Der Tod aus der Teekiste
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Mai 2006
Träum' weiter Baby
von Claudia Späth

Lieblos zieht der Postbeamte den Umschlag über das Stück Theke, welches uns trennt, und lässt ihn hart in eine Kiste fallen, in der er unter vielen anderen Umschlägen verschwindet. An den „Mai & Waldhaus Verlag“ hatte ich mit einem dicken Filzstift darauf geschrieben und ich hoffe, der Mann von der Post wird sich eines Tages ärgern, nicht schon jetzt ein Autogramm von mir erbeten zu haben.



Als ich wieder auf die Straße trete, bilde ich mir ein, jeder könnte sehen, dass ich soeben mein aller erstes Manuskript auf eine weite, hoffnungsvolle Reise geschickt habe. Wie ein Gockel plustere ich mich auf, lasse die Augen voller Stolz blitzen und höre schon das Schellen des Telefons, das Klappern des Briefkastendeckels, wenn, ja, wenn die so haltlos ersehnte Zusage kommt. Der Gedanke daran füllt meinen Körper mit Adrenalin und lässt mein Herz frei und fröhlich gegen die Brust klopfen.

Während ich die Türe aufschließe und durch das Treppenhaus laufe, erwische ich mich dabei, wie mein Blick auf den Briefkasten fällt.

„Jetzt sei nicht albern“, ermahne ich mich selber, „so schnell geht das nun auch wieder nicht.“

In der Wohnung vermeide ich aus eben erwähnten Gründen den Anrufbeantworter abzuhören. Stattdessen mache ich mir einen Instant-Kaffee mit viel Zucker und flüssiger Sahne, statt Kondensmilch. Habe ich auch alles mitgeschickt? Ist das Foto auf der Rückseite beschriftet? Habe ich den richtigen Ausdruck eingepackt, den, mit den Kopf und Fußzeilen? Ist die CD ROM in Ordnung? Ist mein Absender auf dem Umschlag?

„Du kannst jetzt eh nichts mehr ändern“, versuche ich mich zu beruhigen, „überhaupt, du kannst froh sein, wenn die sich die Mühe machen dir wenigstens eine Absage zu schicken.“ Mit einem süßen, sahnigen Schluck Kaffee versuche ich diese Gedanken hinunter zu spülen.

Am Nachmittag kommt Silla um mir vorzusingen. Ich sei ihr einziges aber bestes Publikum, sagt sie, räuspert sich, legt eine Hand auf ihre Brust und füllt meine Küche mit einer italienischen Arie. Ich habe ihr den Rücken zugewendet, denn wenn ich sie anschaue, muss sie lachen. Meine Haut beginnt angenehm zu frieren, weil mich Sillas Stimme sehr bewegt aber trotz aller Bemühungen schaffe ich es nicht bei ihr zu bleiben. Als ihr Guiseppe vor Liebe in einer italienischen Gondel auf die Knie geht, sehe ich mich in einem Zug, einen kleinen Koffer im Gepäcknetz, die Einladung des Verlages in der Hand. Silla trifft nicht alle Töne, aber das ist nicht schlimm, sie singt ja nur für sich, nein, eine Studioaufnahme ist viel zu teuer und irgendwo Vorsingen, dazu fehlt ihr der Mut. Wie einfach es doch für mich war, den braunen, gepolsterten Umschlag mit einer Briefmarke bekleben und in die Hände eines Lektors bringen zu lassen. Niemals würde ich sein vielleicht entsetztes Gesicht sehen, wenn er meine mühevoll erarbeiteten Sätze überfliegt, niemals würde ich wissen, was er sich denkt, wenn er mein Foto sieht, auf dem ich sechs Jahre jünger bin als jetzt. Silla würde man ihre Niederlage direkt ins Gesicht schleudern wenn ihre Stimme nicht das erreicht, was man von ihr erwartet. Voller Mitgefühl klatsche ich begeistert in die Hände, obwohl die Arie noch nicht beendet ist. Meine Vita hat nichts vorzuweisen, kein gewonnener Wettbewerb, keine Anthologie, in der mein Name steht, keine Prosa in einer Literaturzeitschrift, nichts, womit ich dem zur Zeit wichtigsten Menschen in meinem Leben, dem Lektor des Mai & Waldhaus Verlages, imponieren könnte.

