Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Mai 2006
Träume werfen Schatten
von Sonja B.-Hoffmann

„Guten Morgen Frau Dr. Barthel. Danke, dass Sie gekommen sind.“ Hauptkommissar Konrath streckte ihr die Hand entgegen.

„Meine Beamten wissen nicht weiter.“ Der Polizist deutete auf eine Glasscheibe, durch die man in das Vernehmungszimmer sehen konnte. „Dort sitzt sie.“

Eine zierliche Frau saß zusammengesunken auf einem Holzstuhl. Sie starrte regungslos auf den kleinen Tisch vor sich. Ihre Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß.

„Was hat sie gesagt?“ Die Psychologin wandte sich dem Beamten zu.

„Nicht viel. Sie stolperte vor einer Stunde ins Präsidium und stammelte, dass sie jemanden getötet habe. Ihre Hände waren voller Blut. Nach der Schnellanalyse stammt es eindeutig von einem Menschen. Sie selbst ist nicht verletzt. Eine Kollegin hat versucht, wenigstens ihren Namen und etwas über den Tatort herauszubekommen. Aber die Frau sagte, es sei zu spät und seitdem schweigt sie. Wir haben sämtliche eingegangenen Notrufe in den letzten Stunden überprüft. Ergebnislos. Möglicherweise lebt diese Person noch. Wir hoffen nun, dass Sie …“

„Ich werde mein Bestes tun, Herr Konrath. Lassen Sie mich zu ihr.“





Die Frau rührte sich nicht als Gudrun Barthel das Zimmer betrat. Nur bei genauem Hinsehen sah man, dass sie ihre Fingernägel tief ins Fleisch grub.

„Guten Tag, mein Name ist Gudrun Barthel.“ Leise zog die Psychologin den zweiten Stuhl unter dem Tisch hervor, um sich setzen zu können. „Ich möchte Ihnen helfen.“ Sie forschte bei ihren Worten nach Regungen im Gesicht der Frau. Ein leichtes Zucken unter den dunkel geränderten Augen verriet ihr, dass sie sie wahrgenommen hatte.

„Wie darf ich Sie ansprechen?“

„Ich habe getötet.“ Die Worte der Frau kamen zögerlich hervor. Ihre Augen fixierten weiterhin einen Punkt auf der Tischplatte.

„Frau …?“ Gudrun Barthel wartete. „Bitte, wie heißen Sie?“

Die Frau wiederholte kaum hörbar den gleichen Satz.

„Geht es um Ihren Mann?“

Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. Eine Träne tropfte auf ihre Hände.

„Sind Sie verheiratet?“ Es dauerte, dann verneinte sie wieder lautlos. Die Psychologin spürte, dass es nicht um einen Mann ging. Etwas fehlte im Gesichtsausdruck der Frau bei ihrer Fragen. Ein Hinweis auf Wut, Eifersucht oder ähnliches. Sie wusste, dass ihr Gefühl sie bisher nie im Stich gelassen hatte. Es musste sich um jemanden anderen handeln. Die Frau befand sich zweifelsohne in einem psychischen Ausnahmezustand. Gudrun Barthel dachte an Kinder, die meist die größere Rolle neben dem Partner spielten. Sie schauderte bei dem Gedanken. Die Frau war schätzungsweise Mitte dreißig. Das mögliche Opfer müsste dann noch sehr jung sein.

„Geht es um ihr Kind?“ Intensiv beobachtete die Psychologin die Frau. Sie sah, dass sie bebte. „Ihre Tochter?“

„Ich habe sie getötet.“

Ein Schauer fuhr der Psychologin über den Rücken. Sie war auf der richtigen Fährte. Aber was hatte diese Frau bewegt, das, was auch immer geschehen war, zu tun? Gudrun Barthel wurde als Polizeipsychologin mit den verschiedensten Tätern und Opfern konfrontiert. An die Gesichter der betroffenen Kinder würde sie sich nie gewöhnen können.

„Wie heißt ihre Tochter?“

Die Frau schwieg. Die Tür zum Vernehmungszimmer öffnete sich und Konrath winkte der Psychologin. Gudrun Barthel stand auf und ging langsam zu ihm.

