießt es ihm durch den Kopf. Er betätigt den Lichtschalter. Nichts. Stromausfall. Eine Übung mitten in der Nacht? Nach zwölf Stunden harter Arbeit. Wer, zum Teufel, hat sich das einfallen lassen? Verdammt, die spinnen!

Mechanisch greift er nach seiner Hose, zieht sie an, ohne sie zu schließen und reißt die Schwimmweste vom Haken. Er hat es hundert Mal geübt. Wenn man auf einer Bohrinsel arbeitet, gehört es zum normalen Sicherheitstraining.

Sören reißt die Tür zum Gang auf. Der Flur ist ebenfalls dunkel, nur die roten Alarmlichter blinken, die Sirene wird lauter und durchdringender, als wenn sie zur Eile antreiben wollte.

Niemand ist zu sehen. Müsste der Gang nicht voll sein von Fliehenden? Er hört nur seinen eigenen Atem zwischen den schrillen Tönen der Sirene. Wo sind die anderen? Er weiß, dass er die Treppe hinunter muss, auf den Hubschrauberlandeplatz und damit in Sicherheit.

Die stählernen Wände der Ölplattform sind heiß, die Hitze staut sich im Gang, sodass er kaum atmen kann. Schlagartig wird ihm bewusst, dass dies keine Übung ist. Auf der Bohrinsel im norwegischen Valhall ist Feuer ausgebrochen. Er rast die eiserne Treppe hinunter, hört dabei jeden seiner Schritte blechern widerhallen. Nur noch ein Deck, dann ist er draußen.

Mit den Schultern drückt er die Tür auf. Grelles Licht scheint ihm entgegen, blendet ihn. Das Öl brennt – kein Traum, keine Übung.

„Raus hier!“, schreit ihm jemand entgegen. „Wir müssen hier weg, bevor alles explodiert!“ Verwirrt registriert Sören das hektische Treiben auf der Plattform. „Mann! Bleib nicht wie versteinert stehen. Hilf uns bei den Rettungsbooten!“ Sören spürt schmerzhaft einen Ellenbogen in der Seitengegend. Ungläubig starrt er aufs brodelnde Meer, dann in den bedrohlich bewölkten Himmel und anschließend auf das grelle Feuer, das sich in Windeseile Nahrung sucht. Der Sturm peitscht ihm ins Gesicht. Stimmt, der Wetterbericht hatte Orkanböen angesagt. Die Bohrtürme brennen, nur die angedockte Wohnplattform scheint davon unberührt zu sein.

„Olaf, hast du Helen gesehen?“ Sörens Zimmergenosse entknotet geübt ein Boot.

„Sie wird hier irgendwo sein. Sie kennt die Regeln!“, brüllt er gegen den Wind.

Sören schaut sich gehetzt um. Er kann Helen nicht entdecken. „Was ist mit den Hubschraubern?“

„Sind unterwegs. Aber bei dem Sturm kann es dauern, bis sie hier sind. Pack mit an!“ Olaf blickt kurz auf.

„Ich muss Helen suchen.“ Sören weiß, dass Helen panische Angst vor Feuer hat, seitdem ihre Eltern bei einem Brand in ihrem Holzhaus am Fjord umgekommen waren. Sie hatte es bewusst verschwiegen, als sie die Stelle auf der Plattform annahm, jede Übung brav mitgemacht in der Gewissheit, dass es nur eine Übung war. Sie brauchte den gut bezahlten Job, um ihre jüngeren Geschwister zu ernähren. Er hatte sich in Helen verliebt, mit ihr gescherzt und gelacht, dass sie beide im Valhall, dem Walhall und Wohnsitz der heldenhaften Götter der Wikinger ihr Glück gefunden hatten. Etwas Besseres konnte ihnen gar nicht passieren, es war Schicksal und die Götter waren ihnen wohl gesonnen.