Siebzehn Monate habe ich an dem Buch gearbeitet, wirklich hart und ernsthaft hatte ich jeden Abend mehr oder weniger pünktlich ab achtzehn Uhr Wort für Wort in mein Notebook eingegeben. Die Seiten hatten sich gefüllt, meine Wangen geglüht, meine Schultern verkrampften sich schmerzhaft aber da ich überzeugter Single bin, gab es niemanden, der sie weich und schmerzfrei massiert hätte. Blockaden wurden mit Solitär und Mahjongg überbrückt, ich hatte mir das Rauchen angewöhnt und mir selber zugeprostet. Alle haben gewusst, was ich tue, warum ich nicht mehr über das aktuelle TV Programm mitreden konnte, weshalb ich so müde Augen hatte. Lesen wollte es keiner, außer Silla, die mich mit brauchbaren Kommentaren voran trieb und mehr als ein mitleidiges, müdes Lächeln für mich übrig hatte.

Silla trinkt ein paar Schlucke Wasser direkt aus der Flasche und fragt ob ich etwas Klassisches oder etwas Rockiges hören möchte. Melissa Etheridge wünsche ich mir. Sie räuspert sich, legt eine Hand auf ihre Brust und füllt meine Küche erneut mit ihrer wirklich schönen Stimme.

Den einhundertdreiundneunzig- Seitigen Text, meinen Roman, mein Kind, mein Werk, mein Ich, hatte ich insgesamt einundzwanzig Mal ausgedruckt, bis alles fertig, sauber und zum Abschicken bereit war. Einen Rabatt auf Papier und Tinte bekam ich nicht.



Mit geschlossenen Augen lausche ich Sillas Stimme, dabei sehe ich meine Hand, die in ein Bücherregal der örtlichen Buchhandlung greift um dort eine gebundene Ausgabe meines Buches heraus zu ziehen, ich sehe die Verkäuferin, die auf mich zukommt, mich begrüßt und meinen Namen kennt.

Ja, Schriftsteller wollte ich schon immer werden, höre ich mich in meiner Vorstellung zu einem Reporter der Zeitschrift „bücher“ sagen, der mich um ein Interview in meiner Wohnung gebeten hat. Danach würde ich nach Hamburg reisen um Abends in der Talk Runde „Drei Nach Neun“ neben Giovanni Di Lorenzo sitzend, über die Entstehung meines grandiosen Romans zu erzählen.

Silla hat kurzes dunkles Haar und tellergroße, runde Augen, sie spiegelt sich in einem Bilderrahmen, was ich ihr aber nicht sage. Kurz denke ich an Rabea Edel und ich schöpfe etwas Hoffnung, denn sie hat es schließlich auch geschafft, mit 23 Jahren und nur 160 Seiten. Auch wenn es nicht der Mai & Waldhaus Verlag ist, denke ich mir, irgendwann wird es irgendjemand nehmen, sollte es nicht dieses Manuskript sein, dann ein anderes. Zufrieden strecke ich meine Arme hinter den Kopf, betrachte Silla im Bilderrahmen, erfreue mich an ihrer geübten Stimme und bin voller Hoffnung.

„Das hat mir wirklich sehr gut gefallen“, ermuntere ich sie und applaudiere. Silla lacht verlegen und setzt sich zu mir.

„Vielleicht sind wir gar nicht so schlecht, wie wir denken. Vielleicht entdeckt doch mal jemand unsere Kunst“, sage ich ernsthaft während ich einen Arm um ihre Schultern lege. Silla lehnt sich zurück und bevor sie einen Schluck aus der Flasche nimmt sagt sie: „Träum weiter, Baby.“



Anmerkung: Rabea Edel: Das Wasser in dem wir schlafen, Luchterhand, ca. 160 Seiten.

Zur Zeit blickt sie mit kurzem, schwarzem Haar, und, so finde ich, großen, runden Augen von fast jeder Literaturzeitschrift.



Den Mai & Waldhaus Verlag habe ich erfunden aber alles andere ...ein bisschen.

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