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Mai 2006
Bilderbuch der Seele
von Sabine Poethke

Das Tor öffnet sich.

Deborah steht inmitten von tiefschwarz gekleideten Menschen, sieht in düstere, unbekannte Gesichter und lässt sich mit der Masse in die Festhalle treiben. Leise Musik zieht in ihre Ohren. Der tiefe Chorgesang stimmt sie traurig.

‚Singen die für meine Mutter?’ Deborah schüttelt sich. Sie setzt sich auf einen Stuhl in der ersten Reihe. In ihrem Magen beginnt es zu brodeln.

Ihre Augen ruhen wie gebannt und nicht ohne Scheu auf dem Ding, das mitten auf der Bühne steht. Drum herum Blumen, auf dem Marmorboden und in Vasen. Das mulmige Gefühl verstärkt sich von Minute zu Minute. Ihr ist schwindelig; erst heiß, dann kalt.

Die Musik verstummt. Ein Redner stellt sich an das Pult, das sich rechts in der Szenerie abhebt. Während der Mann spricht, kann Debby den Blick nicht von der Urne abwenden.

‚Da stehst du nun im Mittelpunkt. Dein letztes Bild für mich ist ein Gefäß, glänzend wie ein Pokal. Im Leben hätte nicht einmal dein Kopf darin Platz gehabt.’

Das Bild des Kopfes auf dem Sockel wird sichtbar. Fast so schnell, wie sie es gedacht hat. Das grinsende Gesicht ihrer Mutter steckt ihr frech die Zunge heraus. Dann beginnt es zu lachen. Es lacht und lacht und lacht!

„Was zu viel ist, ist zu viel und das ist zu viel!“ Deborah springt schreiend von ihrem Platz auf und will nur weg!

Sie schaut sich panisch um, doch niemand scheint sich für ihren Ausbruch zu interessieren. ‚Was ist nur los?’

Auch wenn das die Beerdigung ihrer Mutter ist, sie muss hier raus. Halb geduckt schleicht sie durch die Reihen. Keiner stört sich daran, dass sie geht. Niemand hört das Lachen, das sie verfolgt. Ein lautes, fieses Lachen.

Deborah versucht nicht hinter sich zu sehen.

‚Nur raus hier! Irgendwo muss die Klinke sein …’ Sie tastet leise das Tor ab, aber eine Klinke findet sie nicht.

„Verdammt!“ Himmel, hat sie das laut oder leise gesagt? Wie auf Kommando drehen sich alle zu ihr um. Debby rennt. Ihre Beine bewegen sich wie von selbst.

Bevor sie richtig weiß, was geschieht, steht sie mitten auf einer blühenden Wiese. Deborah stützt die Hände auf die Knie und keucht.

‚In der Halle hat es keine Farben gegeben!’ Die Erkenntnis trifft sie wie ein Blitz. Während sie versucht sich zu beruhigen, hebt sie den Kopf. Sie muss herausfinden, was hier los ist. ‚Was soll der Mist?’

Ihr Puls wird langsamer. Sie atmet die leichte Luft ein. Die Kornblumen, Gänseblümchen und Mohnblumen wirken ungemein entspannend.

Direkt vor Debby liegt ein Weg. Etwas steinig, aber relativ eben. Sie läuft los, ohne zu wissen warum und wohin.

‚Zum Ziel!’, schießt es ihr in den Sinn.

In der Ferne steht ein gewaltiger Baum. Seine Krone ragt weit in den strahlendblauen Himmel hinein. Unter dem Baum sitzen riesengroße Hasen. Hellblaue!!!

‚Nun reicht es aber! Habe ich gestern zu fett gegessen?’ Debby hält ihre Hände vors Gesicht und lugt vorsichtig durch die Finger. Die hellblauen Riesenhasen tummeln sich immer noch unter dem unglaublich mächtigen Baum.

‚Ich bin nicht verrückt!’ In ihrer Tasche tastet sie nach dem Fotohandy. Ihre Furcht ist nur halb so groß wie ihre Neugier.

„Das ist doch irrwitzig! Das … das … das kann nicht wahr sein!“

Je näher sie dem Baum kommt, umso mächtiger wird er. Aber im Gegenzug dazu werden die Hasen kleiner! Die Gesetze der Physik scheinen heute außer Kraft gesetzt! Auch das hübsche Hellblau ist verschwunden. Die Mümmelmänner haben, als Deborah unter dem Baum steht, die Farbe und Größe von grauen Zwergkaninchen. Sie bückt sich, um eins zu streicheln. Es ist sehr scheu, hoppelt sofort weg. Deborah schüttelt den Kopf.

