Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Mai 2006
Das Beste für ihn
von Christine Hettich

„Sei vernünftig, ihr habt eine Verantwortung euren Kindern gegenüber.“

„Margit, weißt du, was du da sagst? Er ist doch auch unser Sohn.“

„Das ist wohl kaum das Gleiche.“

Margit, meine liebe Schwester! Natürlich muss auch sie sich in mein Leben einmischen. Als ob die endlosen Diskussionen mit meinem Mann nicht ausreichend wären.

Es geht um Alex, unser Adoptivkind. Morgen bringen wir ihn in ein Heim. Die gesamte Familie hat es sich zur Aufgabe gemacht, mich davon zu überzeugen, dass er dort besser aufgehoben sein wird.

„Hättest du nur auf mich gehört Ines,“ skandierte meine Mutter, „was habe ich dir damals gesagt? Ihr habt zwei eigene, gesunde Kinder. Wieso wollt ihr euch das antun und ein fremdes aufnehmen? Wer weiß, was es für eine Vorgeschichte hat? Aber du musstest ja deinen Dickkopf durchsetzen. Wie immer!“



Ich erinnere mich, wie ich das kleine Bündel Mensch zum ersten Mal in meinen Armen hielt. Zwölf Jahre ist es her. Norbert und ich waren nach Weißrussland geflogen um ihn aus diesem scheußlichen Waisenhaus zu holen. Tim und Lea, unsere Zwillinge „meine leiblichen Enkel“, wie meine Mutter stets betont, blieben solange bei Margit.

„Ist er nicht auffallend zierlich für achtzehn Monate,“ fragte mich Norbert.

„Das wird er bald aufholen. Mach dir keine Sorgen. Schau doch, dieses süße Stupsnäschen.“

„Er sieht irgendwie teilnahmslos aus, findest du nicht?“

„Wundert dich das? Schau dir nur diese Umgebung an: schmutzig, traurig, grau. Die Kinder, den ganzen Tag allein in ihren Gitterbettchen wie im Gefängnis. Der arme Kerl hat es bisher nicht leicht gehabt. Wir kriegen das schon hin, du wirst sehen.“



Wir haben es nicht hingekriegt.

Unser Sohn leidet unter einer seltenen Form von Autismus. Er lebt in seiner eigenen Welt, erträgt keine körperliche Nähe oder Berührung, meidet weitgehend jeden Blickkontakt.

Ich habe alles versucht um ihn aus seiner Isolation heraus zu holen, ihn zum Sprechen zu bringen. Ohne Erfolg. Es hat mich meine gesamte Kraft gekostet. Tim und Lea haben darunter gelitten. Natürlich auch Norbert. Heute ist unsere Familie krank. Wir streiten nur noch.

Aber ich liebe Alex und weiß, dass auch er uns liebt. Er kann es nur nicht zeigen. Mein letzter Versuch, meinen Mann davon zu überzeugen endete in einem Debakel.

„Akzeptiere endlich die Wahrheit“, schrie er. „Unser Sohn kennt uns gar nicht. Im Heim werden ihn lediglich die Veränderungen irritieren. Uns wird er keine Sekunde vermissen. So einfach ist das.“



Das war heute Abend. Müde und kraftlos lasse ich mich ins Bett fallen. Ich habe mich in Alex´ Zimmer eingerichtet, will die letzte Nacht bei ihm verbringen. Tim und Lea sind bei meiner Schwester. Der Schlaf überwältigt mich sofort.



„Mama, wach auf.“

Ich reibe mir die Augen. Das Licht ist an. Alex rüttelt an meiner Schulter.

„Alex, du sprichst ja.“

Er schaut mir tief in die Augen. Was passiert hier? Ich muss Norbert wecken. Als ob er Gedanken lesen könnte, versperrt mir mein Sohn den Weg, stellt sich in den Türrahmen.

„Nur du und ich Mama und nur heute Nacht. Es strengt mich zu sehr an.“

Möglicherweise ist mein Geist verwirrt, und dennoch, eine törichte Hoffnung nährt mein Herz. Meine Gedanken überschlagen sich. Ein normales Leben, mein Gott, ist das vermessen? Könnten wir ein normales Leben führen? Tränen laufen über meine Wangen und nun geschieht das Unfassbare. Alex nimmt mich in den Arm und drückt mich fest an sich.

