'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Mai 2006
Freiheit
von Renate Hupfeld

(Begegnung zwischen Malwida von Meysenbug und Theodor Althaus in Detmold, Pfingsten 1846)



Malwida stand am Fenster und wartete auf Theodor. Gemeinsam wollten sie an diesem Pfingsttage zum fast fertig gestellten Sockel des Hermannsdenkmals wandern. Wie lange hatte sie ihn nicht gesehen! Dabei wohnte er nur wenige hundert Meter entfernt, im Pfarrhaus an der Detmolder Marktkirche. Vorbei waren die Zeiten, als die Mutter ihn das Ideal eines jungen Mannes genannt hatte, voll des Lobes gewesen war für seine guten Manieren und seinen glänzenden Abschluss des Theologiestudiums. Seit seinem kritischen Artikel zum Jubeltag des Fürsten im Sonntagsblatt der Weserzeitung galt er als Enfant terrible der Detmolder Gesellschaft. Ohne sich und andere zu schonen, sagte und schrieb er frei seine Meinung zu Angelegenheiten der Religion, der Politik und neuerdings auch der beschaulichen lippischen Residenz. Vor allem den Kreisen, in denen ihre Familie verkehrte, verachtete man ihn, ja hasste ihn sogar.

Als sie ihn die Leopoldstraße hinauf kommen sah, lief sie die Treppe hinunter, öffnete die schwere Eichentür des Eingangsportals so leise wie möglich und verließ das Haus.

Schweigend gingen sie stadtauswärts durch Wiesen und Kornfelder, dann zwischen jungen Birken und Kiefern, bis sie den Pfad im Wald erreichten, der hinauf führte zum Denkmal auf der Grotenburg. Angenehm zu wandern war es hier im Schatten zwischen den schlanken Buchenstämmen und dem Grün der frischen Blätter. Als sich ihre Hände wie zufällig berührten und seine Finger sanft die ihren umschlossen, zog ein Schauer durch ihren Körper. Lass es nie zu Ende gehen, betete sie, lass es sein wie am Anfang, als er sie in seinen Armen gehalten und sie sich an ihn geschmiegt hatte. Einmal seine Lippen küssen, komm näher, mein Geliebter… Aber nein, er war ja doch noch so jung, viel zu jung.

„Ist Ihre Frau Mutter wohlauf?“, platzte er in ihre Gedanken. Die Mutter. Noch kein Jahr war vergangen, seit sie ihn zum Lesekreis in ihren Salon eingeladen hatte, jeden Montag.

„Ach, Theodor“, seufzte sie. „Mutter sorgt sich sehr um den Vater. Er zieht immer noch mit dem alten Kurfürsten durch die hessischen Lande und kommt nirgendwo zur Ruhe. Dabei ist er doch auch nicht mehr der Jüngste. Die Eltern sehnen die Kasseler Jahre zurück.“

„Besser wird es nicht mehr, Malwida.“

Wie sanft seine Stimme klang. Sie sah zu ihm hoch. Nein, sie konnte nicht von ihm lassen. Die blauen Augen und das klare Profil. Nicht nur deshalb liebte sie ihn. Er war ein besonderer Mann. Mit ihm konnte sie über alles reden, was sie bewegte. Das waren andere Themen, als Küche und Stickmuster. Stundenlang hatten sie sich über Goethes Faust unterhalten. Sie waren so sehr einer Meinung, dass sie manchmal nicht wussten, ob ein Gedanke von ihm oder von ihr stammte. Diese Gespräche vermisste sie.

„Wie sich doch auch für uns die Zeiten verändert haben, lieber Freund.“

„Die Luft ist kalt geworden“, antwortete er kurz.

„Stimmt“, sagte sie. „Und seitdem man Sie aus dem Leseverein ausgeschlossen hat, ist es noch frostiger um uns herum.“

Er lachte bitter.