Sie schaut nach oben, versucht mit den Augen dem Stamm zu folgen. Debby kann nicht einmal mehr den Himmel sehen, so ausladend ist die Krone.

‚Zum Ziel!’ Ihr Hirn erteilt Befehle, ohne dass sie das Gefühl hat, zu bestimmen.

Sie sieht zu dem riesigen Baum und entdeckt an der Seite einen gläsernen Fahrstuhl. Davor steht ein Mann in einer altmodischen Uniform.

„Nach oben?“, fragt er und lächelt herausfordernd, doch freundlich.

„Nach oben!“, sagt Debby mit fester Stimme. Das bisschen Höhenangst ist wohl leicht zu überwinden ... Letzten Sommer hat sie es ja auch geschafft, in dem gläsernen Fahrstuhl vom Eiffelturm von der zweiten zur dritten Ebene zu fahren.

Der Liftboy lächelt und wartet. Er macht eine einladende Handbewegung. Deborahs Knie beginnen zu schlottern. Trotzdem steht sie ein paar Sekunden später neben ihm im Aufzug.

„Nach oben?“, wiederholt er seine Frage. Sie nickt.

Ruckartig setzt sich der Fahrstuhl in Bewegung. Der Mann lächelt und Deborah lächelt verkrampft zurück.

„Aaaaaachtungggg feeeesthaltennnn!“, schreit der Uniformierte, als wäre er plötzlich übergeschnappt.

„Was machen Sie!“, brüllt Debby zurück, „Sind Sie vollkommen durchgeknallt? Anhalten, anhalteeeeen!“

Der Fahrstuhl steigt mit rasanter Geschwindigkeit immer höher und höher in den Baum. Wie von einem Katapult geschleudert bewegt sich der Aufzug durch die dichtbelaubte Krone, bevor er über sie hinaus schießt.

‚Oh neeeein … oh nein, oh nein, oh nein, oh nein!’ Der Liftboy verschwindet. Er löst sich direkt vor ihren Augen auf! Deborah ist allein in ihrem durchsichtigen Gefängnis. Durch die Auftriebskraft fliegt sie noch ein Stück weiter, mitten in die Tiefe des Universums.

‚Alles klar, ich lebe nicht mehr. Wie auch!’, stellt sie nüchtern fest. Sie ist fast ein wenig erleichtert. ‚So einen Aufprall auf die Erde zu erleben, ist sicher keine angenehme Sache! Halt! Stopp! Wenn ich denke, bin ich! Oder nicht?’ Deborah öffnet die Augen wieder, ihr ist entgangen, wann sie die geschlossen hat.

„Wow!“ Ihr bietet sich ein gigantisches Bild. Sie treibt zwischen funkelnden Sternen, Planeten und Monden sanft schaukelnd hin und her. Als sie am Erdmond vorbei schwebt, erkennt sie deutlich einen Mann, der die amerikanische Flagge hin und her schwenkt. „Stimmt also doch!“, jubelt Deborah, „Es gibt den Mann im Mond!“

‚Es ist … es ist wunderschön!’ Nahezu unglaublich, traumhaft …

‚Zu schön um wahr zu sein …’, denkt Debby. Mit einem Ruck hält ihr gläsernes Gefährt an. Aus einem Lautsprecher im Fahrstuhl klingt Glockengeläut.

„Gong, gong, gong …“

‚Es ist gleich zwöhölf, Aschenbrödel muss nach Hause’, summt es in ihrem Kopf. Was eben noch sanft geschaukelt hat, rast nun, nach dem kurzen Verharren, zielstrebig zurück zur Erde.

„Ich werde verglühen!“, wimmert Deborah vor sich hin und geht in die Hocke. Sie lehnt sich an die Glaswand. Als ein grelles Licht in ihre Augen sticht, schließt sie diese fest …

‚Was zum Geier …’ Debby kämpft sich mit kräftigen Zügen an die Oberfläche. Ihr Kopf taucht aus dem Wasser auf. Sie schnappt nach Luft und füllt damit ihre schmerzende Lunge. Sie rudert mit den Armen, ist vollkommen orientierungslos.

