Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Mai 2006
Entre Dos Tierros
von Bernhard Röck

Ich musste die neue Wohnung meiner Freundin Elke streichen.

Sie war auf Shoppingtour.

Na toll … Alles blieb an mir hängen. Wie immer.



Aus dem billigen Radio plärrte verzerrt Entre Dos Tierras der Helden der Stille. Das Lied hallte melancholisch durch die leeren Räume.

Ich spreche kein Spanisch, aber ein paar Brocken verstehe ich. Zwischen zwei Welten … Den Song mochte ich. Klang nach Weite. Selbst aus so einem Schrottkasten.

Ich stieg von der Leiter und schmiss den Farbroller in den Eimer, dass die Farbe nur so an die Wände spritzte.

Vom Balkon aus sah ich die Apfelbäume im Garten. Sie blühten in unterschiedlichen Weiß- und Rosatönen. Insekten summten durch die blumendufterfüllte Luft. Grüne Hügel breiteten sich bis an den Horizont aus, gesprenkelt mit einzelnen Häusern und kleinen Ortschaften. Hohe, bläulich schimmernde Berge mit weißen Spitzen lockten mich.

Ich versuchte das Kribbeln in meinen Händen zu ignorieren, versuchte das Gefühl zu unterdrücken. Das Gefühl, das ich bekomme, wenn ich mit dem Motorrad über die Alpen presche, Serpentinen erklimme, bis ich Passhöhen erreiche, wo ich die Aussicht an so einem Tag genieße.

Vergebens. Auf einmal sah ich vor mir weiße Gletscher, die leise plätschernd in der Sommerhitze schmolzen.

Doch rasch wurde mir klar, wo ich mich tatsächlich befand: in einer leeren Wohnung, in Malerklamotten, umgeben von ungestrichenen Wänden. Meine Motivation tendierte gegen Null.

Ich holte mir ein Bier und drehte mir eine Zigarette. Wenigstens ein kleines Päuschen wollte ich mir gönnen, in der Wärme dahin träumen.

Das kühle Getränk rann mir die Kehle hinab und nahm meinen Ärger mit. Lichtstrahlen streichelten mein Gesicht. Ich zog an meinem Glimmstängel, sah dem aufsteigenden Rauch in den Himmel nach. Kein Wölkchen ließ sich blicken. Reisewetter, dachte ich. Motorradwetter.

Ein Flieger zog hoch über mir seine Bahn, malte einen weißen Strich ins Blau.

Wie schön ihr’s habt, dachte ich und schloss die Augen.

Der Alkohol versetzte mich in einen wohligen Zustand: leicht und beschwingt. Ich schweifte ab, vergaß die Anstreicherei …



Ich jagte mein Motorrad den Fedaiapass hinauf, meinen Lieblingspass in den Dolomiten. Nach einigen schnurgeraden Kilometern mit einer Wahnsinnssteigung folgten unzählige Serpentinen mit Spitzkehren, die Mensch und Maschine alles abverlangten. Der kleine Einzylinder brummelte heftig. Alles schien so einfach. Es gab nur mich, die Maschine … und diesen Tag der Freiheit.

Als ich die Passhöhe erreichte, stockte mein Atem.

Was für ein Anblick …

Mehrere Kilometer zwischen blaugrau schimmernden Granitriesen hindurch, zur Linken ein Stausee, rechts ein Bergkamm, dessen Namen ich nicht mehr wusste, links vom See die Marmolata mit einem grau-weißen Gletscher obenauf.

Am Ende der Höhe, kurz bevor es wieder nach unten ging, hielt ich an einem Kiosk. Man hatte dort einfache Sitzgelegenheiten aufgestellt, so dass man bequem seinen Cappuccino trinken konnte, während man den Ausblick auf die Gipfel genoss.

„Ciao!“ Der nicht zu überhörende Italoakzent gehörte dem jungen Mann, der das Lokal betrieb. „Was möchtest du haben?“

Ich bestellte.

Er ging wieder in die kleine, provisorisch anmutende Bude zurück.

Ist schließlich Italien, dachte ich, hier ist nicht alles so spießig, so perfektionistisch wie in Deutschland.