„Hach, da sehen Sie doch die Heuchelei. Für jedermann sollte es sein, Lesezimmer im Rathaus. So steht es in den Statuten.“

„Recht hatten Sie mit Ihrem Artikel“, sagte sie. „Das große Volksfest hatte diesen Namen nie und nimmer verdient. Das Volk war da nur Staffage. So viel Geld für ein Feuerwerk. Wie vielen Armen hätte man damit helfen können? Sie haben nur die Wahrheit geschrieben, frank und frei.“

„Was sagen Ihr Bruder und Ihr Schwager dazu, Fräulein von Meysenbug?“, sagte er spitz. „Sind die doch in herausragender Stellung am Hofe. Wissen sie überhaupt, was Freiheit heißt?“

Ja, das schmerzte dauernd, wie ein Stachel im Fleisch. Fürchterlich aufgebracht gegen Theodor Althaus waren sie, machten ihr Szenen und nannten ihn einen durch und durch unmoralischen Menschern. Selbst ihre Schwester hatte sich gegen sie gestellt. Wie kannst du dich so herablassen? Hast du das kleine „von“ in unserem Namen vergessen? Doch am schlimmsten waren die Vorwürfe der Mutter. Wie kannst du uns das antun?

„Diese Kluft, Theodor, von der Sie geschrieben haben, zwischen denen, die in der Reitbahn stundenlang tafeln und denen, die ihr karges Mittagessen in einem Topfe kochen, die hat sich auch zwischen uns aufgetan.“

„Sie sind Aristokratin. Könnten Sie doch in Adelskreisen eine gute Partie abgeben.“

„Theodor“, rief sie zornig.

„Haben Sie nicht immer gerne getanzt im Schloss mit den jungen Prinzen?“, beharrte er.

„Ich wünsche nicht, dass Sie so mit mir reden. Ist nicht schon alles schwierig genug?“

„Schwierigkeiten haben Sie durch mich, liebe Freundin. Werden Sie denn überhaupt noch zu Gesellschaften im fürstlichen Hause eingeladen?“

„Nicht mehr so oft“, musste sie zugeben.

„Sehen Sie?“, fuhr er fort. „Man klatscht über uns beide.“

Sie stellte sich vor Theodor und hielt seine Hände.

„Darüber gräme ich mich überhaupt nicht“, sagte sie lauter als sonst. „Meinen Sie, es macht mir Freude mit Menschen zusammen zu sein, bei denen ich nicht einmal denken darf, wovon ich überzeugt bin? Muss ich denn an Orten sein, wo ich nicht sagen kann, was ich denke? Ich bin nicht mehr das sanfte, nachgiebige Geschöpf.“



Nach einer Biegung führte ein breiter Weg zum Denkmal. Der tempelartige Unterbau aus hellgelbem Sandstein leuchtete unter strahlend blauem Himmel in der Sonne. Auf dem ebenen Rasenplatz fanden sie eine kleine Ansammlung von Bauern und Handwerkern vor, sonntäglich gekleidet. Schiebekarren und Schaufeln waren in einem Schuppen abgestellt, am Feiertag ruhte die Arbeit. Sie stiegen eine schmale Treppe hinauf auf die Plattform und hatten einen herrlichen Blick auf die weite Landschaft des Teutoburger Waldes.

Als sie wieder hinunter kamen, saßen die Menschen immer noch im Gras und erfreuten sich gemeinsam an der friedlichen Stille. Malwida und Theodor wurden hineingezogen in diese andächtige Stimmung und setzten sich dazu.

Aus dem Tal drang der Klang einer Kirchenglocke hinauf, wie um eine Feier einzuläuten. Malwida wandte sich an ihren Freund, der in Gedanken versunken neben ihr saß.

„Sehen Sie die Menschen hier, Theodor“, begann sie.

Er schaute auf.

„Sie haben es verdient, dass in dieser festlichen Stunde jemand zu ihnen spricht.“

„Und wer sollte das tun? Etwa ein Prediger ohne Anstellung?“ Seine Stimme klang bitter.

„Wer könnte das besser, als Sie, mein lieber Freund? Sie haben ihnen doch eine ganze Menge zu sagen.“

Dabei dachte sie an seine Schrift über die Zukunft des Christentums.

„Sie sind ein freier Prediger, für eine freie Versammlung“, fuhr sie fort.