„Wir haben ein S-Bahn-Ticket bei ihren Sachen gefunden“, begann er. „Möglicherweise hilft Ihnen das weiter. Es ist eine Streifenkarte, jeweils Fahrtbeginn Therese-Giehse-Allee beziehungsweise Marienplatz. Nach den abgestempelten Zeiten dürfte sie in Neuperlach wohnen und im Stadtzentrum arbeiten.“

„Verkäuferin vielleicht“, überlegte Gudrun Barthel. „Allerdings ihren rauen Händen nach zu urteilen, scheint sie viel mit Putzmittel in Berührung zu kommen. Ich vermute, dass sie allein stehend ist und eine Tochter hat, Alter unbekannt. Sie könnte bei einer größeren Reinigungsfirma arbeiten, die wiederum für Kaufhäuser oder irgendwelche Büros zuständig ist. Da könnte man nachhaken, finden Sie nicht?“
“Wissen Sie, wie viele solche Unternehmen es in München gibt? Mit diesen vagen Angaben, die wir machen können …“
“Herr Konrath, bevor wir nutzlos die Zeit verstreichen lassen, ist das schon mal was und ich versuche weiter mein Bestes. Die Frau steht unter einem schweren Schock. Ich werde jetzt etwas ausprobieren.“

Die Psychologin schnappte sich Papier und Stifte und verschwand im Vernehmungszimmer. Langsam schob sie ein leeres Blatt in das Blickfeld der Frau und begann zu zeichnen.

„Wie sieht ihre Tochter aus?“, fragte sie und malte einen schmalen Kopf.

„Hat sie lange oder kurze Haare?“

Die Frau reagierte nicht.

„Wahrscheinlich lange wie die meisten.“ Gudrun Barthel konnte nicht gut zeichnen, aber das Mädchen war klar erkennbar mit großen runden Augen, einem lächelnden Mund, einem kurzen Kleid und einfachen Schuhen. Dann nahm die Psychologin einen Buntstift. „Es ist einfach passiert, nicht wahr!“ Sie begann die Fläche um ihre Figur auszumalen und ließ dabei die Frau nicht aus den Augen. Alles wurde rot.

„Nein!“, schrie die Frau und schob das Papier vom Tisch. Ihr ganzer Körper zuckte. Tränen quollen aus ihren Augen. „Ich wollte es nicht, ich wusste doch nicht, dass sie so litt. Ich wollte nur ihr Bestes!“

„Was ist passiert, Frau …“

Sie blieb stumm. Ihr Blick haftete auf der Tischplatte. Ihre tiefen Atemzüge verrieten Gudrun Barthel, dass es in ihr arbeitete. Sie musste dranbleiben.

„Geht Ihre Tochter zur Schule? In Neuperlach vielleicht.“

„Sandy geht ins Gymnasium. Sie ist eine gute Schülerin.“

Sandy! Hoffentlich hatte Konrath es gehört. Das Mädchen hieß vermutlich Sandra, ein weiteres Puzzle-Stück und das Gymnasium lag, wenn sie Glück hatten, in der Nähe der Wohnung. Ihrer Erinnerung nach gab es lediglich zwei, die in Frage kamen.

„Ich habe sie zu sehr unter Druck gesetzt“, stammelte die Frau weiter. „Sie war gut, doch …“

Die Psychologin blieb stumm. Sie hatte den Stein ins Rollen gebracht. Jetzt durfte sie nichts Falsches sagen.

„Warum war ich immer unzufrieden? Eine drei ist doch eine gute Note. Ich hätte zufrieden sein müssen, aber ich habe sie angeschrieen und nicht aufgehört, obwohl ich sie zittern sah.“ Die Frau schluckte und fuhr stockend fort: „Sie sollte nicht so leben müssen wie ihre Mutter. Ich war so froh, dass sie den Übertritt geschafft hatte …“

„Was ist geschehen?“

„Mit Französisch ging es gut und mit Mathe, das war nur ein Ausrutscher hat sie gesagt … Sie hätte es schaffen können, studieren und nicht jeden Cent umdrehen. Warum hat sie nichts gesagt …?" Die Frau schluchzte auf.

Die Psychologin notierte kurz auf einen Zettel: „Gymnasien in Neuperlach überprüfen, vermutlich sechste oder siebte Klasse. Name wahrscheinlich Sandra, Spitzname: Sandy, heute zum Unterricht unentschuldigt nicht erschienen, allein erziehende Mutter, Reinigungsfrau“, und reichte ihn Konrath hinaus. Diese Angaben mussten genügen. Dann wandte sie sich wieder der Frau zu.

„Bitte, wie heißen Sie, wo wohnen Sie? Vielleicht kann man ihr noch helfen.“
Die Frau schüttelte den Kopf. „Zu spät. Ich habe sie verloren. Ich habe alles verloren.“

Gudrun Barthel legte sanft ihre Hand auf den Arm der Frau. Sie ließ sich nicht mehr beruhigen. Die Psychologin wartete.



Nach einiger Zeit öffnete sich die Tür zum Vernehmungszimmer. „Wir haben sie“, flüsterte Konrath. Gudrun Barthel schaute zur Frau und erhob sich dann.

„Leider zu spät! Das Mädchen hat sich die Pulsadern aufgeschnitten.“ Konrath überreichte der Psychologin einen handgeschriebenen, tränenverschmierten Brief:



Liebe Mama,

ich schaffe es nicht, deine Träume zu erfüllen.

Verzeih mir.

Deine Sandy

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