Sören kämpft sich gegen den Sturm zurück zum Wohnkomplex, reißt die Stahltür auf und hastet die Stufen in die zweite Wohnebene hinauf. Der beißende Qualm verbrennt ihm fast die Lunge. Vorsichtig tastet er sich an der Wand entlang bis zur dritten Tür. Hier wohnt Helen.

„Helen!“, schreit er in den dunklen Raum. Er hört ein Wimmern. Gott sei Dank. „Wo bist du?“ Seine Stimme wird sanfter. „Komm, du musst hier raus.“

„Ich kann nicht.“

Langsam gewöhnen sich seine Augen an die Dunkelheit. Sie kauert in einer Ecke des Zimmers. Er beugt sich zu ihr nieder, streichelt ihr über den Kopf. „Es passiert dir nichts“, sagt er und zieht sie zu sich hoch. „Die Rettungsboote werden gerade fertig gemacht und die Hubschrauber sind unterwegs, um uns abzuholen.“

„Ich will nicht.“ Sie sträubt sich.

Sören legt seinen Arm um ihre Schultern und hält sie eisern fest. „Es ist wie bei einer Übung“, sagt er und bemüht sich um einen ruhigen Ton. „Das kennst du doch.“ Er führt sie langsam hinaus, auf den Gang und die Stufen hinunter, wohl drauf bedacht, dass sie die aufgeheizten Wände nicht berührt und womöglich in Panik ausbricht. Vorsichtig drückt er die Tür nach außen auf. Die Hitze der brennenden Fördertürme schlägt ihnen entgegen. Wie versteinert bleibt Helen stehen und starrt in die Flammen. Ihr Mund und die Augen sind weit aufgerissen, doch kein Schrei löst sich aus ihrer Kehle.

„Komm mit!“, schreit Sören gegen das Prasseln des Feuers an. „Zum Landeplatz. Wir werden jeden Moment abgeholt.“

Sie schüttelt den Kopf. Sören sieht, dass sie keine Schwimmweste trägt. Verdammt, er hätte daran denken müssen. Er streift seine ab und legt sie ihr an. Das Knirschen von Stahl ist zu hören. Entsetzt sieht er, dass sich die Plattform mit den Bohrtürmen zur Seite neigt und das Wohnplateau erheblich ins Schwanken gerät.

„Nun komm endlich!“, brüllt er sie an. Sie bewegt sich keinen Schritt vorwärts. Sören schlägt ihr ins Gesicht. „Siehst du“, er zeigt zum Himmel, „die Hubschrauber sind unterwegs, um uns abzuholen.“ Tatsächlich meint er, ein Rotorengeräusch zu hören, aber sicher ist er nicht.

Zaghaft bewegt sich Helen vorwärts, die Augen unentwegt auf die brennenden Fördertürme gerichtet. Die Geräusche des tosenden Meeres vermischen sich mit dem Sturm und dem überlauten Aneinanderreiben von Stahl.

„Sören, wir müssen verschwinden.“ Olaf ist an seiner Seite. „Die Hubschrauber schaffen es nicht rechtzeitig. Die Flammen züngeln bereits bis zum Wohnkomplex. Wir nehmen die Rettungsboote.“ Olaf verschwindet in der Dunkelheit.

Mit einem ohrenbetäubenden Getöse kippt plötzlich die angrenzende Plattform mit den Öltürmen seitlich weg, stellt sich senkrecht und verschwindet im Zeitlupentempo im Meer. Sie zieht das angehängte Wohnplateau schräg zum Wasser. Das Meer beginnt zu brennen.

Sören sieht sich um. „Los! Wir müssen dorthin!“, schreit er Helen an, greift an ein Stahlgeländer, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

„Ich kann nicht.“

„Natürlich kannst du. Oder willst du hier verrecken?“ Er gerät in Panik. Versucht, sich mit einer Hand an einem Pfeiler festzuhalten, mit der anderen Hand Helen nicht loszulassen. Er spürte, wie seine Muskeln zu schmerzen beginnen, wie seine Arme von der schneidenden Kälte taub werden und wie seine Kräfte allmählich erlahmen.