Nach einigem Bedenken legte er seinen schwarzen Hut in das Gras, sodass ihm die dunklen Locken auf die Schultern fielen. Dann stand er auf. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet, als er zu sprechen begann. Er redete von dem Gott, der nicht in Tempeln wohnte, sondern überall unter dem unbegrenzten Himmel, kam auf die Bedeutung dieses Feiertages zu sprechen und schilderte den Geist des Pfingstfestes als den Geist der Freiheit und der Liebe, berufen zum Bau des Reiches Gottes auf der Erde. Dann redete er von einer Welt, in der es genügend Brot für alle gäbe. Zum Schluss sprach er noch einige Worte über das Denkmal und die damit verbundene Verpflichtung zur Einigkeit der ganzen Nation.

Die Menschen saugten seine Predigt auf wie eine Nahrung, nach der sie schon lange verlangten. Dieser junge Mann sprach das aus, was sie dachten und fühlten. Malwida spürte, wie er ihnen mit seinen Worten Hoffnung auf bessere Zeiten gab. Ja, da sah sie wieder ihren Apostel, wie sie ihn bei seiner ersten Predigt in der Marktkirche erlebt hatte.



Auf dem Heimweg war Theodor noch nachdenklicher als vorher. Dabei hätte ihn der ungeteilte Zuspruch der Menschen doch aufmuntern müssen.

„Warum machen Sie es sich so schwer?“ Sie nahm seine Hand.

„Malwida, habe ich den Menschen Hoffnungen gemacht, die nicht erfüllt werden können?“, fragte er. „Ich werde diesen Gedanken nicht los.“

„Sie haben den Menschen sehr viel gegeben, Theodor.“

„Nein, nein, etwas anderes brauchen sie.“

„Haben Sie denn nicht ihre Augen gesehen?“

„Freiheit. Von Freiheit habe ich gesprochen. Gibt es die denn in diesem Land?“

„Sie dürfen die Hoffnung nicht aufgeben. Es braucht Zeit.“

„So lange können wir nicht warten.“

Sollte denn dieser Tag einfach davon fliegen, wie ein schöner Traum?

Unter einer großen Kastanie blieb sie stehen. Hier hatte sie oft gesessen mit ihrem Skizzenbuch, auf die Stadt hinuntergeblickt, gezeichnet und Gedichte geschrieben.

„Sehen Sie doch die herrliche Natur, Theodor. Vögel zwitschern und bauen Nester.“

„Und die Menschen bauen Häuser...“

„Immer wieder tun sie das.“

„Doch ist dort Freiheit? Nein. Rauchende Öfen in niedrigen Stuben. Schreiende Kinder. Allergrößte Not. Keine Chance. Unbarmherzig werden der jugendlichen Kraft die Flügel zerbrochen…“

„Welch düstere Gedanken, Theodor.“

„Freiheit ist wie eine Festung.“

Sie erschrak. Ein Ausdruck von Härte war in seinen Augen. Sein Blick war in die Ferne gerichtet.

„Sie muss erstürmt werden“, sprach er weiter. „Das geht nicht ohne Opfer. Die Gräben sehe ich deutlich vor mir. Mit Leichen sind sie gefüllt.“

So aufgewühlt hatte sie ihn noch nie erlebt.

Sie erreichten das Meysenbugsche Palais.

Nach einer langen Umarmung verabschiedeten sie sich.

Auf dem Treppenabsatz blieb Malwida stehen und schaute ihm nach, wie er mit hängenden Schultern die Straße entlang ging.

Bevor er zum Marktplatz abbog, drehte er sich um und winkte.

Sie ging hinauf in ihr Zimmer und setzte sich an den Schreibtisch. Doch bevor sie mit ihrem Brief an ihn begann, holte sie ein mit blauem Seidenband verschnürtes Päckchen aus der Schublade hervor. Sie fand seine Verse sofort:



Aus meiner Brust in alle Fernen rankten

Sich Wolkenträume auf wie wilde Reben

Die windbewegt an deinem Fenster schwankten

Laß einmal sie durch deine Träume schweben



(Theodor Althaus, Sonett aus dem Cyklus „Zwei Seelen“ in:

Dora Wegele, Theodor Althaus und Malwida von Meysenbug, Zwei Gestalten des Vormärz, Marburg/Lahn 1927, S. 199)

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