„Nicht weinen, Mama, ich hab dich lieb.“

„Ich habe dich auch lieb mein Sohn, auf diesen Moment warte ich seit ...“

„Seit ihr mich aus dem Waisenhaus geholt habt?“

„Daran erinnerst du dich?“
„Nicht wirklich, aber Papa und du habt euch oft darüber unterhalten.“

„Warum hast du nie mit uns gesprochen?“

„Das ist nicht so einfach. Ich bin anders.“

„Erkläre es mir, lass mich an deinem Leben teilhaben.“

„In eurer Wirklichkeit bin ich schutzlos. Papa glaubt, ich könnte keine Gefühle empfinden. Das Gegenteil ist der Fall! Ich empfinde sie ohne jeglichen Filter in einer unerträglichen Intensität. Um zu überleben, musste ich mir meine eigene Welt bauen, mich dorthin zurückziehen.“

„Aber diese Welt ist ein Gefängnis, verstehst du das nicht?“

Alex setzt sich aufs Bett und weint still vor sich hin. Ich stehe mitten im Raum wie angewurzelt. Wie gern würde ich ihn an mein Herz drücken, doch es gelingt mir nicht. Ein Jahrzehnt lang hat sich mein Kind jeder erdenklichen Art der Zuwendung verwehrt. Mir war keine andere Wahl geblieben als meine emotionalen Impulse zu unterdrücken. Nun bin ich regelrecht gelähmt.

„In der Realität habe ich keine Chance, Mama. Versuche dich in mich hinein zu versetzen. Ich kann fühlen wenn jemand lügen wird, schon bevor er den Mund aufmacht, spüre die kleinste Unstimmigkeit, die winzigste Veränderung. Am allerschlimmsten aber ist es, wenn ich bemerke wie sehr Menschen mich ablehnen. Sie sprechen es zwar nicht so offen aus wie Tante Margit oder Oma.“ Er senkt den Kopf bevor er mit ganz leiser Stimme hinzufügte: „Oder Papa.“

„Mein armes Kind“, stammle ich.

Ist es möglich, dass er die ganzen Jahren über alles erfasst hat ohne sich selbst mitteilen zu können? Wie sehr er gelitten haben muss. Was für ein klägliches Leben! Ich spüre wie meine Seele sich vor Entsetzen zuschnürt.

„Schicke mich bitte nicht ins Heim, Matka, ich habe solche Angst.“

„Wie hast du mich genannt?“

„Matka, das ist das einzige Wort auf Weißrussisch an das ich mich erinnern kann, es heißt Mama. Bitte schiebe mich nicht ab, das wäre als würde man mich ein zweites Mal aussetzen.“

In den Augen meines Sohnes erkenne ich Trauer und Einsamkeit, die mir unerträglich sind. Ich spüre wie ich in ein mentales Durcheinander gerate. Ein Schauder durchfährt mich. Alles dreht sich um mich herum. Ich verliere das Bewusstsein.



„Wach auf Ines, das Frühstück ist fertig.“

Mein Mann steht neben dem Bett, streichelt sanft mein Haar. Das hat er schon lange nicht mehr getan.

„Du weißt doch“, fügt er hinzu, „Heute bringen wir ihn ins Heim.“

Ich schrecke auf. Alex!

„Alex.“

Er sitzt auf seinem Bett, schaukelt monoton hin und her, wedelt mit den Händen, macht unentwegt Geräusche. In seinem Gesicht erkenne ich die gewohnten, krampfartigen Tics.

Langsam gehe ich auf ihn zu, will ihm über das Haar streicheln. Er schreckt zurück, sein Blick weicht dem meinen aus. Seine Augen sind ausdruckslos und leer.

„Liebling, du musst nicht ins Heim, ich...“

„Was zum Teufel redest du da Ines, es war alles besprochen!“

„Norbert, du weißt nicht was heute Nacht passiert ist.“

Wie im Rausch erzähle ich ihm alles. Traurig schüttelt er den Kopf.

„Das hast du nur geträumt Schatz. Es war alles zu viel für dich in letzter Zeit. Du musst dich ausruhen. Ich werde Dr. Schmucker anrufen, er soll dir eine Beruhigungsspritze geben. Ich bringe den Jungen allein weg. Gott sei dank sind die Zwillinge bei Margit gut aufgehoben.“



So weit ist es also gekommen, ich bin dabei meinen Verstand zu verlieren. Nach der Spritze sinke ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Als ich aufwache fühle ich nur eine entsetzliche Leere in mir. Ziellos irre ich durch das Haus. Die ungewohnte Stille stürzt mich in eine noch größere Einsamkeit. Ach, wer hat denn den Computer eingeschaltet? Als ich aus Versehen die Maus berühre, schaltet sich der Bildschirmschoner aus. Ein Word Dokument ist geöffnet. In großen, roten Buchstaben steht geschrieben:

Matka!

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