„Helen, bitte“, wimmert er. „Gib mir deine Hand. Komm mit mir. Es ist unsere letzte Chance. Ich ... ich liebe dich.“

Langsam wendet sie ihm das Gesicht zu. Ihr Ausdruck ist verklärt, von der brennenden Nordsee auf eine eigentümliche Art erhellt. Sie lächelt, ein undefinierbares Lächeln, das sich Sören nicht erklären kann. Das Plateau neigt sich krächzend um weitere Grade seitwärts. Sörens Kräfte versagen. Er verliert den sicheren Halt des Pfeilers, nur noch ihre Hand hält ihn fest. Er spürt, wie seine Finger sich langsam aus den ihren lösen und weggleiten. Anschließend rutscht er die Plattform hinunter, über den Rand des Hubschrauberlandesplatzes hinweg in die tosenden Wellen der Nordsee.

Als er nach Luft schnappend auftaucht, sieht er, dass sich das schwimmende Wohnplateau in ein Feuermeer verwandelt hat. Kurz erkennt er Helen, den Pfeiler mit beiden Armen umfassend, dann schwinden seine Kräfte im eisigen Wasser. Es wird dunkel um ihn herum.



* * *



Sören schreckt schweißgebadet hoch. Eine Krankenschwester sitzt an seinem Bett. „Ich gebe Ihnen eine Beruhigungsspritze“, sagt sie mitfühlend und wischt ihm mit einem feuchten Tuch die Stirn ab. Bevor er Einwände erheben kann, spürt er eine wohltuende, gleichgültige Wärme durch seinen Körper rieseln.

Als sie leise aus dem Zimmer verschwunden ist, starrt Sören die sterilen Wände an. Diese unerträglichen Träume – Tag und Nacht – jedes Mal, wenn er seine Augen schließt. Helen auf der brennenden Bohrinsel, ihre Hand, die ihm entgleitet. Er hatte versagt, sie nicht festgehalten. Er hätte sie retten können, wenn er nur stark genug gewesen wäre. Warum sie und nicht er? Warum nicht sie beide? Er liebte sie doch! Tränen laufen ihm die Wangen hinunter und tropfen auf das Kopfkissen.

An der Zimmerdecke zeichnet sich ein Bild ab. Helen im Kreis von sechs Walmädchen. Bekleidet mit Helm und Schild reitet sie auf einem Wolkenross durch die Lüfte übers tobende Meer. Sie ist von solch leuchtender Schönheit, dass Sören geblendet die Augen schließt. Er weiß, Odin hat die Walküren geschickt, um Männer auszuwählen, die siegreich im Kampf dem Tode erliegen sollen. Er hat nicht genug gekämpft, er hat versagt und sie nicht verdient.

Doch Helen hält inne, lächelt ihn an und streckt ihre Hand aus. „Komm mit mir“, meint Sören zu hören. Als er die Augen öffnet, sind sie und die anderen Mädchen verschwunden, zurück nach Walhall, um Odin über ihre Erfolge zu berichten.

Sören richtet sich auf. „Bleib hier!“, schreit er gegen die Decke, dann sinkt er erschöpft zurück. Die Schwester ist sofort an seinem Bett, zieht die nächste Spritze auf. Ihre Züge vermischen sich mit denen von Helens.

Doch dann sieht er es, Walhall, Odins Saal, den prächtigen, glänzenden Hof, die Walküren, die Wölfe Geri und Freki, die vor den Füßen des Gottes wachen.

Rasch tritt er durch das Totentor. Der Ase Bragi, Kämpfer und Gott der Dichtkunst, reicht ihm im Namen Odins den Willkommenstrunk.

Sören hat es geschafft. Nun ist er Einherjer, ein siegreicher Kämpfer des nordischen Gottes Odin. Und er ist bei Helen in Walhall, die ihm mit einem Weinpokal begrüßend entgegeneilt.

Odin ist kein Barbar. Er erliegt den fühlenden Herzen und wird ihn mit Helen auf ewig vereinen.

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