Kurz darauf brachte er mir den Kaffee, der wunderbar roch. „Ist super Wetter für Motorradfahren, e?“ Er strahlte.

Ich nickte. „Stimmt. Super Wetter … super Cappuccino ... und diese Berge … phantastisch!“

Er freute sich sichtlich, dass mir seine Dolomiten gefielen und tänzelte fröhlich in seinen Verschlag zurück.

Ich hörte ein Motorrad heran kommen. Italienisches Fabrikat, eine Moto Guzzi. Der Fahrer hielt. Stellte die Maschine lässig auf dem Seitenständer ab. Schlüpfte aus dem knallroten Helm, unter dem glänzendes, schwarzes Haar hervorquoll.

Eine Fahrerin, aha. Und was für eine!

Sie setzte sich einen Tisch weiter. „Ciao bello.“, sagte sie.

„Ciao …“, sagte ich verwundert. Was für ein Tag.

Sie bestellte einen Espresso, dann setzte sie die Sonnenbrille ab. Haselnussbraune Augen über einer leicht geschwungenen Nase.

Sie strich mit zarten Fingern durch ihr schimmerndes Haar.

Ich bemerkte, dass ich sie mit offenem Mund anstarrte. Wie beiläufig schloss ich ihn.



Sprich sie an! Jetzt! Tu’s … na los!

„Ich …“

Sie wandte sich zu mir um.

„Si?“ Sie sah mich erwartungsvoll an.





In diesem Moment hörte ich die Wohnungstür. „Wo ist der Kerl schon wieder?“, sagte eine Frauenstimme.

Scheiße, dachte ich. Elke war zurück, früher als erwartet.

„Alex, bist du da?“



Ich antwortete nicht, wollte die Bilder in meinem Kopf festhalten. Vor allem die Motorradfahrerin, die mich noch immer ansah.

„Si?“



„Wo steckst du? Warum streichst du nicht? Hast ja kaum eine Wand fertig … Na warte.“



Die Italienerin in meinem Kopf hörte auf zu lächeln, sah auf einmal traurig aus. Sie bestieg ihre Maschine, startete und verschwand.



Ich öffnete die Augen.

Meine Freundin trat auf den Balkon.

„Da steckt der feine Herr … sitzt in der Sonne … säuft Bier … Warum arbeitest du nicht, du fauler Mistkerl?“ Sie sah nun gar nicht nach Italien aus. Eher nach Vorhof zur Hölle …

„Ich hab …“. Eigentlich wusste ich nicht, was ich sagen wollte.

„Ich sehe, was du hast … gesoffen und gepennt.“ Zorn sprühte aus ihrem Blick.

„Ich hab mich ein wenig gesonnt … bin eingenickt.“

„Geschlafen hat er, der saubere Herr. Das kann er, faulenzen. An mich denkt er dabei natürlich nicht.

Du musst die Wohnung heute fertig streichen … sagte ich dir doch. Ich will morgen einziehen. Die Möbelpacker sind bestellt. Wie steh ich denn sonst da? Hab ich dir das gesagt oder nicht?“

Wieder mal wurde ich ganz klein. Sie schaffte das immer. Warum tat ich mir dieses Weib an?

Auf einmal wurde es mir zuviel.

„Weißt du was?“, fragte ich.

Elke verstummte zum ersten Mal, seit sie den Balkon betreten hatte. Sie sah mich erstaunt an. Nach ein paar Augenblicken fragte sie: „Was?“

„Vielleicht sollte ich endlich mal etwas tun, statt …“

„Natürlich solltest du das“, unterbrach sie mich, „streichen.“

„Nein, das kannst du selber machen. Ich gehe jetzt Motorradfahren.“ Ich stand auf.

„Wenn du das tust, brauchst du dich bei mir nie mehr blicken zu lassen.“

„Hab ich auch gar nicht vor, meine Liebe!“ Ich ließ sie stehen.



Der Tag war erst halb vorbei und noch schien die Sonne. Für eine kleine Tour reichte die Zeit.

Ich war gespannt, wie weit ich kommen würde …

Entre Dos Tierras …

Träume sind schön, aber gelebte Träume sind das Nonplusultra.

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