‚Ruhig, Mädel, ruhig!’, versucht sie sich selbst zu beruhigen. Es dauert eine Weile, bis sie klar wird. Bis ihr klar wird: Sie ist allein … schwimmt mutterseelenallein in irgendeinem Gewässer herum.

Jetzt reicht es! „Habe ich nicht schon genug durchgemacht? Hört das denn nie auf???“

Fast lautlos verhallt ihr Rufen. Dicke schwarze Buchstaben quellen wie Schaum aus ihrem Mund. Sie sieht die Worte förmlich auf den Wellen schaukeln. Sie wachsen und wie von Geisterhand formen sie sich zusammen, zu einem Floß. Mit letzter Kraft zieht sich Deborah dort hinauf. Sie liegt lang ausgestreckt auf der Wortmasse und lässt sich über die Wellen tragen.

‚Reden ist Silber! Silber hat mir schon immer besser gefallen als Gold!’

Ihr Leben, ihre Gedanken gehen seltsame Wege. Sie hat jegliches Zeitgefühl verloren, als ihr Floß an etwas stößt. Sie sieht einen Rand, hält sich fest und klettert hinüber, an das sichere Ufer. Ihre rettenden Worte sinken in das hellbraune Wasser. ‚Ist mir gar nicht aufgefallen, dass es vorhin so schlammig aussah!’

Debby beginnt sich umzusehen. „Ich sitze am Ende der Welt!“, stellt sie vollkommen überrascht fest.

„Ich lache mich gleich tot, hiihii! Du bist das dümmste Wesen, dem ich je begegnet bin!“ Der Mann, der vor ihr steht, hat das Aussehen eines Zwerges und die Gestalt eines Riesen.

„Glotz nicht so behämmert! Du siehst aus als hätten die bei dir ein Gen vergessen.“, blafft er sie an.

„Bist du der Schöpfer?“ Deborah beginnt sich zu schämen. „Ich glaube eigentlich nicht an die Gott-Geschichte.“

„Ich glaube eigentlich nicht an die Gott-Geschichte.“, äfft er sie nach. „Warum fragst du dann?! Sehe ich vielleicht aus wie ein Schöpfer? Oder habe ich rein zufällig einen Wischlappen in der Hand?“ Er wedelt damit in der Luft herum.

Er sieht so dämlich aus, dass sich Debby das Lachen nicht verkneifen kann. Lauthals prustet sie los. "Du sieht aus wie ein gigantischer Gartenzwerg!" Dabei fühlt sie sich leicht und frei.

Der Grimmige aber, der wird jetzt richtig sauer. „Lach nur, du Göre, dir werd ich…! Ständig wische ich, nur weil ihr Bekloppten zu dumm seid, richtig zu trinken!“

Deborah kann gar nicht so schnell gucken, wie sie von dem Typ zurück in die überdimensionale Milchkaffeetasse gestoßen wird. ‚Kaffeetasse?’ Wieder umschließt Debby dunkle Nacht …

„Dein Kaffee wird kalt!“ Mutter liegt auf dem Sofa und sieht sie an. „Mum, spinnst du?! Deborahs Herz schlägt wie wild. „Die Trauergäste sind gerade gegangen. Wir haben dich beerdigt. Heute, vorhin! Das kann doch nicht dein Ernst sein, jetzt!“ Die Panik treibt Debby den Schweiß in die Poren. „Mum, wie kannst du nur! Haaa-aahhh …!“

Deborah schreit und schreit und am liebsten würde sie nie mehr damit aufhören. Vor ihren Augen klappt die Mutter wie ein Taschenmesser zusammen und schrumpelt zu einer handtellergroßen Rosine.

Die platzt zischend auf. Aus ihr kriecht eine pummelige Fee heraus. Sie winkt Debby kurz zu, dann fliegt sie lachend gen Himmel. Hinter ihr beginnt sich ein großes, schweres Tor zu schließen. Die himmlischen Glocken läuten …

Die himmlischen Glocken rasseln … Rasseln?

‚Wecker’, denkt Deborah und schlägt die Augen auf.

„Na, Liebes, was Schönes geträumt?“ Ihr Mann küsst sie und streichelt ihre Wange.

Aber sie … sie erinnert sich nicht mehr! Das Tor ist wieder ganz fest verschlossen.

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